Das nichtvorhandene Kind – von Claudia Knieriem


Portraitaufnahme von Claudia Knieriem

Autorin Claudia Knieriem

Das nichtvorhandene Kind

Wieder einmal weintest Du am Telefon, wieder einmal hattest Du Dich auf ihn eingelassen. Seit Monaten schon wart Ihr getrennt, er hatte sogar eine neue Freundin, doch schaffte er es mit seinem Charme immer wieder, Dich um den kleinen Finger zu wickeln. Dein Kind sagte Papa zu ihm, obwohl er es nicht war, beide wussten das.

Ihr hattet Euch kennen gelernt kurz nachdem der kleine Fratz zur Welt gekommen war. Schnell tauchten Probleme auf; er noch viel zu jung, um mit der großen Verantwortung zurecht zu kommen und Deinen Erwartungen gerecht zu werden.

Ich weiß nicht, wie oft Ihr Euch getrennt habt. Eine Bratpfanne hast Du ihm hinterher geworfen, übelste Anschuldigungen begleiteten Eure Trennungsphasen, bis wieder mal alles eitel sonnig war.

Und nun machtest Du schon so lange dieses Rumgehampel mit. Ihr konntet nicht mit- und nicht ohneeinander. Ungeschützter Verkehr setzte dem ganzen die Krone auf. Mehr als einmal musstest Du Deine Gynäkologin aufsuchen. Zu gerne hast Du ihm dann Schuldgefühle bereitet, weil er mit ihr und mit Dir schlief, Deine Infektionen darauf zurückzuführen waren. Eine Mitschuld sahst Du nicht …

Dieses Mal warst Du so verärgert über ihn, dass Du ihm eine Lektion erteilen wolltest. Mitten in seine Klausurvorbereitungen, die er sowieso regelmäßig mit durchzechten Nächten unterbrach, teiltest Du ihm mit, dass Deine Periode zwei Tage überfällig sei.

„Übertreib‘ es nicht“ mahnte ich Dich noch, doch Du wolltest ihm einen richtigen Denkzettel verpassen. So zogst Du Deinen Fahrplan durch. Erzähltest ihm, dass Du zum Schwangerschaftstest bei Deiner Ärztin warst – und er Vater wird, Du eine Abtreibung aber für das allerbeste hältst. Er war total durcheinander, konnte kaum mehr geradeaus denken. Fast jeden Abend kam er zu Dir, wollte reden, denken, handeln. Furcht und Freude, Weinen und Lachen.

Du weihtest mich ein, dass Du ihm einen Abbruch vorspielen wolltest. Ich war entsetzt! So etwas konntest Du nicht wirklich tun wollen. Ich bat Dich, dem Ganzen ein Ende zu setzen, noch ging es. Noch konntest Du sagen, der Test war falsch, Du hättest jetzt doch Deine Tage bekommen … „Nein, so leicht kommt er mir nicht davon …!“ Ich kannte Dich nicht mehr, hatte Dich vielleicht nie richtig gekannt.

„Ich sag‘ ihm, ich hätte nachts Blutungen bekommen und du hast mich ins Krankenhaus gefahren, dann hab‘ ich das Kind eben verloren.“

„NEIN! Das mach ich nicht mit – und ich will auch nichts damit zu tun haben. Wie kannst du so eiskalt sein?!“

Ich hatte ein Kind verloren, und wusste, wie schmerzhaft der Verlust ist, auch für den Vater. Aus purer Boshaftigkeit, aus tiefsten Rachegelüsten so weit zu gehen, ging über mein Verständnis. Tage später betteltest Du um meine Freundschaft, fragtest bange, ob dies nun zwischen uns stehe. Dein Vorhaben hattest Du durchgezogen. Und so habe ich immer noch ein Bild vor meinem inneren Auge: Wie Ihr Zwei Euch weinend in den Armen liegt und den Verlust des nicht vorhanden gewesenen Babys beweint. Wie Du seine Zuwendung, seinen Trost eingefordert hast, ohne jedes Unrechtsgefühl.

Er versemmelte seine Klausuren, feierte noch mehr, trank, kokste … Und brach sein Studium ab. Eure Wege trennten sich endgültig.

Dein Lächeln zeugt von (diabolischer) Zufriedenheit, auch heute noch …

© Claudia Knieriem März 2013

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Portraitaufnahme von Claudia Knieriem

Claudia Knieriem

Über Claudia Knieriem

Mit ihrer Phantasie und Empathie gelingt es ihr, sich in Situationen und Menschen hinein zu versetzen, womit sie ihren, zumeist fiktiven, Texten Authentizität verleiht.
Wortverliebter Draussenmensch, L(i)ebenssüchtling, hart-zarte Bloggerin (http://gestochenscharf.blogspot.de/ und http://naeheramleben.blogspot.de/), Mutter aus Überzeugung mit Leidenschaft und herzübervoller Liebe, Autorin …
Geboren 1968, im Sternzeichen des Skorpion, in der norddeutschen Tiefebene, Deichliebhaberin und Vollmondjunkie …

Textveröffentlichungen auf verschiedenen Internet-Plattformen und in Anthologien, u.a. Text „Papa“ in „Kinderherz“ im November 2010 erschienen, Hrsg. Tristan Rosenkranz.

Zusammen mit Max Kuckucksvater schrieb sie im Wechsel die fiktive Geschichts-Serie „Spiegelwelten„. Das Paar dieser Geschichte – jeder für sich – erzählt aus der ganz eigenen Welt über die selben bzw. mit einander zusammenhängende Momente und spiegeln sich darin einander. Zum ersten Teil geht es hier.

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Tristan Rosenkranz veröffentlichte bei uns ebenfalls einen Gastartikel: Nischenschmerz

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Über Max Kuckucksvater

Seit Anfang 2011 weiß ich nun, dass mein Sohn aus erster Ehe nicht mein leiblicher Sohn ist. Da ich weder im Netz, noch irgendwoanders Hilfe fand, gründete ich dieses Blog. Dieses Blog verbindet Kuckuckskinder und Kuckucksväter untereinander, stellt Hilfsthemen bereit. Zusätzlich klärt es die Öffentlichkeit über den stattfindenden Identitätsraub und Betrug auf, damit wir in Zukunft dieses Leid verhindern können. Der obligatorische Vaterschaftstest ab Geburt (OVAG) ist das einzige Mittel, welches das Kind sicher vor der Fälschung seiner Identität bewahren kann. Seither entstanden sehr viele Kontakte und Freundschaften zu Scheinvätern, Kuckuckskindern und anderen Betroffenen sowie Unterstützern. Der Austausch mit ihnen half mir dabei, meine Trauer zu verarbeiten. Und: Ja, ich lebe tatsächlich in Kolumbien. Inzwischen sind meine Frau und ich stolze Eltern einer Tochter. https://www.facebook.com/max.kuckucksvater
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Eine Antwort zu Das nichtvorhandene Kind – von Claudia Knieriem

  1. jemseneier schreibt:

    ich glaub das es da draussen soviele schräge Geschichten zu dem Thema gibt, dass es im Prinzip nicht notwendig ist, welche dazuzuerfinden.
    Die Story vom Kind, das kurz da und dann doch nicht gibt´s sicher wahnsinnig oft.
    Genauso wie´s viele Frauen gibt, die sich aus ähnlichen Wünschen schwängern lassen und das dann knallhart durchziehen… (z.B. den Mann an sich zu binden, oder wieder „aufgehoben“ zu sein, oder um nicht mit 35 nochmal arbeiten gehen zu müssen…)
    Da ist ja das „Fake-Baby“ noch die harmlosere Variante.
    Beides kenne ich aus meinen Bekanntenkreis.
    LG.

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