Ich wollte du wärst tot! – Mutterliebe – Kapitel 4 – von Marion Prinz


Kind beim Geschirrspülen

Mit Fleiß wollte ich die Liebe meiner Mutter verdienen. – Marion Prinz beim Abwasch – Foto: Privat

Meine Mutter hat mich mit 17 Jahren geboren und damit ich kein uneheliches Kind werde, meinen Papa geheitatet. Ich kann mich aus meiner Kindheit an keinen zärtlichen  Moment mit ihr erinnern. Ich habe lange überlegt, wie ich diesen Teil der Geschichte erzählen soll. Es geht mir nicht darum meiner Mutter die Schuld zu geben, oder sie in ein schlechtes Licht zu setzen. Ich horchte auch in mich hinein, ob mein Papa, oder meine Oma je verletzende Sätze zu mir sagten. Ich entdeckte nur Sätze der Anerkennung, des Trostes, oder der Liebe.
Mit Verständnis und mit all meiner Liebe sehe ich meine Mutter als unglückliches und auch nicht von ihrer Mutter geliebtes Kind. Die kleine Thea wuchs bei ihren Großeltern  auf. Im Dorf wurde sie Bastard, Polen-Bastard genannt. Der Schmerz, ihre Verletzungen und das Bild, was sie selber von sich hatte, hat meine Mutter auf mich übertragen. Wie ein negatives Mantra begleiten mich ihre Sätze: „Ich wollte Du wärst tot!“, „Du bist Schuld an meinem Unglück!“,  „Wegen dir, musste ich den Papa heiraten“, „Du bist zu dick und wirst nie einen Mann finden!“ „Du bist an allem Schuld!“.
Sie hat mich abgelehnt, von sich gestoßen, links liegen gelassen und bei schlechter Laune kein Wort mit mir geredet. Mit meinem Fleiß, einem ausgeprägten Ordnungssinn und einer hohen Folgsamkeit versuchte ich ihre Liebe zu verdienen.

Mit 15 Jahren verließ ich mein Elternhaus. Ich heiratete mit 18 Jahren und meine Schwester verheiratete sich mit 19 Jahren.  So entsprachen wir auch dem Wunsch meiner Mutter: „Sobald ihr aus dem Haus seit, werde ich den Papa verlassen!“

Ich habe vor meiner Mutter Angst.

Als junge Mütter sprachen meine Schwester und ich  bei einem Besuch unserer Mutter, über unsere Ängste und über das Ungeliebt sein. Sie reagierte auf das Heftigste, nannte uns undankbare Kinder  und  dass sie uns am Liebsten ins Heim gesteckt hätte.

Vor kurzem war ich bei meiner Mutter. Wenn ich mit ihr spreche, rede ich in einem ruhigen Ton und formuliere meine Sätze mit Bedacht. Ich wollte ihr Mitgefühl und sagte zu ihr, dass es sehr schwer für mich ist, nicht die Tochter vom Papa zu sein. Sie antwortete darauf: „Du solltest mir dankbar sein. Sei froh, dass dein Papa nicht dein Papa ist, sonst wärst du so schlecht wie deine Schwester.  Sag, danke liebe  Mutti!“

Warum ich ein Fluchtmensch geworden bin, wurde mir da wieder so deutlich gemacht.

Wie es mir in meinem Leben ergangen ist, ohne Urvertrauen und ohne Selbstvertrauen, erzähle ich das nächste Mal.

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Serientitelbild zu

Mutterliebe – von Marion Prinz

Fortsetzung: Mir fehlt die gute Mutterliebe – Mutterliebe – Kapitel 5

Voriges Kapitel: Oma war mein Mutterersatz – Mutterliebe – Kapitel 3 – von Marion Prinz

Erstes Kapitel: Du bist ein Kuckuckskind! – Mutterliebe

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Über Max Kuckucksvater

Seit Anfang 2011 weiß ich nun, dass mein Sohn aus erster Ehe nicht mein leiblicher Sohn ist. Da ich weder im Netz, noch irgendwoanders Hilfe fand, gründete ich dieses Blog. Dieses Blog verbindet Kuckuckskinder und Kuckucksväter untereinander, stellt Hilfsthemen bereit. Zusätzlich klärt es die Öffentlichkeit über den stattfindenden Identitätsraub und Betrug auf, damit wir in Zukunft dieses Leid verhindern können. Der obligatorische Vaterschaftstest ab Geburt (OVAG) ist das einzige Mittel, welches das Kind sicher vor der Fälschung seiner Identität bewahren kann. Seither entstanden sehr viele Kontakte und Freundschaften zu Scheinvätern, Kuckuckskindern und anderen Betroffenen sowie Unterstützern. Der Austausch mit ihnen half mir dabei, meine Trauer zu verarbeiten. Und: Ja, ich lebe tatsächlich in Kolumbien. Inzwischen sind meine Frau und ich stolze Eltern einer Tochter. https://www.facebook.com/max.kuckucksvater
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2 Antworten zu Ich wollte du wärst tot! – Mutterliebe – Kapitel 4 – von Marion Prinz

  1. Manfred W. schreibt:

    Ich kann mich aus meiner Kindheit an keinen zärtlichen Moment mit ihr erinnern.

    Ich wollte Du wärst tot! […] Du bist an allem Schuld!

    […] dass sie uns am Liebsten ins Heim gesteckt hätte.

    Man kann und wird von vielen Menschen im Leben verletzt. Für gewöhnlich kann man sich schützen, indem man Abstand von diesen Menschen nimmt. Menschen, die ihre Kinder so verletzten sind skrupellos. Eine Mutter kann durchaus – wie meine Mutter – ihre Kinder verlassen, oder auch der Vater. Aber ein Kind kann nicht seine Mutter oder seinen Vater verlassen. Wenn Kinder wie Marion Prinz behandelt werden, sind wie Geiseln, die nicht fliehen können. Der natürliche Schutzreflex: Abstand nehmen, funktioniert hier nicht.

    […] in meinem Leben […] ohne Urvertrauen und ohne Selbstvertrauen […]

    Das ist kein Wunder und leider sind diese Defizite nur schwer auszugleichen. Ich hatte mit 18/19 Freunde, die mich aufgefangen haben, später auch Lehrer auf dem zweiten Bildungsweg, die mich zu ermutigen wussten. Das alles hat schon geholfen. Aber vollständig ersetzen oder ausgleichen kann man das nicht.

  2. Petra Scholz schreibt:

    Ich bin schockiert, wie zu Tränen gerührt, wenn ich diese Geschichte lese, die meiner ähnlich zu sein scheint.
    Ich erinnere mich noch, als sei es noch gar nicht lange her, als ich, – von meiner Mutter ohrfeigend, an den Haaren ziehend, angeschrien wurde, ich sei nicht ihr Kind, sie wünschte ich sei tot und das Anspucken nicht wert, letztlich mir in’s Gesicht spuckend, als ich mich ekelte und zurück spie.

    Der Grund war ein Eintrag vom Lehrer mit 8 Jahren.

    Du kannst nicht glauben, wie mich Deine Geschichte berührt.
    Es wundert mich noch immer, wie ähnlich doch unsere Erlebnisse mitunter sind.

    Alles, alles Liebe Dir.
    Du hast eine solche Kraft. Alle Achtung.

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