Mein Papa, mein Held – Mutterliebe – Kapitel 6 – von Marion Prinz


Schwarz-Weiß Foto

Marion Prinz als kleines Mädchen im weißen Kleidchen mit ihrem Papa – Foto: Privat

„Du bist ein Kuckuckskind! Papa ist nicht dein Papa, ihm ist ein Kuckucksei  ins Nest gelegt worden und wir sind nur Halbschwestern.“ Damals dachte ich, es wäre eine von meiner Schwester ausgedachte Lüge. Warum sollte mein Vater nicht mein Vater sein? Wir sind uns im Wesen so ähnlich und haben gemeinsame Interessen. Mein Vater ist ein guter Geschichtenerzähler. Meine Schwester und ich hingen als Kinder an seinen Lippen und forderten ihn stets auf, noch mehr Geschichten zu erzählen.

Franz war vier Jahre alt als der Krieg zu Ende war. Er wohnte mit seinen Eltern und seinen Geschwistern im Böhmerwald. Nach der Kapitulation des Deutschen Reiches fand unter anderem eine geregelte Vertreibung aus Böhmen statt. In einem geschlossenen Viehwagon mit einem Loch am Boden und einem Eimer mit Wasser in der Ecke wurden sie nach Bayern abtransportiert. Als der Zug an einem Bahnhof anhielt und seine Mutter Milch für die Kinder holte, stieg der kleine Franz ebenso aus und rannte zu einer Kiste mit Hasen, die er entdeckt hatte. Der Zug rollte los, seine Mutter stieg ein und bemerkte ihren Franzl am Bahnsteig. Sie schrie und wollte zu ihrem Kind, doch die Soldaten schlugen sie mit dem Gewehrkolben nieder und schoben sie in den Zug zurück. Aufmerksame Menschen hoben den kleinen Bub durch das Zugfenster hindurch.

Erst vor zwei Jahren erzählte mir mein Vater, dass die Tschechen vor der Vertreibung seine Mutter und seine älteste Schwester mehrfach vergewaltigten. Ihn und seine andere Schwester sperrten sie in den Schrank. Anfangs, so sagte mein Vater hätten die Frauen geschrien und geweint, später haben sie nichts mehr von den Frauen gehört.

Mein Vater ist ein großer Tier-und Naturfreund. Zuhause hatten wir einen Kleintierzoo. Ich kenne ein Spezialfutter für Fasanenküken: Ameiseneier, kleingeschnittene Brennnesseln mit Gries vermengen, lecker. Wir haben auch Vögel aus ihren Nestern geholt, gezähmt und ihnen das Sprechen beigebracht. Wildtiere haben wir solange versorgt und gefüttert bis der Jäger sie wieder holte. Jahrelang betreuten wir den Mäusebussard „Bimbo“. Jetzt hängt er ausgestopft in Vaters Wohnung an der Seite von präparierten Fischköpfen.

Viele wunderschöne Erlebnisse hatte ich mit meinem Vater. Beim „Gassi gehen“ sprachen wir über Gott und die Welt. Mein Papa ist sehr lustig und wenn wir zusammen sind, gibt es keine Sekunde Schweigen. Wir haben uns immer was zu erzählen.

Ich liebe meinen Vater und bin sehr traurig darüber, weil er nicht mein leiblicher Vater ist. Das Vaterschaftsgutachten vom 09.07.2014 schließt aufgrund der vorliegenden Untersuchungsbefunde meinen Vater als den biologischen Vater aus.

Mehr davon das nächste Mal.

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Serientitelbild zu

Mutterliebe – von Marion Prinz

Fortsetzung: Familienaufstellung – Mutterliebe – Kapitel 7

Voriges Kapitel: Mir fehlt die gute Mutterliebe – Mutterliebe – Kapitel 5 – von Marion Prinz

Erstes Kapitel: Du bist ein Kuckuckskind! – Mutterliebe

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Über Max Kuckucksvater

Seit Anfang 2011 weiß ich nun, dass mein Sohn aus erster Ehe nicht mein leiblicher Sohn ist. Da ich weder im Netz, noch irgendwoanders Hilfe gefunden hatte, habe ich dieses Blog gegründet. Dieses Blog verbindet Kuckuckskinder und Kuckucksväter untereinander, stellt Hilfsthemen bereit. Ein weiteres Ziel ist die Aufklärung der Gesellschaft über den stattfindenden Identitätsraub und Betrug, damit wir in Zukunft dieses Leid verhindern können. Der obligatorische Vaterschaftstest ab Geburt (OVAG) ist das einzige Mittel, welches das Kind sicher vor der Fälschung seiner Identität bewahren kann. Seither sind sehr viele Kontakte und Freundschaften zu Scheinvätern, Kuckuckskindern und anderen Betroffenen sowie Unterstützern entstanden. Der Austausch mit ihnen hat mir geholfen, meine Trauer zu verarbeiten. Und: Ja, ich lebe tatsächlich in Kolumbien. Inzwischen sind meine Frau und ich stolze Eltern einer Tochter. https://www.facebook.com/max.kuckucksvater
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2 Antworten zu Mein Papa, mein Held – Mutterliebe – Kapitel 6 – von Marion Prinz

  1. Manfred W. schreibt:

    Nichts, was der Mann getan hat, wird dadurch entwertet, dass er nicht der Vater ist. Ganz im Gegenteil: Es ist eher noch wertvoller!
    Er ist nicht der Vater, das stimmt. Das hinterlässt auch ein Loch. Die Fragen „Wer bin ich?“, „Wo komme ich her?“, „Bin ich gar adoptiert?“ kommen selbstverständlich. Aber das zusammen Erlebte bleibt und kann einem nicht genommen werden.

    Ich war mal verheiratet mit einer „Alleinerziehenden“ und ich habe dem Kind – damals 7 Jahre alt – klargemacht, dass es eben den Luxus hat zwei Väter zu haben. Den biologischen Vater und mich. Ich habe so die Dinge entkoppelt und versucht für das Kind einfach zu machen. Ich habe dem Kind erzählt, dass es in seinem Herzen viele Zimmer habe und es mir nicht das Zimmers des biologischen Vaters geben müsse, es solle mir ein anderes Zimmer geben. Das war für das Kind in Ordnung. Konflikte entstanden so für das Kind nicht, weil sich gefühlsmäßig die Dinge in zwei getrennten Zimmern abspielten. Lügen und andere Dinge waren nicht nötig. Ich musste gegenüber dem Kind auch nie um meine Autorität kämpfen. Das Kind war glücklich und zufrieden, dass es nun ein Papa habe wie die anderen Kinder auch und wenn ich von der Arbeit heimkam, dann öffnete es mir die Tür mit freudiger Begrüßung.

    Es war uns beiden also klar, dass ich nicht sein Vater bin, aber das war uns egal. Wir hatten trotzdem unser Vater-Kind-Verhältnis. Das hatte allerdings doch seine Grenzen. Die Mutter hat nämlich unsere Ehe gegen die Wand gefahren und nach der Trennung war Vater-Kind-Verhältnis dann abrupt zuende. Dann durfte ich (von der Mutter aus) nicht mehr (zweiter) Vater sein. Aber das ist eine andere Geschichte. Ich will nur andeuten, dass es für Kinder durchaus möglich ist, neben den (richtigen) Vater in ihrem Leben noch eine zweite Vaterfigur zu haben. Man muss nur mit dem Kind aufrichtig und ehrlich sein, sowie die Sache kindgerecht aufsetzen.

    Ab man das mit den zwei Zimmern im Herzen auch im Nachhinein hinbekommt, weiß ich nicht. Meine Schilderung zielt auch mehr auf Konstellationen, die in der Situation „Wie sage ich’s dem Kinde“ stehen.

  2. Petra Scholz schreibt:

    Wahnsinn, wessen Leid die Leute durch den Krieg plagte. Der Ursprung für weiteres Leid, welches auf oft ungewollte, unschuldige Kinder projiziert wurde, die dies erdulden mussten, die man insgeheim noch ablehnte und somit gefühlsmäßig mitunter als „notwendiges Übel“ ein schweres Los zu tragen hatten, wie auch Dir vor allem mütterlicherseits widerfahren ist.

    Von der Warte Deines gesetzlichen Vaters her, hast Du letztlich noch das Glück gehabt, seiner Zuneigung zu Dir, würdig zu sein.
    Klar aber ist auch,- was ich glaube gut nachvollziehen kann,- dass Dich das Wissen traumatisierte und Du plötzlich vor der Gewissheit standest, dass er nicht Dein leiblicher Vater gewesen ist.

    Das ist auch eine Art Entwurzelung, mit der sich obendrein,- so würde ich es empfinden,- letztlich weitere Schuldgefühle, Zweifel und Misstrauen aufkeimen, die letztlich fürs Leben prägend sind. Ein weiterer Schock, ein Traumata, an welches man selbst nicht so recht glauben will, sodass die Verdrängung übrig bleibt, die bis zu einem gewissen Zeitraum das Überleben schützt, unverarbeitet aber, über das Erwachsenenalter hinaus, zum letztlichen Chaos führen kann, was die Geschichte durch anderweitige Existenzen aufzeigt.

    Wie es auch ist, Du bist dennoch schuldlos, obwohl dies letztlich nur ein kleiner Trost bleibt, da dies das Trauma als Solches nicht mildert oder gar wett macht.

    Ein solches Erlebnis macht mit einem etwas und es kommen Dinge auf, die man selbst nicht mehr erklären kann. Dinge, nach denen man unbewusst sucht, sie nicht greifen kann, aber dennoch so nah erscheinen, weil man einen Teil von ihnen in sich trägt, die einen ausmachen, aber vorenthalten wurden.

    Für Außenstehende mag es einfach sein, einem Kind heimlich einen Vater zu präsentieren, im Glauben dass dies keine Spuren hinterlässt, zu Gunsten ihrer Fassade, um der „heilen Welt“ Willen, nach außen hin, auf Kosten des Kindes, dem man die Fähigkeit, seines Animus entzieht, es nicht ernst nimmt und im Falle seiner offenbarten Zweifel um Schutze der eigenen Lüge als Phantast oder geistesgestört hingestellt wird oder ihm noch Böswilligkeit unterstellt wird, um die Reaktion zu begründen.
    Dies kommt einer lebenslänglichen Verurteilung gleich, oft mit dem aufkommenden Gefühl, keine Rolle zu spielen und letztlich unwillkommen zu sein, da das Kind das familiäre Klima, samt des insgeheimen Verhaltens der Mutter/Eltern spürt. Somit auch, dass irgendetwas nicht stimmt und in ihm Fragen laut werden, „Wer bin ich?“ „Wo komme ich her?“ „Bin ich gar adoptiert?“, etc.

    So beginnt die „Achterbahnfahrt“, die aufkommenden Zweifel, das Verdrängen um atmen zu können, aber auch jene Dinge, die einen in Abständen wieder einholen, da es nicht möglich ist, auf Dauer zu verdrängen, was einem zu Brodeln beginnendem Pulverfass gleichkommt, das irgendwann zu explodieren droht.

    Wie gut, dass Menschen die Kraft und Wege finden, jene erlebten Strapazen anderweitig versuchen, letztlich dahingehend zu verarbeiten, damit sie überleben und leben können.

    Alles, alles Gute Dir.

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