Fridolin der Kuckucksvater – Tierwelt Teil 4


Kuckuck - Foto mit digitaler Bildbearbeitung von Liane Scholl

Kuckuck Friedolin macht sich Gedanken über sein Kuckuckskind … – Foto von Liane R. Anderson

Hallo ich bin es noch einmal, der Fridolin. Schon seit Tagen quält mich ein fürchterlich schlechtes Gewissen. Ständig muss ich an meinen Nachwuchs denken. Wenn ich ganz ehrlich bin, würde ich ihn so gerne einmal kennen lernen.
Ich habe meinen kleinen Jungen schon stundenlang heimlich belauscht. Seine neuen Pflegeeltern nennen ihn Felix. Er ist ein richtig aufgewecktes Kerlchen. Manchmal stelle ich mir vor, wie ich mit meinem Sohn durch die Gegend fliege und abenteuerliche Ausflüge mache.
Ich weiß eigentlich gar nicht was mit mir los ist. Mittlerweile bin ich fürchterlich deprimiert. Alle anderen Vögel haben Familie und verbringen ihre Freizeit gemeinsam. Nur ich sitze jeden Abend alleine auf einem Ast und lausche dem zärtlichen Liebesgeflüster der Anderen.

Ich fühle mich total einsam und werde immer trauriger.

Heute besitze ich endlich einmal den Mut über meine heimlichen Wünsche und der Sehnsucht nach Familie, mit meinem Kumpel Erich zu reden. Er ist auch ein Kuckucksmännchen und genießt sein Leben in vollen Zügen. Leider hat er für mich überhaupt kein Verständnis. Erich bekommt nach meinem Geständnis, so einen dermaßen starken Lachanfall, dass er sogar vom Ast fällt, auf dem wir gerade gemeinsam sitzen. Immer noch lachend, wühlt er sich aus dem am Boden liegenden Laub und setzt sich wieder neben mich.

Großspurig und überheblich antwortet Erich: „Hey, sag mal spinnst du? Mensch Alter, was hast du denn gerade für eine deprimierte Phase? Ich wusste überhaupt nicht, dass du so ein Weichei bist.“

Verlegen ziehe ich mein Genick ein und schäme mich in Grund und Boden. Jetzt ist es mir wahnsinnig peinlich, dass ich mich meinem Kumpel anvertraut habe. Unsicher versuche ich mich zu rechtfertigen: „Ich möchte so gerne meinen Sohn kennen lernen. Mich würde es interessieren, ob er etwas von mir geerbt hat. Außerdem könnte ich ihm Geschichten erzählen und etwas von der großen weiten Welt zeigen.“

„Ach du meine Güte, Fridolin was redest du denn da für einen Müll? Es war schon immer so, dass wir unsere Brut nicht selbst aufgezogen haben und so wird es auch bleiben. Basta!“ Dann verabschiedet er sich und fliegt kopfschüttelnd davon.

Ich habe überhaupt keinen Bock mehr mir ein neues Kuckucksweibchen zu suchen und werde vor Sehnsucht nach Felix, immer trauriger. Jeden Tag sitze ich in meinem Versteck und beobachte ihn, während ich darüber nachgrübele, wie ich meinen kleinen Sohn ansprechen soll. Er sieht mir ziemlich ähnlich bemerke ich stolz. Mir ist es mittlerweile egal was Erich sagt und denkt.

Ich habe viel Mist gebaut in meinem Leben. Gewissenlos und egoistisch tat ich immer nur das was ich wollte. Das ich damit sehr oft die Anderen verletzt habe, war mir total egal. Nie übernahm ich für irgendjemand Verantwortung. Eine zeitlang fand ich dieses Leben echt wahnsinnig toll. Ich habe mich frei und unabhängig gefühlt. Es war ein richtig cooles Gefühl, wenn die Kuckuckweibchen mich anhimmelten. Jedoch beschlich mich in letzter Zeit immer häufiger eine unangenehme Einsamkeit. Komischerweise fühle ich mich unendlich stark zu meinem kleinen Jungen hingezogen.

Felix sieht so traurig aus. Gestern habe ich gesehen, wie er von einer ganzen Vogelkinderschar gejagt und angegriffen wurde. Danach hatte mein Sohn bitterlich geweint. Vor Sorge zerreist es mir fast mein Herz. Ich würde ihn so gerne beschützen. Wenn ich doch nur den Mut hätte ihn anzusprechen. Aber mich quält ein schlechtes Gewissen, weil ich mich bisher nie um ihn gekümmert habe. Vielleicht will er ja gar nichts mit mir zu tun haben? Mein Sohn hält mich bestimmt für einen egoistischen Rabenvater. Bin ich ja auch, wenn ich ganz ehrlich bin. Wie konnte ich nur mein eigenes Kind so sehr vernachlässigen?

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Eine Fabelgeschichte von Liane Scholl

Tierwelt – Eine Geschichte aus der Welt des Kuckucksvogels

Fortsetzung Felix das Kuckuckskind – Tierwelt Teil 5

Zum vorangegangenen Teil: Das Kuckuckskind – Tierwelt Teil 3

Eine Auflistung aller Teile findest Du hier.

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Über Liane R. Anderson

Bin ich mit 44 Jahren noch einmal Tochter geworden? Ich wurde im Oktober 1967 geboren, bin verheiratet und habe zwei tolle Kinder. Mein gesetzlicher Vater war Alkoholiker und sehr gewalttätig. Schon früh übernahm ich die Verantwortung für meine Mutter und meinen Bruder und organisierte mit nur 13 Jahren, unsere Flucht aus dieser Hölle. Mit viel Ehrgeiz und Kampfgeist erschaffte ich mir ein schöneres Leben. Bis ein einziger Satz mir den Boden unter den Füßen wegriss und meine komplette Identität in Frage stellte.
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