Das Kuckuckskind – Tierwelt Teil 3


Vogelnest mit Kuckuck, kurz bevor sie ihr Ei ins fremde Nest legt. Digitale Bildbearbeitung von Liane Scholl

Foto: Liane R. Anderson

Hallo ich bin Felix und wohne noch in einem ganz dunklen und warmen Ei. Meine Pflegemama hat mich so etwa 12 Tage lang ausgebrütet. Die ganze Zeit war es sehr gemütlich hier drinnen, aber so langsam wird es mir in meiner Wohnung zu eng. Außerdem bekomme ich fast keine Luft mehr.

Mit aller Kraft drücke ich von innen gegen die harten Wände, um das Ei aufzubrechen. Meine Güte ist das anstrengend. Mir tun schon richtig arg die Arme weh. „Ich will hier raus“, schreie ich wütend, und trommele wie ein Irrer mit meinen Fäusten gegen die harte Eierschalenwand. Aber anscheinend hört mich keiner. Ich bin schon schweißgebadet und den Tränen nahe vor Erschöpfung, als es plötzlich knackst und die Eierschale nachgibt und aufbricht. Mit letzter Kraft drücke ich meinen Kopf hindurch und atme zum aller ersten Mal die herrliche frische Waldluft ein. Erlöst und überglücklich krieche ich aus meinem alten Zuhause und befreie ich mich von der restlichen Eierschale.

Erschöpft und zufrieden schlafe ich ein. Als ich wieder wach werde bleibe ich erst einmal eine Weile ganz ruhig liegen und genieße mein neues Leben. Entspannt spüre ich den angenehmen warmen Wind, der zart über meinen Körper streicht. Ich finde es leider sehr bedauerlich, dass ich die ersten drei Tage nach der Geburt noch blind bin und deshalb noch nichts sehen kann. Bin mal gespannt wie es in der Welt aussieht. Dabei höre ich dem wunderschönen Vogelgezwitscher zu. Ungefähr acht Stunden nachdem ich geschlüpft bin, fühle ich mich gestärkter. So langsam werde ich lebhaft und bewege mich in meinem Nest hin und her.

Neugierig inspiziere ich mein neues Zuhause. Sorgfältig taste ich jeden Zentimeter von meinem Nest vorsichtig ab. Was ist den das? Da liegen ja noch andere Vogeleier herum. Ach da wohnen bestimmt meine Halbgeschwister drin. Oh nein, das geht ja gar nicht. Für so viele ist hier kein Platz mehr. Ohne groß darüber nachzudenken schiebe ich die Eier mit letzter Kraft langsam über den Nestrand. Diese Aktion ist wirklich sehr anstrengend und deshalb treten meine Venen am Hals und an den Flügeln ganz deutlich hervor. Mein Kopf zuckt dabei ruckartig vor und zurück. Ich muss dazwischen immer wieder kurze Pausen einlegen. Komischer Weise besitze ich den Drang, alles um mich herum nach oben zu stemmen. Auf diese Weise räume ich das Nest vollständig leer.

Zufrieden genieße ich nun als Einzelkind die volle Aufmerksamkeit meiner Adoptiv-Eltern.

Nach etwa vier Tagen kann ich schon Laute von mir geben, die ab den siebten Tag immer stärker werden. Mein Bettelruf ist so dermaßen unwiderstehlich und herzerweichend, dass dieser sogar umliegende Vögel anlockt, die mich dann auch noch füttern. Ich bin sehr gefräßig und bringe meine Wirtseltern an den Rand ihrer Kräfte. Ständig sperre ich meinen Schnabel auf.

Heute bin ich schon 11 Tage alt und werde zunehmend aktiver. Als ich mich das erste Mal bei der Fütterung zu meiner Teichrohrsänger Mama hindrehe, bin ich schon 16 Tage auf der Welt.

Mein Hunger ist so dermaßen groß, dass meine Zieheltern ununterbrochen damit beschäftigt sind, mich mit Nahrung zu versorgen. Zum Glück übt mein überdimensionaler großer roter Rachen eine starke Reizwirkung aus und regt sie zu einer wahren Fütterleidenschaft an.

Mittlerweile sind meine Pflegeeltern schon total mit mir überfordert. Sie sind der Meinung ich wäre ein kleiner Nimmersatt.

Jetzt bin ich schon 20 Tage alt und werde langsam flügge. Unsicher und aufgeregt wedele ich mit meinen Flügeln und fliege dann meinen Pflegeeltern stolz entgegen. Ich bin aber echt froh, dass ich trotzdem noch mehrere Wochen auch außerhalb von meinem Nest gefüttert werde.

Neugierig erforsche ich vorsichtig meine Wohngegend. Jeden Tag gibt es etwas Neues und Spannendes zu entdecken.

Sechs Wochen bin ich nun schon auf der Welt. Immer noch bemühen sich meine Erziehungsberechtigten mich satt zu bekommen. Inzwischen übertreffe ich sie aber an Größe und Gefräßigkeit. Trotzdem füttert mich meine Teichrohrsänger Mama aufopferungsvoll und tapfer weiter.

Eines Tages wird mir bewusst, dass ich irgendetwas vermisse. Ich wurde zwar liebevoll und mit viel Hingabe aufgezogen, aber ich würde trotzdem gerne meine leiblichen Eltern kennen lernen. Ich möchte wissen wie sie aussehen und was sie so für Hobbys haben.

Von Tag zu Tag werde ich immer trauriger. Die anderen Vogelkinder wollen nicht mit mir spielen, weil ich so groß bin. Ziemlich oft werde ich von ihnen gehänselt und ausgelacht.

Auch heute sitze ich wieder alleine auf einem Holzpfosten und träume von einem großen starken Papa, der mich beschützt. Dabei kullern mir vor Sehnsucht ganz langsam einige Tränen über mein Gesicht.

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Eine Fabelgeschichte von Liane Scholl

Tierwelt – Eine Geschichte aus der Welt des Kuckucksvogels

Fortsetzung Fridolin der Kuckucksvater – Tierwelt Teil 4

hier geht es zum vorangegangenen Teil: Das Kuckucksweibchen – Tierwelt Teil 2

Eine Auflistung aller Teile findest Du hier.

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Über Liane R. Anderson

Bin ich mit 44 Jahren noch einmal Tochter geworden? Ich wurde im Oktober 1967 geboren, bin verheiratet und habe zwei tolle Kinder. Mein gesetzlicher Vater war Alkoholiker und sehr gewalttätig. Schon früh übernahm ich die Verantwortung für meine Mutter und meinen Bruder und organisierte mit nur 13 Jahren, unsere Flucht aus dieser Hölle. Mit viel Ehrgeiz und Kampfgeist erschaffte ich mir ein schöneres Leben. Bis ein einziger Satz mir den Boden unter den Füßen wegriss und meine komplette Identität in Frage stellte.
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