Felix das Kuckuckskind – Tierwelt Teil 5


digital modifizierte Farbaufnahme von einem Kuckuck im Baum mit einer Raupe im Schnabel

Ein Kuckuck mit Raupe – Foto & Bildbearbeitung: Liane R. Anderson

Hallo hier ist noch einmal euer kleiner Felix. Ich bin wahnsinnig unglücklich und weiß gar nicht mehr was ich machen soll. Bei den anderen Vogelkindern bin ich voll der Außenseiter. Die behandeln mich echt total mies. Nur weil ich größer bin und anders aussehe.

Wenn ich mit meinen Pflegeeltern versuche darüber zu reden, dann wimmeln sie mich immer ab. Nie haben sie Zeit für mich. Als ich sie eines Tages einmal nach meinen richtigen Eltern ausfragen wollte, wurden sie irgendwie ganz komisch. Sie haben total aggressiv reagiert. Ich sei ein undankbarer Bastard, schrie mich mein Pflegepapa an. Es hätte mich brennend interessiert, was diese Bezeichnung eigentlich bedeutet? Ich war allerdings so dermaßen geschockt über die schlimme Reaktion von meinen Pflegeeltern, dass ich mich nicht mehr getraute diese Frage zu stellen.

Den ganzen Tag scheuchen sie mich herum und schimpfen mich aus. Ständig muss ich für sie arbeiten. Entweder soll ich stundenlang Zweige, Moos und Blätter für ein neues Nest anschleppen, oder ich werde dazu verdonnert auf meine kleinen Halbgeschwister aufzupassen.

Denn mittlerweile habe ich einige Halbgeschwister dazu bekommen. Seitdem bin ich abgeschoben. Ja, aufs Abstellgleis verbannt. Den ganzen Tag werde ich von Mama und Papa nur noch angemotzt. Anscheinend mache ich alles falsch. Dabei gebe ich mir die allergrößte Mühe meinen Eltern zu gefallen. Ich bin immer total lieb zu ihnen und mache alles was sie wollen. Am Abend wenn meine Pflegeeltern dann mit den kleinen Halbgeschwistern kuscheln bin ich so dermaßen traurig, dass ich jedes Mal bitterlich weinen muss.

Am Anfang habe ich es noch versucht mich auch ganz nah an meine Pflegeeltern zu lehnen, aber sie schickten mich jedes Mal weg. Ich sei viel zu riesig und soll sie nicht immer stören.

Ich fühle mich immer einsamer. In Gedanken stelle ich mir meinen richtigen Papa vor. Ein ganz großer kräftiger Vogel. Der mich lieb hat und mir Geschichten erzählt. Immer öfters fliege ich in meinen Träumen mit ihm in der Gegend umher und er erklärt mir alles, was ich für das Leben wissen muss. Manchmal versuche ich mir auch auszumalen, wie meine richtige Mama aussehen könnte. Bestimmt würde sie mir vor dem Einschlafen Lieder vorsingen.

Ich halte es nicht mehr aus. Heute Morgen wurde ich so brutal von den anderen Vogelkindern attackiert, dass ich Unmengen von Federn verloren habe. Mein ganzer Körper ist mit Schürfwunden übersäht und ich bin überall blutig verkratzt.

Voller Angst und in totaler Verzweiflung bin ich geflüchtet. Stundenlang irre ich nun schon ziellos durch den Wald. Jetzt habe ich überhaupt keine Ahnung mehr wo ich bin.

Ich sterbe fast vor Hunger. Mein Magen knurrt laut und hängt mir schon bis in die Kniekehlen. Wenn ich nicht auf der Stelle etwas zu fressen finde, dann falle ich um. Zuerst vertilge ich ein paar kleine Spinnen die ich am Wegesrand entdecke. Leider wird man ja von so winzigen Dingern nicht satt und deshalb suche ich ausgehungert und verzweifelt nach einer weiteren Mahlzeit. Zum Glück erspähe ich ein paar leckere Raupen, die sich an einem Brombeerstrauch unter den Blättern versteckt halten.

Es wird immer dunkler. Ich kann kaum noch etwas erkennen und fürchte mich entsetzlich vor den vielen ungewöhnlichen Geräuschen. Bei jedem Geraschel oder Ton läuft mir ein grauenhafter Schauer über meinen Rücken. Mein Herz klopft mir vor Angst bis zum Hals und das Blut rauscht in meinen Ohren. Ich friere entsetzlich und sehne mich unendlich stark nach meinem Zuhause. Wie konnte ich nur so dämlich sein, davon zu laufen?

Mittlerweile bin ich so dermaßen müde und erschöpft, dass ich mich nicht mehr auf den Beinen halten kann. Ich muss unbedingt einen Unterschlupf finden. Mit letzter Kraft schleppe ich mich unter einen Busch um mich zu verstecken. Mein ganzer Körper zittert vor Panik und ich weine bitterlich. Irgendwann spät in der Nacht schlafe ich vor Erschöpfung ein.

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Eine Fabelgeschichte von Liane Scholl

Tierwelt – Eine Geschichte aus der Welt des Kuckucksvogels

Fortsetzung Fridolin der Kuckucksvater – Tierwelt Teil 6
hier geht es zum vorangegangenen Teil: Fridolin der Kuckucksvater – Tierwelt Teil 4

Eine Auflistung aller Teile findest Du hier.

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Über Liane R. Anderson

Bin ich mit 44 Jahren noch einmal Tochter geworden? Ich wurde im Oktober 1967 geboren, bin verheiratet und habe zwei tolle Kinder. Mein gesetzlicher Vater war Alkoholiker und sehr gewalttätig. Schon früh übernahm ich die Verantwortung für meine Mutter und meinen Bruder und organisierte mit nur 13 Jahren, unsere Flucht aus dieser Hölle. Mit viel Ehrgeiz und Kampfgeist erschaffte ich mir ein schöneres Leben. Bis ein einziger Satz mir den Boden unter den Füßen wegriss und meine komplette Identität in Frage stellte.
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