Die Kinder der Madonna – Italien


Kunstwerk von Norbert Potthoff

Kinder ohne eigene Identität – Öl-Lasur Tafelbild – © by Norbert Potthoff

Die Bezeichnung klingt fast poetisch: Die Kinder der Madonna. Doch dahinter verbirgt sich menschliches und gesellschaftliches Versagen in einem unvorstellbaren Ausmaß. Gemeint sind Adoptivkinder und/oder Kuckuckskinder. Die Grenzen verwischen sich. Wo sonst, außer in Italien, könnte man eine Situation so blumig umschreiben.

»Figli della Madonna«, so nannte man in Italien die Kinder, die von ihren Müttern kurz nach der Geburt in Findelheimen abgegeben wurden. Meist adoptierten kinderlose Paare die Kleinen, ohne ihnen davon zu erzählen. Unehelich geborene Säuglinge waren noch im vergangenen Jahrhundert eine große Schande, sind es in streng katholischen Gegenden bis heute. Vorzugsweise im Süden Italiens und besonders in ländlichen Gegenden. Noch in den 50er Jahren kamen in Italien pro Jahr etwa 5000 »Findelkinder« zur Welt.
Die streng katholische Moral des italienischen Südens führte dazu, dass sich diese Mütter der Verantwortung entzogen. Meist sehr junge, manchmal vergewaltigte oder in außerehelichen Beziehungen geschwängerte Frauen, wollten oder konnten die gesellschaftliche Schmach eines unehelichen Kindes nicht ertragen.
Brennpunkt in diesem sozialen Dilemma ist das Annunziata-Krankenhaus von Neapel. Dort brachten Tausende von Frauen aus ganz Süditalien ihre Kinder anonym zur Welt. Man nennt Zahlen von rund 400.000 Adoptivkindern, hauptsächlich aus dem Raum Neapel, die von dort in fremde Familien verbracht wurden. Kinder, die mit einer falschen Identität aufwuchsen und sich nun auf den Weg machen, ihre Wurzeln zu finden. Doch das ist nicht so einfach.

Eine absurde Regelung: 100 Jahre Datenschutz
Zu den Grundbedürfnissen eines Menschen gehört es, seine Ursprünge zu kennen. Das wissen nicht nur Psychologen. Auch das deutsche Bundesverfassungsgericht und der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte haben das festgestellt. Dennoch wird dieses Recht, bei dem zwischen dem Anspruch der Kinder und dem Schutz der Anonymität der Mütter abgewogen werden muss, nicht immer gewährleistet.
Schon gar nicht in Italien. Hier müssen Adoptivkinder aus Gründen des Datenschutzes 100 Jahre warten, bis sie einen rechtlichen Anspruch auf das Wissen über ihre biologischen Ursprünge bekommen. Eine Farce.
Erst jetzt, nach einem ins römische Parlament eingebrachten Gesetzesentwurf, beginnt sich die Lage trotz heftiger Widerstände langsam zu ändern.

Im Vergleich

In Deutschland wurde versucht, die Frage mit einem seit Mai 2014 geltenden Gesetz zu lösen, das Müttern die Möglichkeit einer »vertraulichen« Geburt gibt. Wenn die Mutter einverstanden ist, können Kinder künftig mit 16 Jahren die Identität der Mutter erfahren. Für Betroffene geht diese Regelung nicht weit genug, macht man sich doch weiter abhängig von der Zustimmung der Mutter. Hier wird das Recht der Mutter auf Selbstbestimmung höher gewertet, als das grundlegende Recht des Kindes auf seine eigene Identität und Abstammung.

In der Schweiz haben Adoptivkinder heute ein absolutes Recht, ihre Abstammung zu erfahren. Wer sein Kind zur Adoption freigegeben hat, kann mit dem Einverständnis des Kindes mit diesem in Kontakt treten. Die Frage nach dem Recht auf Kenntnis der Abstammung ist auch bei Samenspenden relevant und könnte in Zukunft immer wichtiger werden.

Eine Frage der Biologie, der sozialen Moral oder der Rechtsprechung?
Ob ein Kuckucks- oder Adoptivkind sehr wohl auch behütet und geliebt aufwachsen kann, ist kein Argument dafür, die soziale Entwicklung über die biologischen Ursprünge zu stellen. Es ist eher das Mindeste, was ein Kind zu erwarten hat, in sozial gesicherten Verhältnissen aufzuwachsen. In den letzten Jahrzehnten wurde jedoch die soziale Entwicklung eines Kindes massiv überbewertet, bis hin zu aktuellen Thesen der Gender Studies, dass sogar das Geschlecht eines Kindes ausschließlich der sozialen Entwicklung geschuldet sei, die überwiegend in den Händen der Mütter liegt. Man läuft schlicht Gefahr, den Menschen von seinen biologischen Ursprüngen abzukoppeln und ihn einer gesellschaftlich gewünschten neuen Norm zu unterwerfen. Die Rechtssprechung ist nur allzu gern bereit, dieser bequemen These zu folgen, erspart man sich doch dadurch, auf Väterrechte eingehen zu müssen. Dass das Kindeswohl längst eine hohle Phrase ist, um auch die juristische Oberhoheit der Mutter abzusichern, muss nicht extra erwähnt werden.
Auf der Strecke bleibt dabei das eigenständige und unverwechselbare Individuum mit seiner eigenen Identität. Diese Entwicklung ist bedenklich für Kuckucks- und Adoptivkinder, die sich genau diese Frage stellen: Wo sind meine biologischen Wurzeln?

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Über Norbert Potthoff

Schriftsteller und Kunstmaler
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4 Antworten zu Die Kinder der Madonna – Italien

  1. Pingback: JAWOs Links am Mittwoch – KW 39/40 in 2015 - NICHT-Feminist

  2. Fiete schreibt:

    OT:
    Ich bin beim Lesen des Artikels wie selbstverständlich davon ausgegangen, daß er von Max geschrieben wurde. Da kam nicht der leiseste Zweifel auf. Und dann das:
    “ Veröffentlicht am 24. September 2015 von Norbert Potthoff “
    ( erst nach dem Stutzen ganz am Ende bemerkt )
    Sofern der Artikel nicht geklaut ( ähemm kopiert ) ist, kann ich nur sagen: Respekt!
    Das ist ein komplett anderer Stil als ich ihn von Dir gewohnt bin, Norbert, und er gefällt mir!

    Gruß……Fiete

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