Die schlimmstmögliche Wendung einer Familientragödie um eine doppelte Kuckucksvaterschaft – Teil 5 – von Jens Ladenburger


Serientitel

Tragikomödie um eine doppelte Kuckucksvaterschaft von Jens Ladenburger

„Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat“, so beschreibt der Schweizer Dramatiker Friedrich Dürrenmatt seine eigenwillige Dramentheorie.

Nun ist eine ‚Geschichte‘ immer nur in der Fiktion ‚zu Ende‘: wenn sich der Vorhang schließt (und frei nach Brecht dennoch ‚alle Fragen offen‘ bleiben), wenn die letzte Romanseite mittig abbricht.

Im wahren Leben können wir nie wissen, ob es nicht doch noch eine (überraschende) Fortsetzung gibt – so wie in unserem besonders tragischen Kuckuckskind-Fall gleich zweimal:

  • ­Zunächst als sich die 1983 an ihren Jugendfreund, baldigen Ehemann und (angeblich ahnungslosen) Kuckucksvater Hans-Jochen verlorene Freundin Andrea sieben Jahre später (1990) meldete, sich heimlich (hinter dem Rücken ihres Mannes) mit mir traf und die Möglichkeit meiner Vaterschaft in den Raum stellte, um sie Tage später entschieden zu widerrufen;
  • sodann weitere 22 Jahre später (2012) als jahrelanger, erst im Herbst 2015 abgeschlossener Rechtsstreit um den (vollkommenen) Widerruf der Vaterschaft Hans-Jochen, die Feststellung meiner biologischen Vaterschaft und eine freilich nur einseitige Entschädigung des jahrzehntelang getäuschten, sicherlich auch (wie ich selbst) betrogenen, allerdings auch recht ‚kurzsichtigen‘ Kuckucksvaters.

Unter dieser Prämisse, dass die traurigste Geschichte meines Lebens womöglich noch keineswegs ‚zu Ende‘ ist, will ich mich kurz fassen.

Der amtsgerichtlich angeordnete Gentest zur Vaterschaftsfeststellung lief 2013 unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen ab:
Personalausweiskontrolle, Fingerabdrücke, mehrere Beamte im Raum etc.
Schließlich muss eine Täuschung ausgeschlossen sein, wie sie bei Dürrenmatts Kriminaltragikomödie / -groteske „Der Besuch der alten Dame“ noch möglich war (als der zahlungs- und heiratsunwillige Bankrotteur zwei Saufkumpane für jeweils eine Flasche Schnaps bestechen konnte, vor Gericht zu beteuern, dass sie ebenfalls der von ihm verstoßenen jungen Mutter ‚beigewohnt‘ hätten – ein Betrug, den er freilich ‚schlimmstmöglich‘ mit dem Leben bezahlen sollte).
Erwartungsgemäß wurde vom Gesundheitsamt eine große Übereinstimmung festgestellt und meine Vaterschaft über 99%ig bejaht.

Während des sich über 3 ½ Jahre hinziehenden Prozesses sah ich meinen Sohn Tim außerhalb der Gerichtsverhandlungen nur noch ein einziges Mal, zum einen, weil wir den Prozessverlauf abwarten wollten, zum anderen, weil er von seinen ‚Eltern‘ abgeschirmt wurde.

Etwa im Mai 2014 erreichte uns jedoch überraschend sein Notruf. Ich möge dringend zu ihm nach Ulm kommen – in die Psychiatrie der Universitätsklinik! Erst jetzt stellte sich die ganze, uns bislang verschwiegene Wahrheit um den Gesundheitszustand des inzwischen 30jährigen heraus: Tim litt seit 2006 an Schizophrenie.
Hätten Sie das gewusst oder zumindest geahnt?: In Europa leidet etwa 0,5 bis 1 % der Bevölkerung an Schizophrenie – womöglich also jede(r) hundertste (und das könnten auch wir selbst sein). Unter Schizophrenie (von griech. „spalten, zersplittern“ und „Geist, Seele, Gemüt“) verstehen wir eine Gruppe schwerer psychischer Krankheitsbilder mit ähnlichen Symptomen. Im akuten Krankheitsstadium tritt eine Vielzahl charakteristischer Störungen der Psyche auf: die Wahrnehmung, das Denken, die Ich-Funktionen, der Wille, das Gefühls- und Gemütsleben, der Antrieb, die Psychomotorik. Schizophrene hören nicht wirklich vorhandene Stimmen, fühlen sich verfolgt, ausspioniert, kontrolliert, leiden unter anhaltenden Halluzinationen. Typisch sind sozialer Rückzug, Antriebslosigkeit, mangelnde Motivation, emotionale Verflachung – und Freudlosigkeit bis hin zur Todessehnsucht.
Bemerkt hatten wir davon nichts oder doch nur wenig – trotz mancher haarsträubender Geschichten, die wir eher für Auswüchse einer blühenden Fantasie hielten: Er, mein Sohn, habe ein Gemälde für 30 000 € an den Louvre verkauft; der Scheinvater habe seine Frau schwer misshandelt …

Die ‚Geschlossene‘ trägt ihren Namen zu Recht und wirkt auf Außenstehende geradezu kafkaesk. Hier lassen sich nicht einmal die Fenster öffnen – obwohl Tim merklich in seinem Zimmer geraucht hatte. Wer nicht ohnehin schon ‚verrückt‘ ist – hier wird er es binnen weniger Tage. Wir, meine Frau, Tim und ich, spielten uns gegenseitig Normalität vor, machten während eines zweistündigen Ausgangs unter unserer Aufsicht einen Spaziergang zum Donauufer und fanden ein gemütliches Lokal mit Außenbereich. Auffällig war die innere Unruhe meines Sohnes, der nicht still sitzen konnte, mehrfach aufgeregt auf der Terrasse hin und herging. Dennoch war es eine zwar verstörende, doch erfreuliche Wiederbegegnung; dass es die letzte sein sollte, ahnte damals keiner. Ich nahm Kontakt zur Klinikärztin und zu seinem ‚Betreuer‘ auf, den man früher ‚Vormund‘ genannt hätte. Aufgrund mehrfacher körperlicher Gewalt gegenüber seinen ‚Eltern‘, so erfuhr ich, war Tim wiederholt in der ‚Geschlossenen‘ gelandet, hatte seine Arbeitsplätze in einem Medienhaus, sodann in der Systemgastronomie verloren und war inzwischen Frührentner (sogar mit wegen seiner chronischen Krankheit passabler Rente). Seit Jahren gehe von ihm eine latente Gefahr aus – auch was die Gewalt gegen sich selbst betreffe. Von einer echten Suizidgefahr sagte man uns freilich nichts… Tims finales Schicksal, das einstweilen ‚schlimmstmögliche Ende‘, ist allerdings kein Einzelfall.

Allein in Deutschland begehen rund 10 000 jährlich Suizid – vor allem durch Erhängen, Sturz aus großer Höhe (z.B. aus dem 13. Stock eines Hochhauses), Medikamentenüberdosis; 2012 waren es 9.890, wobei eine exakte Statistik kaum möglich ist, weil manche Suizide sich einer Lebensversicherung oder aus Rücksicht auf die Angehörigen wegen als Unfall tarnen oder Morde wie Suizide aussehen sollen.
Zu betrachten ist das gesamtgesellschaftlich verdrängte und Tabu-Phänomen ‚Suizid‘ aus drei Blickwinkeln – unter kriminalsoziologisch-genrespezifischem Aspekt, in religiös-ethischer Sichtweise und schließlich in pädagogischer Intention.
Zunächst ist der ‚einfache‘ Selbstmord (im Gegensatz zum ‚erweiterten Suizid‘) juristisch kein Mord, auch beim ‚Misslingen‘ oder bei rechtzeitiger Verhinderung keine sanktionierbare Straftat, sofern hierbei kein Sachschaden entstanden, niemand verletzt oder gar zu Tode gekommen ist.
Es gibt jedoch nicht nur eine rechtliche, sondern auch eine moralische Schuld, eine ethische Verantwortung zumindest sich selbst (wenn nicht zugleich Gott) gegenüber.
So heißt es apodiktisch, aber auch zum Widerspruch provozierend im strengen ‚Katechismus der Katholischen Kirche‘ (Oldenburg 2005): „Der Selbstmord ist ein schwerer Verstoß gegen die Gerechtigkeit [!], die Hoffnung und die Liebe. Er wird durch das fünfte Gebot untersagt.“
‚Gerechtigkeit, Hoffnung, Liebe‘ sind im Falle von (subjektiv empfundener) fortgesetzter Ungerechtigkeit, Hoffnungslosigkeit und Lieblosigkeit für viele (leider auch Jugendliche) freilich keine zureichenden Argumente gegen den Suizid.
Manche „subjektiven Umstände bei einem Selbstmord“ können wir, sogar katholische Geistliche, zwar nicht billigen, aber immerhin nachvollziehen:

  • „Depressionen“, die sich freilich in den meisten Fällen professionell behandeln lassen;
  • subjektiv „ausweglose Situationen“ wie „unheilbare Krankheiten, unerträgliche Schmerzen, ein wirtschaftlicher Bankrott, das Scheitern einer persönlichen Beziehung, der Verlust von nahestehenden Personen, die Last einer großen Schuld…“, denen der einzelne freilich „die innere Freiheit“ entgegenstellen kann und sollte, „das eigene Leben zu bejahen“ – dank „einem inneren Halt (Glauben!) … und [der] Liebe seiner Mitmenschen…“, die oft freilich nicht empfunden oder tatsächlich versagt wird.

Hinschauen statt Weggucken!

Pädagogisches Ziel unserer Gesellschaft muss sein, Suizid-Gefährdungen rechtzeitig zu erkennen und Selbstmorde möglichst zu verhindern.

Im vorliegenden Fall war uns eher Außenstehenden diese Gefahr vorenthalten worden und insofern nicht bekannt – ein weiterer schwerer Fehler der Mutter Tims.
Diesen seinen ersten ‚Hilferuf‘ bezogen wir ausschließlich auf seine schwer erträgliche Lebenssituation in der Psychiatrie: Dass er ihr unter allen Umständen (auch unter Preisgabe seines jungen Lebens) entkommen wollte / musste, konnten wir nicht ahnen. Auch das Klinikpersonal ahnte nichts; sonst hätte er keine Erlaubnis erhalten, mitten in der Woche seine Ulmer Wohnung aufzusuchen. Zuvor hatte er sich am 25.05. zu Beginn der Pfingstferien erneut aus der Klinik nochmals telefonisch gemeldet und um ein sofortiges Treffen gebeten – ein zweiter Hilferuf. Tags darauf ging freilich unser Flug nach Spanien; ich vertröstete ihn auf die Zeit nach unserem Urlaub und bat ihn, zwei Wochen später erneut anzurufen. Dieser Anruf blieb freilich aus und wir dachten, alles sei wieder einigermaßen in Ordnung. Selbst war er nicht zu erreichen und wir wussten auch nicht, wo er sich gerade aufhielt: in der Klinik, zuhause in Ulm, bei seinen ‚Eltern‘, bei einer Freundin etc. Doch dann erreichte uns Anfang Juli (wohl absichtsvoll nach der Beerdigung) seitens der ‚Kuckuckskind-Eltern‘ die Todesnachricht …

Vom Betreuer erfuhr ich, dass Tim Angst davor hatte, zwangsweise in eine spezielle Wohngemeinschaft im Schwarzwald umziehen zu müssen, in der psychisch Kranke von Pflegekräften betreut werden. Schizophrenie ist zwar nicht heil-, wohl aber mit Medikamenten behandelbar. Stattdessen wählte er eine sehr spezielle Form der ‚Selbstbefreiung‘ – mittels eines Sprungs vom Balkon des 13. Stockwerks zwischen Mut und Verzweiflung.

Seine Mutter schrieb mir auf Anfrage per E-Mail wohl nur die Halbwahrheit:

Tim habe „seit Februar unter einer heftigen akuten Psychose [gelitten] und befand sich seit 06.06.2015 erneut in stationärer Behandlung im Universitätsklinikum Ulm. Wegen Eigengefährdung [gemeint ist eine Suizidgefahr] lag sogar ein richterlicher Unterbringungsbeschluss vor.

Für uns alle unfassbar ist, dass die behandelnden Ärzte Tim trotz dieses Beschlusses und seines kritischen Zustands ohne Begleitung für längere Zeit in seine Wohnung ließen.

Am 30.06.2015 rief mich Tim … von seiner Wohnung aus an. Er wirkte ungewöhnlich ruhig [!], gedanklich geordnet [!] und überaus depressiv [?!]… Auch sein letztes Telefonat mit ihnen (ein Hilferuf seinerseits) erwähnte er und zeigte sich sehr enttäuscht über ihre distanzierte [!] und abweisende [!] Art ihm gegenüber. Ich spürte, dass Tim  in großer Not war…  , packte noch etwas frisch gewaschene Wäsche [!, als ob es ‚frische Wäsche‘ nicht täte] für Tim  ein und machte mich auf den Weg nach Ulm.

Leider kam… ich zu spät. Vor seiner Haustür musste ich erfahren, dass Tim gesprungen war…

Tim hinterlässt eine völlig verzweifelte Verlobte[!] mit ihren zwei kleinen (Adoptiv)Töchtern [!]. ( Die Hochzeit war für diesen Sommer geplant.)

In tiefer Trauer,

Andrea Z.“

Auch ein kriminalistischer Laie durchschaut die Widersprüche:

Kann man zugleich in der hier in aufdringlicher Redundanz adverbial umschriebenen Intensität „ungewöhnlich ruhig, gedanklich geordnet und überaus depressiv“ sein? Und weshalb äußerte er seine angebliche „Enttäusch“ung nicht mir selbst gegenüber? Meine Frau war Zeugin, dass ich ihm gegenüber weder „distanziert“ noch gar „abweisend“ war, sondern freundlich, väterlich-liebevoll, aufgeschlossen und hilfsbereit. „Heftige akuten Psychose“, „stationärer Behandlung im Universitätsklinikum Ulm“, „Eigengefährdung“, „richterlicher Unterbringungsbeschluss“: Wie kann unter diesen damaligen Bedingungen unmittelbar („für diesen Sommer“) eine „Hochzeit … geplant“ gewesen sein?

Die Mutter hatte freilich schon damals, 1983, wie gedruckt gelogen (wir erinnern uns).

Ihrer zur Schau getragenen Selbstgefälligkeit stehen mein Unverständnis ihr gegenüber, aber auch meine Selbstvorwürfe entgegen, die zwar meine Familie und die wenigen eingeweihten Freunde objektiv für unbegründet halten, die mich dennoch belasten.
Vielleicht hätte ich Tim retten können; hierzu hätte ich freilich mehr über ihn wissen müssen – das Versäumnis seiner Mutter.
Es gab dann im September noch eine finale Verhandlung und ein Gerichtsurteil, das ich persönlich für ungerecht und nicht gerechtfertigt halte: Biologische Väter sind auch nach Jahrzehnten zum Schadenersatz verpflichtet – je nach Einkommenssituation von etwa einem Jahresgehalt.

Was ist daran ungerecht?: dass dieser Pflicht der sich nach drei Jahrzehnten als ‚echt‘ erweisenden Väter keinerlei Rechte gegenüberstehen – das umfängliche Recht auf Vaterschaft.

Mir ist vor dem Wiedersehen nach über 20 Jahren im Jahr 2011 mein toter Sohn Tim bis auf ein einziges Wochenende vor bald 30 Jahren völlig vorenthalten worden; seit der Enttarnung von Lüge und Betrug taten die ‚Eltern‘ alles, um ihn räumlich und emotional möglichst von mir fernzuhalten.

Nach allem, was ich damals wie zuletzt als Augenzeuge und verlässlichen Quellen erfahren habe, behandelte der ‚Kuckucksvater‘ das ihm untergeschobene Kind, den Jugendlichen, Erwachsenen zu keiner Lebensphase liebevoll, sondern übertrieben streng, gefühlskalt, ja zynisch.

Ich bin nicht der einzige, der um meinen Sohn trauert.

Vor ein paar Wochen meldete sich auf dem ‚Portal der Erinnerung‘ (einem virtuellen Friedhof aus bewegenden Nachrufen) eine frühere Lebensgefährtin, die nicht nur bei mir Trost suchte und wohl auch fand, sondern ihrerseits mich tröstete. Die liebenswerte junge Frau hat Tim wirklich geliebt und kann ihn (trotz heutiger glücklicher Beziehung und ihres eigenen Babys von ihrem heutigen Partner) bis heute nicht vergessen, macht sich (ebenso) irrational Vorwürfe.

Sie ist eine wichtige Kronzeugin.

Ich zitiere mit ihrer Einwilligung aus einer an mich gerichteten Mail:

„In der Klinik holte ich ihn ab und wir konnten 2 Stunden zu ihm fahren. Dort war ein Mann, ich glaube sein Stiefvater.

Mir gegenüber verhielt er sich völlig ignorant und desinteressiert, respektlos – nicht mal zu einer flüchtigen Begrüßung hat es bei ihm gereicht.

Ich fühlte mich wie Dreck behandelt.

Der ‚Stiefvater‘ war auch nicht gut zu Alexander; das habe ich gesehen. Er sagte, Alexander müsse seine Wohnung streichen und seine Sachen packen. Hatte er vor umzuziehen? Warf man ihn aus der Wohnung?
Was letztendlich hat ihn so kaputt gemacht, dass er es tatsächlich getan hat [sich das Leben zu nehmen]?…

Ich bin fest davon überzeugt, dass diese große Lüge seiner Mutter ihm an seinem Leben zweifeln ließ…“

Die Vermutung liegt nahe, dass diese seelische (und nach Aussage der Großmutter von 1990 auch körperliche) Misshandlung über Jahrzehnte die Schizophrenie mit ausgelöst, zumindest begünstigt hat.

Tim könnte ohne die fortgesetzte Ablehnung seiner ‚Eltern‘ vielleicht noch leben.

Die Polizei ermittelt prinzipiell bei (oft ja auch nur vermeintlichen) Suiziden, sodass dieser ‚Fall‘ kaum angezweifelt werden kann.

Auffällig  ist freilich, dass Tim nur wenige Wochen starb, bevor er vor Gericht hätte beschwören können, dass der Kuckucksvater seit Jahrzehnten über die Wahrheit Bescheid wusste …

Im intensiven E-Mail-Dialog mit Tims Freundin entstanden wie nebenbei drei thematische Gedichte, die geradezu das bislang unbekannte Subgenre der ‚Kuckuckskind-Lyrik‘ begründen könnten und die dieses letzte, traurigste Kapitel abrunden sollen.

Drei lyrische Texte über das verlorene Kuckuckskind Tim – der erste, sehr beachtliche, nur sanft von mir bearbeitet, stammt von seiner jungen Freundin selbst.

Auf ewig verbunden                                      von Annika K., 2016

Du hast oft gefragt, welcher Ausweg dir bleibt: Aufgeben?
Eine Option, die ich immer lächelnd verneinte.
Du hast wohl verstanden, was ich meinte;
Denn was wird ohne dich aus meinem Leben?

Eben noch lagen wir zärtlich im Park,
Schmiedeten für eine ferne Zukunft manchen Plan;
Ich glaubte fest, unsere Liebe fange nun erst richtig an.
Nun liegst du schon ein Jahr in deinem kalten Sarg.

Wie oft ich die Suche beginne nach einem tieferen Sinn:
Was ist das für eine Welt, in der du verzweifelt aus Hochhäusern fällst,
Sekunden später auf dem kalten Asphalt zerschellst?
Wo gehe ich nur mit meiner Trauer hin?

Mit dir hatte ich einst bittersüßes Glück gefunden;
Dich habe ich wie niemanden zuvor geliebt.
Auch wenn es dich heute nur noch in meinem Herzen gibt:
Egal wo du nun bist, wir bleiben auf ewig verbunden!“

Die nächsten beiden Gedichte stammen von mir.

Das erste habe ich (wie einst Eduard Mörike aus der Sicht eines „verlassenen Mägdeleins“) aus der Sicht eben der Freundin Tims geschrieben, ehe ich ihr eigenes kannte.

Ihr habe ich es auch gewidmet (und weiß, dass sie es mag).

Trauerlied einer Verlassenen                   Jens L., September 2016

für Annika K. in gemeinsamer Trauer

Ich weiß noch gut wie wir beisammen saßen
Wir sagten uns viel auch ohne Worte
Wenn wir die düstre Welt um uns vergaßen
Eine Liebe war‘s der ganz besond‘ren Sorte

Ein Beutel Reis im eher lauen Wasserbad
Sodann mit Fertig-Soja-Sauce abgerundet
Ein Glas mit sauren Gurken als Salat
Hat alles sagenhaft gemundet

Du ludst mich auch spontan zum Essen ein
In  den schäbigsten Schnellimbiss unserer Stadt
Currywurst Pommes wässriger Wein
Die Erinnerung macht mich noch heute satt

Wir tanzten wild zu „Royals“ von Lorde
Vom Dosenbier nur leicht benommen
Und dachten das ginge immer so fort
Und dann ist es doch ganz anders gekommen…

Damals sprangen wir durch alle Räume
Ich ahnte nichts von deinem allerletzten Sprung
Verzweiflung Wut das Ende aller Träume
Du fielst so tief und starbst so jung

Du fehlst mir sehr an manchen Tagen
Ich ahnte nicht dass solch bittere Trauer es gibt
Und deshalb will ich dir einmal noch sagen
Ich hab dich in deiner Verirrung geliebt

Ohne dir mehr als einen leisen Vorwurf nur zu machen
Weil du nichts Bess‘res als den Tod gefunden
Noch immer weine ich und werde lange nicht mehr lachen
Denke im Wehmut an die gelebtvergang‘nen  Stunden

Das dritte Gedicht gilt eher allgemein allen Kuckuckskindern dieser Welt – auf dass sie trotz schwerer Schuld ihrer Eltern und wohl auch der Gesellschaft glücklich werden mögen!

Elegie eines unglücklichen Kuckuckskindes                         Jens L., September 2016

Ich bin ein Kuckuckskind; das musst du wissen –
Halbverwaist von Anfang an;
Muss meinen Vater von Geburt an vermissen:
Was hat das Schicksal uns nur angetan?

Kann nichts dafür und doch lässt sich nur schwer ermessen
Die Schuld, die meine Mutter hat;
Meinen Vater hatte rasch sie vergessen:
Ein falscher Klapperstorch saß plötzlich im Salat.

Mein Kuckucksvater ahnte lange nicht,
Dass er sich und einen Schattenmann betrog;
Zwar stimmten weder Augen, Nase noch Gesicht –
Doch die unsichere Mutter schwieg und log.

So gehen Jahre, eine kleine Ewigkeit;
Ein Zweifel plagt das Kindesglück.
Heilen alle Wunden mit der Zeit?
Du drehst das Rad nicht mehr zurück.

Die Lebenslüge hält kein ganzes Leben;
Die Wahrheit kommt urplötzlich ans Licht.
Durch die Familie fährt ein Beben –
Ein jeder sitzt nun bange vor Gericht.

Ein ‚Happy End‘ ist nirgendwo zu sichten;
Alle vergießen bitt‘re Tränen.
Doch keiner von euch darf hier vorschnell richten:
Ihr alle solltet euch ein bisschen schämen!

Viel zu lange habt ihr weggeschaut;
So trifft auch euch von dieser Schuld ein Stück.
Ihr habt meine Zukunft erst einmal verbaut –
Und keiner gibt mir meine Kindheit je zurück.

ENDE

Hier geht es zum Anfang der Geschichte: Schuldig – Tragikomödie um eine doppelte Kuckucksvaterschaft – Teil 1 – von Jens Ladenburger

Über Max Kuckucksvater

Seit Anfang 2011 weiß ich nun, dass mein Sohn aus erster Ehe nicht mein leiblicher Sohn ist. Da ich weder im Netz, noch irgendwoanders Hilfe gefunden hatte, habe ich dieses Blog gegründet. Dieses Blog verbindet Kuckuckskinder und Kuckucksväter untereinander, stellt Hilfsthemen bereit. Ein weiteres Ziel ist die Aufklärung der Gesellschaft über den stattfindenden Identitätsraub und Betrug, damit wir in Zukunft dieses Leid verhindern können. Der obligatorische Vaterschaftstest ab Geburt (OVAG) ist das einzige Mittel, welches das Kind sicher vor der Fälschung seiner Identität bewahren kann. Seither sind sehr viele Kontakte und Freundschaften zu Scheinvätern, Kuckuckskindern und anderen Betroffenen sowie Unterstützern entstanden. Der Austausch mit ihnen hat mir geholfen, meine Trauer zu verarbeiten. Und: Ja, ich lebe tatsächlich in Kolumbien. Inzwischen sind meine Frau und ich stolze Eltern einer Tochter. https://www.facebook.com/max.kuckucksvater
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