Der Dolch – von Peter Teuschel


Geschichte - Titelbild

Der Dolch – von Peter Teuschel

Zehn Wochen kommt sie jetzt schon zu mir und es will mir nicht gelingen, ihren Panzer aus Resignation und Hoffnungslosigkeit zu knacken. Die Depression, die sie seit Jahren niederdrückt, bringt sie jedes Mal mit zur Therapie und wenn sie sich im Sessel niedergelassen hat, scheint sie von Schatten umgeben. Tonnenschwer wiegen die Steine, die sie mir bei jedem Besuch auf den Teppich in meinem kleinen Therapiezimmer wuchtet. Steine aus Leid, Enttäuschung, Verbitterung.

Heute ist einer der seltenen Tage, an denen sie mir in die Augen blickt. Sie will mir etwas sagen, etwas, das ich noch nicht weiß und dass ihr sehr wichtig ist. Sie zieht Bilder aus ihrer kleinen Handtasche, die so winzig und so unscheinbar ist wie ihr Ego. Die Töchter, drei an der Zahl, alle rotbackig und gesund und blondzopfig. Längst außer Haus, alle drei, die beiden Zwillinge sind Mitte vierzig und die kleine, die Nachzüglerin, Ende zwanzig, alle in guten, gesunden Beziehungen. Keine Bilder von den vier Enkelkindern, denn um die geht es ihr nicht.
Ein weiteres Photo holt sie aus der Tasche und ich sehe sofort, wer es ist. Jede Stunde, die wir hier zusammen saßen, hat sie über ihn geredet. Über seine Launen, seine herrische Art, seine Lieblosigkeit und seine Besitzansprüche. Er hat sich genommen, was er wollte, Jahre und Jahrzehnte, bis zur Prostata-Operation, dann war Schluss. Ich schaue mir das Photo an. Ein ergrauter, untersetzter Mann, und ich habe Schwierigkeiten, das Monster, das sie mir beschrieben hat, mit dem Lächeln auf dem Bild in Einklang zu bringen. Sie legt das Photo neben die anderen.
Die beiden Großen, sagt sie mit ihrer leisen rauen Stimme, die sind nicht von ihm. Ein entfernter Freund ihres Mannes, eine kurze Sache vor der Eheschließung, nur ein einziger sexueller Kontakt, aber sie ist sich sicher, die Marie und die Toni, die Zwillinge, die sind von dem anderen Mann. Freundlich war der zu ihr, aber feste Absichten hatte er keine und sie war doch schon halb mit dem Josef zusammen.

Ich bin misstrauisch vom ersten Moment an. Sie kommt nicht weg von ihrem Mann, was ich ihr auch sage, sie hängt an ihm, sie hasst ihn, sie kann nicht ohne ihn. Ist das ihre Art, zurückzuschlagen? Aber welches Recht habe ich zu zweifeln? Ich nehme mir die Bilder von den Töchtern und sehe in allen dreien die Mutter.

Will sie es ihm sagen?

Wenn er sie weiter so behandelt, dann sagt sie es ihm. Eines Tages.

Wie sicher kann man sich da sein mit der Vaterschaft, es war doch alles innerhalb von ein paar Wochen, der Freund, der nach dem ersten und letzten Sex weg war und der Mann, der sie dann geheiratet hat. Woher weiß sie, wer der Vater der Zwillinge ist?
Sie schüttelt den Kopf.
Sie wird nicht locker lassen, wird sich das nicht nehmen lassen. Der Hass auf ihren Mann hat sich über all die Jahre aufgestaut, in denen sie ihn erduldete und ihr immer klarer wurde: Sie wird nicht wegkommen von ihm. In all den Nächten, in denen er ihr Sachen ins Ohr keuchte, die ihr zuwider waren. In all den Tagen , an denen er sie wie Dreck behandelte, weil sie sein Geheimnis mit ihm teilte: Sein süchtiges Flehen, seine geile Unterwürfigkeit.
Sie sammelt die Bilder wieder ein. Sie will keinen Kommentar von mir. Sie wollte es mich nur wissen lassen, welch scharf geschliffene Waffe sie geschmiedet hat, welche Macht sie hat, ihm diesen Dolch zwischen die Rippen zu stoßen.

Ist es die Wahrheit? Ich werde es nie erfahren. Die nächste Stunde sagt sie ab und eine weitere vereinbart sie nicht.

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Portrait

Dr. Peter Teuschel – Psychiater, Psychotherapeut, Buchautor und Blogger – Sein Thema: Das schwarze Schaf – © Foto: privat

Peter Teuschel ist Psychiater und Psychotherapeut in München. Durch seine Arbeit gewann er immer mehr Interesse für die sogenannten schwarzen Schafe in den Familien. Obwohl das Thema „schwarzes Schaf“ in aller Munde ist, gibt es doch nahezu nichts und niemanden, der sich bisher konzentriert den schwarzen Schafen zuwendet. Seine Erfahrungen und Beobachtungen fasste er in seinem Buch „Das schwarze Schaf“ zusammen und betreibt seither das Blog „Die schwarze Herde„.

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Über Max Kuckucksvater

Seit Anfang 2011 weiß ich nun, dass mein Sohn aus erster Ehe nicht mein leiblicher Sohn ist. Da ich weder im Netz, noch irgendwoanders Hilfe fand, gründete ich dieses Blog. Dieses Blog verbindet Kuckuckskinder, Scheinväter, Väter und Kuckucksmütter untereinander, stellt Hilfsthemen bereit. Zusätzlich klärt es die Öffentlichkeit über den stattfindenden Identitätsraub und Betrug auf, damit wir in Zukunft dieses Leid verhindern können. Der obligatorische Vaterschaftstest ab Geburt (OVAG) ist das einzige Mittel, welches das Kind sicher vor der Fälschung seiner Identität bewahren kann. Seither entstanden sehr viele Kontakte und Freundschaften zu Scheinvätern, Kuckuckskindern und anderen Betroffenen sowie Unterstützern. Der Austausch mit ihnen half mir dabei, meine Trauer zu verarbeiten. Und: Ja, ich lebe tatsächlich in Kolumbien. Inzwischen sind meine Frau und ich stolze Eltern einer Tochter. https://www.facebook.com/max.kuckucksvater
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2 Antworten zu Der Dolch – von Peter Teuschel

  1. Pingback: Kuckuckskinder: Seltener als gedacht? | Die schwarze Herde

  2. Eva Graz schreibt:

    Mir als Frau ist es unbegreiflich, wie man mit SO EINEM GEHEIMNIS LEBEN kann. Ich könnte das nicht. Selbst, wenn ich – gesetzt den Fall – nicht genau wüsste, WER der Vater ist, und nur die Möglichkeit bestünde, dass mein Partner es NICHT ist, ich könnte mit so einer Unsicherheit niemals leben. Es würde mich zerfressen. Es ist für mich unglaublich und unfassbar, dass es Frauen gibt, die DAS können.. 😦

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