Kuckuck Fridolin hat Interesse an unserem Kind? – Tierwelt Teil 7


2 Kuckucke - Fotos mit Bildbearbeitung von Liane Scholl

Zwei Kuckucke in der Baumkrone – digitale Bildbearbeitung: Liane R. Anderson

Fridolin ist fassungslos. Niemals hätte er gedacht, dass er dieses hübsche Kuckucksweibchen jemals wieder sieht.

„Hallo Fridolin“, ruft Wilma erfreut und strahlt ihn glücklich an. Überwältigt flüstert er aufgeregt: „Ich kann es nicht glauben, dass du ausgerechnet jetzt neben mir sitzt.“

Traurig und beschämt senkt Wilma ihren Kopf. Leise und mit tränenerstickter Stimme beginnt sie zu erzählen: „Du wirst mich jetzt mit Sicherheit auslachen, aber das ist mir egal. Ich verspüre seit einiger Zeit so einen intensiven Drang unser gemeinsames Kind kennen zu lernen. Fange bitte nicht damit an, mir zu erklären, dass es bei uns Kuckucksvögel eben so üblich ist, sich um seinen Nachwuchs nicht selbst zu kümmern. Mich quält eine grenzenlose Sehnsucht nach meinem kleinen Sohn, den ich hilflos und alleine in einem fremden Nest zurückgelassen habe. Diese gewissenlose Tat bereue ich entsetzlich. Deshalb machte ich mich auf den Weg, um ihn zu suchen.“

Fridolin ist überwältigt vor Freude. Nie hätte er zu träumen gewagt, dass er Wilma jemals wieder sehen würde. Ihren Wunsch den kleinen zurückgelassen Felix zu finden, macht ihn zum glücklichsten Vogel auf der ganzen Welt.

Berührt und mit Tränen in den Augen, bemerkt Fridolin mit sanfter Stimme: „Gibt es denn wirklich so einen Zufall? Es ist wie ein Wunder, dass wir uns heute hier auf diesem Ast treffen. Auch ich verspüre seit langer Zeit eine tiefe Sehnsucht nach unserem gemeinsamen Kind.“

Wilma schaut ihn mit aufgerissenem Schnabel ungläubig an. Es dauert einige Sekunden, bis sie sich wieder gefasst hat. So richtig kann sie es noch immer nicht glauben, was der Vater ihres Kindes da gerade erzählte.

„Du hast Interesse an unserem Kind?“, fragt sie verblüfft. Doch dann bemerkt Wilma, wie sich Fridolins Augen plötzlich mit Tränen füllen. Sie ist erschüttert und gleichzeitig total überwältigt vor Mitgefühl. Wie kommt es, dass gerade dieser blendend aussehende Kuckuck, den sie heimlich noch immer liebt und sogar jede Nacht von ihm träumt, sein Verhalten so dermaßen geändert hat und sich um seinen Sohn sorgt?

Vorsichtig rutscht Fridolin ein paar Zentimeter näher zu Wilma heran. Liebevoll beugt er seinen Kopf zu ihr herunter und flüstert leise: „Glaube mir, ich musste unentwegt an dich denken und konnte dich niemals mehr vergessen. Du warst der Auslöser für meinen Sinneswandel. Dein liebevolles und herzliches Wesen, haben in mir etwas geweckt, was mir vorher fremd war. Ja etwas ausgelöst, was ich nicht kannte. Ich glaube man nennt es Liebe.

Seitdem wünsche ich mir eine Familie. Ich möchte nicht mehr alleine sein. Euch beide vermisse ich so dermaßen stark, dass ich es fast nicht mehr aushalten kann. Eigentlich finde ich das Verhalten von den Kuckucksvögeln, total gemein. Sie legen ihre Eier einfach in fremde Nester ab, ohne darüber nachzudenken, wie sich ihre Kinder dabei fühlen, wenn sie bei Pflegeeltern aufwachsen müssen. Deshalb habe ich nach unserem Jungen gesucht und ihn tagelang heimlich beobachtet.

Der kleine Felix musste schon sehr viel Schlimmes ertragen und fürchterlich darunter leiden, dass er ein Kuckuckskind ist. Er wurde von seiner Umgebung verstoßen. Sie haben ihn ausgelacht und gehänselt, wegen seinem Aussehen und seiner Größe. Dann ist er geflüchtet und seitdem bin ich ihm gefolgt. Ich habe panische Angst um unseren Kleinen und möchte ihn beschützen. Da vorne, genau an der Stelle unter diesem Busch, liegt er und schläft.“

„Was?“, schreit Wilma erschrocken und will sofort auf ihr Kind zustürmen. „Warte bitte noch ein bisschen. Wir müssen behutsam vorgehen. Seine kleine Kinderseele wurde tief verletzt“, bremst Fridolin die Kuckucksmama aus. Wilma zittert am ganzen Körper vor Freude und Aufregung.

Zärtlich kuschelt sich Fridolin an das Weibchen. Dann beginnt er von seinen Gedanken und Gefühlen zu erzählen. Er spricht über alles was ihm, als er vorhin noch alleine auf dem Ast saß durch den Kopf ging. Auch darüber wie kostbar und wertvoll eine Familie ist. Was es bedeutet ein Nest zu haben, wo man jederzeit willkommen ist. Er berichtet ihr darüber, wie wichtig es ist, dass Kinder ein liebevolles Zuhause haben. Das Eltern für ihre Sprösslinge da sein müssen, um sie zu beschützen wenn sie in Gefahr sind, um sie zu trösten, wenn sie traurig sind, um sie zu wärmen, wenn sie frieren, um sie an die Hand zu nehmen, wenn sie Angst haben, um sie aufzubauen, wenn sie den Mut verloren haben, um sie zu stärken, damit sie Selbstbewusstsein bekommen, und um sie spüren zu lassen, dass sie erwünscht sind und geliebt werden.

Nur dann kann aus so einem kleinen unschuldigen Wesen eine starke glückliche und zufriedene Persönlichkeit werden. Wenn Vögel Kinder auf die Welt setzen, dann haben sie eine riesengroße Verantwortung. Kleine Babys sind zarte schutzbedürftige Wesen, die unschuldig sind und ihre Eltern bedingungslos lieben können.

Dann macht er Wilma deutlich, dass in Europa alle Kuckucksvögel normalerweise ihre leiblichen Kinder aussetzen, ohne darüber nachzudenken, was dieser Betrug für ein fürchterliches Gefühl bei ihrem Nachwuchs verursacht, wenn sie von Mama und Papa verstoßen werden.

Traurig erzählt Fridolin weiter: „Ich wurde als Kind auch immer gehänselt und von der Gruppe ausgeschlossen, nur weil ich anders war. Mit der Zeit bin ich deshalb immer wütender geworden und wollte mich rächen. Das ich dabei auch unschuldige Vögel damit belastete war mir die ganze Zeit nicht klar. Manchmal konnte ich mich für mein fieses Verhalten selbst nicht mehr leiden.“

Er beichtet ihr, über seine lange egoistische Lebensweise und bereut zutiefst sein schäbiges Verhalten. Er wollte frei und unabhängig sein und keine Verantwortung übernehmen. Er hatte immer das Bedürfnis nur seinen eigenen Willen durchzusetzen. Niemals kam er auf die Idee, dass er die anderen Vögel damit kränken könnte. So nach und nach verlor er dadurch alle seine Freunde. Er blieb einsam und allein zurück.

Wilma hört ihm fasziniert zu. Sie ist berührt über Fridolins weiche und vernünftige Worte. Behutsam erwidert sie: „Ja du hast Recht. Genau so denke ich auch. Jeder Vogel auf der ganzen Welt sehnt sich nach Liebe, Geborgenheit, Schutz und Nestwärme. Wir haben Beide sehr viele Fehler gemacht, aber es ist noch nicht zu spät. Wir sollten beginnen etwas daran zu ändern. Tradition hin oder her. Egal was die anderen Kuckucksvögel sagen oder denken. Ich möchte von nun an für meinen Sohn da sein.“

Fridolin strahlt übers ganze Gesicht und antwortet: „Ja, wir bleiben ab jetzt für immer zusammen. Unseren kleinen Jungen lassen wir am besten noch ein bisschen schlafen und Morgen früh, wenn er aufgewacht ist, werden wir ihm die wunderschöne Botschaft überbringen.“

Daraufhin legt Wilma zärtlich ihren Kopf auf Fridolins Schulter, während er sie sanft umarmt. Irgendwann fallen den zwei verliebten Eltern die Augen zu und sie schlafen glücklich ein.

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Eine Fabelgeschichte von Liane Scholl

Tierwelt – Eine Geschichte aus der Welt des Kuckucksvogels

Fortsetzung folgt…

hier geht es zum vorangegangenen Teil: Fridolin der Kuckucksvater – Tierwelt Teil 6

Eine Auflistung aller Teile findest Du hier.

 

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Über Liane R. Anderson

Bin ich mit 44 Jahren noch einmal Tochter geworden? Ich wurde im Oktober 1967 geboren, bin verheiratet und habe zwei tolle Kinder. Mein gesetzlicher Vater war Alkoholiker und sehr gewalttätig. Schon früh übernahm ich die Verantwortung für meine Mutter und meinen Bruder und organisierte mit nur 13 Jahren, unsere Flucht aus dieser Hölle. Mit viel Ehrgeiz und Kampfgeist erschaffte ich mir ein schöneres Leben. Bis ein einziger Satz mir den Boden unter den Füßen wegriss und meine komplette Identität in Frage stellte.
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