Die Familie feiert – Anatomie der Kuckucksgeschichte von Yelka Schmidt – Teil 15


Foto von Yelka

Yelka Schmidt beim bloggen.

Seit Teil 14 gingen noch einige Anwaltsschreiben hin und her. Gerichtstermine werden von der Gegenseite grundsätzlich verschoben. Der erste Gerichtstermin bringt lediglich die Erkenntnis, dass die junge Richterin mit der Thematik ziemlich überfordert ist. Sie fordert die Nennung möglicher Zeugen, die bestätigen, dass sich mein Papa niemals dahingehend geäußert hat, dass er wisse, dass er nicht mein Vater ist bzw. dass sein Verhalten nie Rückschlüsse darauf zugelassen haben könnte, dass er vom Nichtbestehen der Vaterschaft gewusst hätte. Dies bringt mich dazu, die Runde durch die ehemalige Nachbarschaft zu machen, alte Freunde meiner Eltern zu besuchen und mit offenen Karten zu spielen. Die Reaktion ist immer gleich: Unfassbarkeit, offene Münder und sofortige Zustimmung, als Zeuge aussagen zu wollen. Auch dieses Schreiben geht einige Wochen später zum Gericht.

In der Zwischenzeit melden sich vereinzelt Familienmitglieder bei mir. Ich habe mich ja nun schon eine gewissen Zeit sehr rar in der Familie gemacht. Bei einem Bühnenauftritt steht auf einmal eine meiner Tanten vor der Bühne. Ich freue mich riesig. Im anschließendem Gespräch sagt sie, wie sehr sie mich vermisse und wie Leid ihr das Alles täte. Sie weint – ich weine. Sie spricht eine Einladung zu ihrem Geburtstag im Dezember aus.

Im November wird auf unser Schreiben durch die Gegenseite geantwortet. Ich blättere kurz durch die 9 Seiten und lege es beiseite. Das Thema ist nicht mehr meins, zudem habe ich gerade einen neuen Job begonnen, der meine vollste Aufmerksamkeit braucht. Eine E-Mail unseres Anwalts lässt mich dann doch noch mal detaillierter nachlesen. Auch die Gegenseite benennt Zeugen. Die Tochter meines Erzeugers, meine Halbschwester. Deren Freundinnen aus der privaten Krabbelgruppe, die sich 2008, nach der Geburt ihrer Kinder  gründete. Die Namen sagen mir schwach etwas … ich habe nie an solchen Treffen teilgenommen … Dann noch ein mir völlig unbekannter, männlicher Zeuge. Dies antworte ich auch unserem Anwalt. Wir überlegen gemeinsam, wie wir darauf antworten sollen. Es wird ein kurzes Schreiben an das Gericht.

Es naht der Geburtstag meiner Tante, der Schwester meiner Mutter. Ich entscheide mich, alle Kraft zusammen zu nehmen und sage zu. An dem Mittwoch komme ich spät zur Geburtstagsgesellschaft. Die ersten Gäste verabschieden sich gerade, man kann mein Kommen somit nicht hören. Im Flur umarmt mich meine Tante und sagt: „Ich freu mich! Endlich!“ Ich betrete das Wohnzimmer. Stille … ungläubige Blicke meiner Mutter und meines Erzeugers. Eine andere Tante durchbricht die Situation mit: „Och, schön Yelka! Lange nicht gesehen. Du siehst toll aus. Setz Dich.“ Irgendwann kramt meine Mutter ihre Kamera raus und macht ein paar Bilder von mir, kommentarlos. Mein Erzeuger versucht einen kleinen, verbalen Angriff, meine Tante geht sofort dazwischen. Irgendwann verabschiede ich mich. Geschafft! Meine Tante erzählt mir später, dass meine Mutter sich bei ihr für meine Anwesenheit bedankte.

Weihnachten naht, ich verbringe ein paar sehr ruhige Tage zu Hause. Zwischen den Tagen eine SMS. Die dritte Tante im Bunde lädt mich zum Geburtstag meines Patenonkels im Januar ein. Ich sage sofort zu. Auf dem Weg zur Feier fahre ich am Haus meiner Mutter und meines Erzeugers vorbei. Genau in diesem Moment verlassen sie das Haus, um ebenfalls zur Feier aufzubrechen. Mein Erzeuger mit versteinerter Miene voran, meine Mutter sehr ernst circa 2 Meter hinter ihm. Beim Betreten des Lokals fängt mich die Tante ab und zeigt mir einen Platz zwischen meiner Cousine, ihrem Mann und Kind. „Gut, ein sicherer Platz“, denke ich. Irgendwann im Laufe der Feier steht mein Patenonkel auf, dreht sich zu mir und sagt für alle hörbar: „Yelka, ich freu mich. Du siehst aus wie das blühende Leben.“ Ich freue mich über so herzliche Worte. Meine Mutter kommt irgendwann wieder mit der Kamera vorbei und macht Fotos von mir, kommentarlos.

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Kuckuckskind Yelka Schmidt erzählt von ihren Erlebnissen auf dem Weg zur Klärung der Vaterschaft und den Folgen

Anatomie der Kuckucksgeschichte von Yelka Schmidt

Fortsetzung folgt …

Hier geht es zum vorangegangenen Teil 14 „Mein Weg in die Öffentlichkeit

Eine Auflistung aller Teile dieser Serie findest Du hier.

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Über Yelka Schmidt

Geboren im Mai 1981, seit März 2011 weiß ich, dass ich ein Kuckuckskind bin. Ich will kein Tabu sein. Ich lebe. Ich lache. Ich liebe. Ich spreche. Über mich. Über Dich? Miteinander? Das würde mich freuen. Ich schreibe. Meistens drauf los. Das befreit mich. Das hilft mir Aktuelles oder Vergangenes zu begreifen und vielleicht auch zu verarbeiten.
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3 Antworten zu Die Familie feiert – Anatomie der Kuckucksgeschichte von Yelka Schmidt – Teil 15

  1. Simon schreibt:

    Hey echt krasse Geschichte……hoffe das geht gut für euch aus, vorallem
    Hat dein Papa verdient wenigstens ein ganz ganz kleines bisschen entschädigt zu werden!!! Dein Erzeuger ist in meinen Augen das aller letzte und nimm’s mir nicht übel aber deine Mama scheint auch kein Rückgrat zu haben…. Ich hoffe dein Papa schafft das alles psychisch zu verkraften.

    Alles gute euch 2!

  2. Sonja schreibt:

    Mir kommen jedes mal, wenn ich was von Dir lese, die Tränen! Vielleicht auch deshalb, weil ich es so „hautnah“ mitbekomme und alles einfach nur unfassbar ist… Halt die Ohren steif! Ich hab Dich lieb!!! Bussi, Sonja

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