Ich weiß nicht einmal, ob ich ein Kuckuckskind oder ein Adoptivkind bin – von Britta Schulz


Britta sucht die Wahrheit

In der DDR gab es ebenfalls einige Seltsamkeiten in Abstammungsfragen – nicht selten mit politischem Hintergrund

Ich weiß nicht einmal, ob ich ein Kuckuckskind oder ein Adoptivkind bin.

Alles begann vor nunmehr 30 Jahren. Damals, 1986, lebte ich in Karl-Marx-Stadt/DDR. An einem dieser Nachmittage sollten wir Besuch bekommen – kein normaler Besuch. Besuch bekam man nicht einfach so. Doch dieser lief anders ab.

Meine Schwester Sabine sagte, dass wir in 10 Minuten Besuch bekommen. „Zieh Dir das Schönste an, was Du hast.“, meinte sie mit Nachdruck und schob mich in mein Zimmer. Hier sollte ich dann warten, bis ich von ihr abgeholt werden würde. Alle Fragen meinerseits, wer denn kommt, beantwortete sie nicht. Nachdem ich nun umgezogen wartend auf meinen Bett saß, kam Sabine herein und begleitete mich zum Wohnzimmer. Ich machte die Tür auf und betrat den Raum.
Am Esstisch saßen zwei Menschen: meine Mutter und ein mir fremder Mann. An eine Wand gelehnt stand mein Schwager Walter. Hinter dem mir fremden Mann stand ebenfalls ein mir Fremder. Sein Gesicht war auf einen Notizblock in seiner Hand gerichtet. Er schrieb emsig etwas hinein. Nun gut, ich wollte mich neben meine Mutter setzen, doch Sabine meinte „Nein“ und zeigte auf die andere Seite des Tisches. Es passierte etwas eigenartiges, was ich mir bis heute nicht erklären kann. Eine Welle von Wärme und Zuneigung durchfuhr mich. Soviel Liebe habe ich all die Jahre in der Familie wo ich aufwuchs nicht erfahren. Wie paralysiert setzte ich mich zu dem fremden Mann. Ich sah in sein Gesicht und dachte, er kommt mir bekannt vor. Er starrte mich an, ließ keinen Blick von mir. Da er nichts sagte, schaute ich mich um. Ich sah in die anderen Gesichter: meine Mutter starrte ins Leere, an dem Mann vorbei. Sabine war die einzige die wohlwissend lächelte. Ihr Mann Walter starrte mit ernstem Gesicht den Fremden an. Der andere Fremde schrieb fleißig in seinen Notizblock. Keiner sprach auch nur ein Wort. Mein Blick kehrte zu dem vor mir sitzenden Mann zurück: jetzt hatte er Tränen in den Augen. Ich weiß noch, wie unendlich leid er mir tat.
Danach ist alles schwarz, ein Filmriss. Erinnerungen die mein Bewusstsein ganz tief unten abgespeichert haben muss. Alleine komme ich da nicht heran.
Das Nächste, an was ich mich erinnere, ist, dass ich wieder in meinem Zimmer auf dem Bett sitze und warte. Zuvor hatte ich mich umziehen sollen (Alltagskleidung). Plötzlich wurde es laut auf dem Flur. Aufgeregte Stimmen waren zu hören. Mein Name wurde gerufen. Ich ging zur Tür und wollte sie öffnen, aber sie blieb zu. Ich drückte die Klinke vehementer herunter – sie blieb zu. Ich war eingesperrt.

Tage später fragte ich meine Mutter, wer der Mann gewesen ist, der uns besucht hat. Ihre erste Antwort war: „Das hast Du nur geträumt“. „Gut, kann sein.“, dachte ich und grübelte weiter. Wochen später fragte ich sie erneut. Dieses Mal gab sie mir zur Antwort: „Das war ein Arbeitskollege Deines Schwagers Walter, der nach seiner Tochter sucht.“ Tage später wollte ich mehr darüber wissen. Ihre Antwort war: „Nein, wir hatten keinen Besuch. Das musst Du geträumt haben.“

Bis heute habe ich keine klare Antwort bekommen, weder von ihr noch von meiner Schwester oder ihrem Mann Walter.

Ich beantragte Akteneinsicht bei vielen Ämtern. Erst vorige Woche telefonierte ich mit einem Beamten vom Familiengericht in Chemnitz. Er gab mir die Auskunft, dass Akten vom Stadtarchiv zugesandt worden sind. Der zuständige Richter müsste sie nur noch freigeben. Ich war überglücklich, endlich der Wahrheit näher zukommen. Dann kam ein Schreiben vom aufsichtsführenden Richter, in dem er mitteilte, dass kein Adoptionsverfahren im Archiv gefunden werden konnte.

Die Frage, wer der Mann war, der mich damals besuchte, versuche ich mir bereits seit dreißig Jahren zu beantworten. Ich weiß nicht weiter.

Britta

Über Max Kuckucksvater

Seit Anfang 2011 weiß ich nun, dass mein Sohn aus erster Ehe nicht mein leiblicher Sohn ist. Da ich weder im Netz, noch irgendwoanders Hilfe gefunden hatte, habe ich dieses Blog gegründet. Dieses Blog verbindet Kuckuckskinder und Kuckucksväter untereinander, stellt Hilfsthemen bereit. Ein weiteres Ziel ist die Aufklärung der Gesellschaft über den stattfindenden Identitätsraub und Betrug, damit wir in Zukunft dieses Leid verhindern können. Der obligatorische Vaterschaftstest ab Geburt (OVAG) ist das einzige Mittel, welches das Kind sicher vor der Fälschung seiner Identität bewahren kann. Seither sind sehr viele Kontakte und Freundschaften zu Scheinvätern, Kuckuckskindern und anderen Betroffenen sowie Unterstützern entstanden. Der Austausch mit ihnen hat mir geholfen, meine Trauer zu verarbeiten. Und: Ja, ich lebe tatsächlich in Kolumbien. Inzwischen sind meine Frau und ich stolze Eltern einer Tochter. https://www.facebook.com/max.kuckucksvater
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