Das Gespräch mit Papa – Anatomie der Kuckucksgeschichte von Yelka Schmidt – Teil 7


Ein paar Tage später lud ich meinen Papa zu einem Spaziergang am Rhein ein. Er ahnte sofort, dass irgendetwas nicht stimmte. Ich brauchte lange um die richtigen Worte zu finden. Ich glaube, wir waren bereits auf dem Rückweg. Ich begann zu weinen und erzählte meinem Papa vom Verdacht,  dass ich nicht seine Tochter bin. Er starrte mich fassungslos an. Ich sagte auch, dass ich glaube dass der Sohn der ein Jahr vor meiner Geburt, auf Grund schwerster Behinderungen 24 Stunden nach seiner Geburt verstarb, ebenfalls nicht sein Sohn war. Mein Vater begann zu weinen und nahm mich in den Arm. Ich erzählte ihm von meinem Plan, einen Vaterschaftstest mit ihm machen zu wollen. Bevor er zustimmte fragte er: „Ändert das irgendetwas an unserer Beziehung zueinander?“ Ich verneinte und versprach ihm, dass die Verbindung zwischen uns eher noch enger werden würde. Er bleibt mein Papa, egal was die nächsten Wochen ergeben werden.

Ich ging zu einem Anwalt. Erzählte meine Geschichte, meinen Verdacht, von meinem Plan und von dem Gespräch mit meinem Papa. Am Ende fragte mich mein Anwalt: „Wollen Sie Klärung und gut oder wollen Sie die komplette Bombe hochgehen lassen?“ Ich entschied mich für die Bombe.

Ein paar Tage später fuhren mein Papa und ich ins rechtsmedizinische Institut der Universitätsklinik Köln zum DNA Abstammungstest. Fünf quälende Wochen später das Ergebnis: mein Papa ist nicht mein biologischer Vater. Ich brach sofort in Tränen aus und schrie meine Wut heraus. Es riss mir den Boden unter den Füßen weg. Ein Teil meiner Wurzeln starben in diesem Moment und ein Teil unbekannter und ungewollter Wurzeln schnürten mir die Kehle zu. Meine Geburt war eine Lüge. Meine Kindheit in der heilen Familie vorgegaukelt. Ich bin eine Lüge.

Nein, Stopp!

Ich bin so froh, genau in dieser familiären Konstellation groß geworden zu sein. Genau mit diesem Papa, genau mit dieser Familie. Eigentlich bin ich dafür unendlich dankbar. Aber wie viel Leid und Schmerz muss mein Papa ertragen? Er hat in 32 Ehejahren weder ein Kind gezeugt, noch konnte er eine glückliche Ehe führen. Sein Leben bestand zum Großteil aus Lüge, Hintergehung und Betrug. Er liebte meine Mutter und er liebte das Kind, welches kurz nach der Geburt in seinen Armen lag. Er tat alles für die Familie. Ich werde ihm einen Teil davon zurückgeben.

Ein paar Tage später saß ich auf dem Dachboden und packte sämtliche Fotoalben meiner Familie zusammen, um sie als mögliches Beweismaterial in Sicherheit zu bringen. Ich fand ein Fotobuch, welches mein Papa in den ersten Monaten und Jahren nach meiner Geburt mit Fotos und kleinen Texten versah. Auf der zweiten Seite eine kleine Zeitungsannonce: „Wir freuen uns über die Geburt unserer Tochter Yelka, 28.05.1981. Monika und Klaus Schmidt.“ Mein Magen drehte sich um.

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Kuckuckskind Yelka Schmidt erzählt von ihren Erlebnissen auf dem Weg zur Klärung der Vaterschaft und den Folgen

Anatomie der Kuckucksgeschichte von Yelka Schmidt

Fortsetzung: Die Zeit vor dem ersten gerichtlichen Verfahren – Anatomie der Kuckucksgeschichte von Yelka Schmidt – Teil 8

Hier geht es zum vorangegangenen Teil 6 „Die Erinnerungen

Eine Auflistung aller Teile dieser Serie findest Du hier.

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Über Yelka Schmidt

Geboren im Mai 1981, seit März 2011 weiß ich, dass ich ein Kuckuckskind bin. Ich will kein Tabu sein. Ich lebe. Ich lache. Ich liebe. Ich spreche. Über mich. Über Dich? Miteinander? Das würde mich freuen. Ich schreibe. Meistens drauf los. Das befreit mich. Das hilft mir Aktuelles oder Vergangenes zu begreifen und vielleicht auch zu verarbeiten.
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2 Antworten zu Das Gespräch mit Papa – Anatomie der Kuckucksgeschichte von Yelka Schmidt – Teil 7

  1. charlotte schreibt:

    ich muss emma recht geben du hast wirklich glück im unglück das muss ein ganz ganz toller mensch sein meinen glückwunsch und auch von mir die besten grüsse .
    ich kenne diese tränen von euch auch ich hab sie geweint und weine sie noch immer

  2. Emma's Schatz schreibt:

    Glück im Unglück liebe Yelka…einen liebenden Sozialen Vater gefunden zu haben ist trotz unserer Misere etwas unglaublich positives und Gutes!Dennoch tut es mir aufrichtig leid das Du auch so viel geweint hast wie ich…
    Mein falscher Vater weigert sich einen DNA-Test zu machen…er gibt mich nicht frei!Obwohl er nie da war und kaum Unterhalt zahlte.-NUN WIR WERDEN DAS GERICHTLICH KLÄREN-

    Die Fotos…ja ja ja…ich fand vertauschte Babyfotos…erkannt an den Tapetenmuster welches zum entsprechenden Zeitalter gehörte als ich geboren wurde.
    Ich wurde von allen versteckt… die Frage die ich mir stelle ist ,warum?
    Mit Ehrenrettung der Kindesmutter bezügl.des falschen beurkundenen Vaters hat dieses nichts zu tun…es ist etwas besitzen zu wollen.Sich aufzuwerten durch Gene die nicht eigen Fleisch und Blut sind.
    Ich hatte mal Kontakt zu jemandem der aus dem selben Ort kam wie mein offens.biol.Erzeuger und dann wurde mir mein Handy genommen,weil die Vertuscher angebl.keines hätten und dringends Eines bräuchten im plötzlich gebuchtem Urlaub^^Da brach Panik aus…

    Richte bitte Deinem Papa(Sozialen Vater)meine besten Grüße aus.Er ist etwas ganz Besonderes weil er zu Dir hält Yelka.Meine Mutter fand später einen neuen Mann der 30 Jahre mit Ihr verheiratet war und dieser wird auch von mir relativ in Ruhe gelassen obwohl ich mit Einigen Dingen nicht einverstanden bin .Aber ich wäge halt ab was er an positives rein brachte und er trug schwer an Ihrem gemeinsamen Leben…aufgrund einer Lügengeschichte!

    LG.

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