Fridolin der Kuckucksvater – Tierwelt Teil 6


Der Kuckuck ist das Synonym für Kuckuckskinder, die ebenfalls einem anderen untergeschoben werden.

Der Kuckuck im Garten auf einem Holzbrett sitzend – Foto & Bildbearbeitung Liane R. Anderson

Hier bin ich wieder, Fridolin der leibliche Papa von Felix, und melde mich noch einmal zu Wort. Ich bin völlig entkräftet und total außer Puste. Mein kleines Kind wurde von einer wild gewordenen Vogelkinderschar ziemlich gemein verprügelt. Daraufhin ist der arme Junge wie von der Tarantel gestochen davon gerannt und blindlings in den tiefen dunklen Wald geflohen. Ich war vollkommen außer mir vor Sorge und bin ihm sofort ohne zu zögern hinterhergehetzt. Seit Stunden verfolge ich nun schon heimlich meinen Sohn. Wie ein Irrer rennt und fliegt Felix Kreuz und Quer durch das Dickicht und entfernt sich immer mehr von seinem Zuhause. Wo will er denn bloß hin?

Mein kleiner Junge legt ein unglaubliches Tempo vor. Es ist mir in meinem Alter fast nicht mehr möglich ihm auf den Versen zu bleiben. Alle paar Minuten muss ich mich kurz auf einen Ast setzen und ausruhen. Vor Erschöpfung jabse ich heftig wie ein Fisch nach Luft. Zudem habe ich schon entsetzliches Seitenstechen.

Ich mache mir große Sorgen um Felix und möchte mein Kind auf keinen Fall in dieser fremden Umgebung alleine lassen.

Mit Erleichterung stelle ich fest, dass er endlich stehen bleibt und am Wegesrand nach Nahrung sucht. Um ganz ehrlich zu sein, könnte ich jetzt auch einen Bissen vertragen. Leider wäre es mir aber nicht möglich, während ich etwas fresse, auf Felix aufzupassen. Deshalb versuche ich meinen höllischen Hunger zu verdrängen und konzentriere mich ununterbrochen auf mein Kind.

Immerhin kann ich, während Felix einige Raupen vertilgt, ein paar Minuten verschnaufen und mich von den Strapazen erholen.

Die Nacht bricht herein und ich erkenne nur noch schemenhaft die Umrisse von meinen kleinen Sohn. Ich bin unglaublich erleichtert, als Felix sich unter einem Busch verkriecht, um dort die Nacht zu verbringen.

Ich setze mich nebenan auf einen Ast und starre auf Felix, von dem nur noch ein kleiner dunkler Fleck im Gebüsch zu erkennen ist. Normalerweise, wäre das jetzt der beste Zeitpunkt ihn anzusprechen. Ja genau, es wäre ideal um zu sagen: „Hallo Felix. Ich bin dein richtiger Papa.“ Am besten fliege ich sofort ganz nah zu meinem Sohn hin und stelle mich vor.

Stopp! Halt!

Was soll ich denn mit Felix reden? Wie erkläre ich meinem Kind am besten, dass ich sein Vater bin und es mir Leid tut, weil ich mich nicht schon früher um ihn gekümmert habe. Ich kann ihm doch unmöglich erzählen, dass ich keine Lust hatte mich um Nachwuchs zu kümmern. Mein Sohn würde es sicherlich nicht verstehen, wenn ich ihm von meinem verantwortungslosen Lebensstil berichte. Für Felix wäre es ein Schock, wenn ich auch noch beichten würde, dass ich keinem Weibchen treu war und auf niemanden Rücksicht nahm.

Ich schäme mich in Grund und Boden für meine Vergangenheit. Im Prinzip war ich ein Hallodri, der immer nur leichtsinnig und oberflächlich gelebt hat.

Wie kann ich meinen kleinen Jungen überzeugen, dass es mir jetzt ernst ist? Das ich etwas verändern möchte. Das ich mich nach ihm sehne und bei ihm bleiben möchte. Das mir plötzlich bewusst geworden ist, wie einsam, traurig und lieblos doch mein vergangenes Leben war. Natürlich fühlte ich mich frei, aber ich durfte auch nie so richtig erfahren was es bedeutet geliebt zu werden. Erst seitdem ich aufmerksam verschiedene Familien beobachtet habe, ist mir klar geworden, wie wichtig und schön ein Zuhause ist. Egal wie weit sich die einzelnen Familienmitglieder auch von ihrer Brutstätte entfernen, sie können jederzeit heimkehren. Sie verfügen über ein Ziel. Eine Bleibe, wo sie erwünscht und aufs sehnlichste erwartet werden. Eine Familie zu haben bedeutet ein Zufluchtsort, um bedingungslos geliebt, getröstet oder gestreichelt zu werden.

Leider hatte ich so ein Elternhaus nie. Da waren keine Eltern, zu denen ich hinfliegen konnte wenn ich das Bedürfnis verspürte ein Kind zu sein und Trost brauchte.

Ein gemütliches Nest indem sich eine liebe Frau und eigene Kinder befinden, bedeutet Geborgenheit, Schutz und Wärme. Genauso etwas wünsche ich mir für meinen Sohn. Vielleicht kann ich damit all das wieder gut machen, was ich in meinem Leben versäumt habe.

Noch während ich in meine Gedanken versunken bin und dabei ununterbrochen meinen Blick auf Felix richte, setzt sich jemand neben mich.

Ich zucke vor Schreck zusammen und wäre beinahe vom Ast gefallen, als ich bemerke wer sich da eben ganz sachte an meiner Seite niedergelassen hat. Geschockt und sprachlos schaue ich sie mit aufgerissenen Augen an. „Wilma! Du?“. Mehr bekomme ich nicht mehr über meine Lippen.

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Eine Fabelgeschichte von Liane Scholl

Tierwelt – Eine Geschichte aus der Welt des Kuckucksvogels

Fortsetzung folgt…

hier geht es zum vorangegangenen Teil: Felix das Kuckuckskind – Tierwelt Teil 5

Eine Auflistung aller Teile findest Du hier.

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Über Liane R. Anderson

Bin ich mit 44 Jahren noch einmal Tochter geworden? Ich wurde im Oktober 1967 geboren, bin verheiratet und habe zwei tolle Kinder. Mein gesetzlicher Vater war Alkoholiker und sehr gewalttätig. Schon früh übernahm ich die Verantwortung für meine Mutter und meinen Bruder und organisierte mit nur 13 Jahren, unsere Flucht aus dieser Hölle. Mit viel Ehrgeiz und Kampfgeist erschaffte ich mir ein schöneres Leben. Bis ein einziger Satz mir den Boden unter den Füßen wegriss und meine komplette Identität in Frage stellte.
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