Mama verplappert sich und es lässt mich nicht los – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 1 – Liane R. Anderson


Weihnachtsbaum mit roten Kugeln und weiterem Christbaumschmuck

Unser Weihnachtsbaum mit Krippe

Kuckuckskind – Erlebnisbericht – 26. DezemberLiane R. Anderson – Heute ist der zweite Weihnachtsfeiertag. Alles ist wie immer. Meine Mutter kommt wie jedes Jahr, mit meinem Stiefvater Gerhard* zu uns, um sich von mir verwöhnen zu lassen. Seit Stunden bin ich nun schon in der Küche beschäftigt, das Mittagessen vorzubereiten. Es finden immer alle Feierlichkeiten bei mir statt. Mein Mann Andreas* und ich besitzen ein großes Haus und sind stolze Eltern von zwei fast erwachsenen Kindern. Als unser Nachwuchs noch kleiner war, meinte Mama, dass sie hier mehr Platz zum Spielen hätten. Meine Tochter Sabrina* ist inzwischen

19 und mein Sohn Dominik* 16 Jahre alt. Meine Mutter ist schon seit ich denken kann immer sehr kränklich und nicht so stark belastbar. Sie ist der Meinung, hier ist einfach mehr Platz zum Feiern. Ich habe auch noch einen Bruder. Er heißt Felix*, ist zwei Jahre älter als ich und hat seit kurzem eine Freundin. Die Beiden sind natürlich auch eingeladen.

Für dieses Weihnachtsfest dachte ich mir eine ganz besondere Überraschung für Mama aus. Was soll man auch jedes Mal schenken? Es wird von Jahr zu Jahr immer schwieriger.

Deshalb habe ich ihr diesmal ein Fotoalbum erstellt. Es ist speziell von mir mit ausgesuchten Bildern, auf denen sie mein Leben in den letzten zwei Jahren nachvollziehen kann.

Noch während sie die verschiedenen Bilder von mir betrachtet sagt sie einen Satz, der später mein Leben komplett aus den Angeln heben sollte: „Jetzt kann ich endlich ein paar von den Bildern dem Christian schicken. Er fragt schon viele Jahre danach.“ Häääh??? Fassungslos starre ich sie an.

Sie hat den Satz noch nicht richtig zu Ende gesprochen, da läuft ihr Gesicht für einen kurzen Augenblick rot an. Sofort fügt sie belanglos hinzu: „Den kennst du doch sicherlich noch Liane? Er hat uns doch einmal vor 24 Jahren mit seinem Zirkus besucht.“ Na ja, da war ich gerade 20 Jahre alt. Natürlich kann ich mich noch daran erinnern, wie ich damals beim Messerwerfen, sowie für ein akrobatisches Stehen auf einem Pferd, in die Manege geholt wurde. Jedoch war mir dieser Auftritt zu jener Zeit so super peinlich, dass ich nicht nicht mehr unbedingt daran erinnert werden wollte.

„Warum möchte dieser Christian denn unbedingt Fotos von mir?“, frage ich erstaunt meine Mutter. „Ach weißt du, ich kenne Christian schon sehr lange. Er hat mich früher ziemlich oft besucht, und weil du ihm als kleines Mädchen immer so gefallen hast, hat er dich eben nie ganz vergessen“, versucht meine Mutter belanglos zu erwidern. Nebenbei erzählt sie mir, dass der Kontakt zu ihm, über die vielen Jahre niemals ganz abgebrochen ist. Sie schreiben sich noch regelmäßig. Weiterhin berichtet sie, dass er seit vielen Jahren als Alleinunterhalter gastiert und dabei ziemlich glücklich ist.

Komisch, denke ich mir, warum möchte der fremde Mann denn unbedingt Fotos von mir. Warum denn nur von mir und nicht von meinem Bruder? Erstaunt frage ich nach seinem Nachnamen. Ohne zu zögern teilt sie mir diesen mit und will sofort zu einem anderen Thema wechseln. Lachend frage ich meine Mutter: „Ja hast du dir vielleicht vor 44 Jahren einen Seitensprung erlaubt, weil er ausgerechnet von mir Bilder haben möchte? Alle Babys und Kleinkinder sehen doch süß aus“. Sie reagiert irgendwie seltsam. Um ganz ehrlich zu sein spüre ich eine gewisse Unruhe in ihr aufkommen. Kurz und knapp kommt ihr ein „nein“ von den Lippen und dabei dreht sie blitzschnell ihren Kopf zur Seite. Es ist im Prinzip nur ein kurzer Augenblick von Unsicherheit bei ihr zu spüren, dann hat sie sich wieder gefasst. Sofort merke ich, dass diese Körperhaltung eine gewisse Unwahrheit bedeutet. Ein eiskalter Schauer läuft mir plötzlich über meinen Rücken. Mein Magen krampft sich zusammen. In meinem Hals bildet sich ein dicker Kloß. Ich schaue auf ein Stück Geschenkpapier und zerrupfe es in ganz winzige Teilchen. In gewisser Weise ist es schon etwas ungewöhnlich, ein wildfremder Mann möchte Bilder von mir. Durch eine Eselsbrücke die ich mir heimlich in meinem Kopf zusammenbaue, versuche ich mir seinen Nachnamen zu merken. Gartening, den Namen hab ich noch nie gehört. Ich stelle mir ein Garten vor, ja so merke ich mir den Namen. Ein schöner Garten mit viel Blumen und denke mir ein ing hinten dran. Wenn ich jetzt aufstehe und den Namen auf ein Blatt Papier schreibe, dann würde sie mich fragen was das soll und mich davon abhalten. Irgendwas in mir lässt mich unruhig werden. Die Gäste um mich herum sind immer noch eifrig mit auspacken beschäftigt, das ist gut so, denn so achtet niemand auf mich, weil ich mich ein bisschen über meine Gedanken schäme. Ich stelle mir gerade vor, er wäre mein Vater. Peinlich, wie kindisch ich bin. „Wie alt ist er denn und wo wohnt Christian?“, versuche ich so beiläufig wie möglich, zu fragen. „Ach, das ist schon ein alter Mann,“ winkt Mama ab, „Er ist 74 und wohnt fast 500 km weit weg. Er hat uns früher, als du noch klein warst manchmal besucht. Aber ich habe ihm dann eines Tages mitgeteilt, dass er nicht mehr kommen darf. Die Nachbarn würden schon über uns reden“. „Woher kennt ihr euch?“, will ich als nächstes Wissen. „Christian damals war Versicherungsvertreter und da habe ich ihn kennen gelernt. Er war sehr redegewandt und wollte mir einen Vertrag verkaufen. Komm, jetzt müssen wir uns doch nicht den ganzen Nachmittag über diesen Gaukler unterhalten. Der Mann ist sowieso ein bisschen verrückt. Er interessiert sich nur für junge Frauen. Im Moment lebt er mit Beate, die 43 Jahre jünger ist als er, zusammen. Also wenn du noch etwas zum Abendessen gerichtet hast, müssen wir das jetzt gleich verzehren. Du weißt doch, für gewöhnlich, esse ich ab 18 Uhr nichts mehr.“

Dieser Feiertag verläuft für mich weiterhin ziemlich stressig. Bis auch noch Andreas, meine beiden Kinder, sowie Sabrinas Freund Kevin und natürlich Felix mit seiner Freundin versorgt sind, verdränge ich für eine gewisse Zeit dieses seltsame Gefühl, das meine Mutter in mir ausgelöst hat. Erst spät am Abend als auch die letzten Gäste gegangen sind, gehe ich ins Arbeitszimmer um den vollständigen Namen dieses Gauklers auf einen kleinen Zettel zu schreiben.

*Namen wurden geändert

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Kuckuckskind Liane R. Anderson

Bin ich ein Kuckuckskind? von Liane R. Anderson

Hier geht es zum nachfolgenden Teil: Hans-Dampf in allen Gassen – Bin ich ein Kuckuckskind?

Eine Auflistung aller Teile findest Du hier.

Hier ist das Interview mit der Autorin: Nachwuchs! Interview mit unserer neuen Co-Autorin Liane R. Anderson

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Über Liane R. Anderson

Bin ich mit 44 Jahren noch einmal Tochter geworden? Ich wurde im Oktober 1967 geboren, bin verheiratet und habe zwei tolle Kinder. Mein gesetzlicher Vater war Alkoholiker und sehr gewalttätig. Schon früh übernahm ich die Verantwortung für meine Mutter und meinen Bruder und organisierte mit nur 13 Jahren, unsere Flucht aus dieser Hölle. Mit viel Ehrgeiz und Kampfgeist erschaffte ich mir ein schöneres Leben. Bis ein einziger Satz mir den Boden unter den Füßen wegriss und meine komplette Identität in Frage stellte.
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