Hans-Dampf in allen Gassen – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 2 – Liane R. Anderson


Liane war so wie dieser Mann auf der Zielscheibe für die Messerwerfernummer in der Manege

Der Messerwerfer ist im Zirkus Standard – Foto © Jessla

Kuckuckskind – Erlebnisbericht – 27. DezemberLiane R. Anderson – Sofort nachdem ich am nächsten Morgen aufwache, ist sie wieder da- diese ungeheuerliche Vermutung, die Mama in mir ausgelöst hat. Ich liege wach in meinem Bett und lasse noch einmal die Worte und das Verhalten meiner Mutter von gestern Nachmittag Revue passieren. Schon komisch, dass ein wildfremder Mann Fotos von mir möchte. Es hat bestimmt nichts zu bedeuten, ist vielleicht nur Zufall, versuche ich mir beruhigend einzureden. Um mich abzulenken, kümmere ich mich den ganzen Tag um meine Familie und den Haushalt. Trotzdem ist es mir nicht möglich meine Gedanken abzustellen und ich versuche mich an den Besuch von Christian damals 1988 zu erinnern. Er war drei Tage mit seinem Zirkus bei uns in der Stadt gewesen. Mir fällt ein, dass ich zusammen mit meiner Mutter bei ihm in seinem Wohnwagen saß. Dabei klagte er ein paar Mal darüber, dass sein Augenlid seit Tagen so zittern würde. Ich sehe diese Szene plötzlich wieder bildlich vor mir. Sehr gut kann ich mein Mitgefühl, welches ich deshalb mit ihm hatte, nachempfinden. Während ich krampfhaft mein Gehirn durchforste, um mich weiterhin an irgendetwas von diesem Ereignis von damals zu erinnern, fällt mir blitzartig ein Satz ein, an den ich noch häufig im Erwachsenenalter dachte. Es muss ein paar Tage nach Christians Besuch bei uns gewesen sein. Ich kam abends unerwartet zu meinem Stiefvater ins Wohnzimmer und hörte aus versehen noch wie Gerhard sagte: “Der Christian ist ein Hans-Dampf in allen Gassen“, und meine Mutter erwiderte: „Genauso wie Liane.“

Also mal davon abgesehen, dass mir dieser Wortlaut total unbekannt war, erinnere ich mich noch genau an das befremdliche Gefühl, welches der Satz damals in mir ausgelöst hatte. Gleich darauf bohrte ich deshalb nach und wollte von Mama wissen: „Warum vergleichst du mich mit ihm?“ Sie lenkte  mit den Worten ab: „Da hast du etwas falsch verstanden. Du bist nur ein bisschen verrückt, wie der Christian auch.“

Wieder war es da, dieses traurige, erdrückende Gefühl. Ich spüre es heute noch, wie unwohl ich mich damals mit meinen zwanzig Jahren abends im Wohnzimmer gefühlt hatte. Egal, wie sehr ich mich auch bemühte, bei Mama, meinem Bruder Felix und Gerhard bedeutete ich immer die Verrückte und Sensible. Es war einfach ungerecht. Obwohl ich sehr gute Noten schrieb, sehr fleißig im Haushalt mithalf, meine Mutter in ihrem Job unterstützte und sie aufbaute, wenn es ihr schlecht ging, während Felix Fußball spielte, war ich als die Lebhafte abgestempelt. Ich weiß noch genau, wie ich mich damals traurig und weinend in Lenas* Zimmer verkroch. Lena ist die Tochter von Gerhard und drei Jahre jünger als ich. Gerne hätte ich damals mit Lena über dieses Ereignis gesprochen, aber meine Mutter hatte kein gutes Verhältnis zu ihr und deshalb wäre es mir wie ein Verrat an Mama vorgekommen. Außerdem schämte ich mich an diesem Abend halb zu Tode, weil ich mir für einen Moment vorstellte, Christian wäre mein Vater.

Ich bin froh, als Andreas von der Arbeit nach Hause kommt. Geduldig hört er mir zu, wie ich ihm zum hundertsten Mal meine Vermutung offen lege. Leider ist auch er ziemlich ratlos, was ich jetzt weiter tun soll.

*alle Namen außer meinem eigenen wurden abgeändert

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Kuckuckskind Liane R. Anderson

Bin ich ein Kuckuckskind? von Liane R. Anderson

Fortsetzung: Meine Mutter würde mich niemals belügen! – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 3

Hier geht es um ersten Teil der Serie: Mama verplappert sich und es lässt mich nicht los – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 1

Eine Auflistung aller Teile findest Du hier.

Hier zum Interview mit der Autorin: Nachwuchs! Interview mit unserer neuen Co-Autorin Liane R. Anderson

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Über Liane R. Anderson

Bin ich mit 44 Jahren noch einmal Tochter geworden? Ich wurde im Oktober 1967 geboren, bin verheiratet und habe zwei tolle Kinder. Mein gesetzlicher Vater war Alkoholiker und sehr gewalttätig. Schon früh übernahm ich die Verantwortung für meine Mutter und meinen Bruder und organisierte mit nur 13 Jahren, unsere Flucht aus dieser Hölle. Mit viel Ehrgeiz und Kampfgeist erschaffte ich mir ein schöneres Leben. Bis ein einziger Satz mir den Boden unter den Füßen wegriss und meine komplette Identität in Frage stellte.
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