Das Kuckucksweibchen – Tierwelt Teil 2


Vogelnest mit Kuckucksei mit digitaler Bildbearbeitung

Foto: Liane R. Anderson

Ich bin Wilma und ein Kuckucksweibchen. Vor sechs Tagen vereinigte ich mich mit Fridolin. Ich muss schon sagen, er ist ein absoluter Traumtyp. Nun sitze ich schon seit vielen Stunden da, auf einem Ast und halte nach geeigneten Vogelnestern Ausschau. Währenddessen  beginne ich in meinem Leib mit der Eibildung.

Jetzt verrate ich euch einmal unter dem Siegel der Verschwiegenheit, ein Geheimnis. Wir Kuckucksvögel haben nämlich einen wahnsinnig coolen Trick entdeckt. Eine ganz einfache Strategie. Meine Kinder lasse ich von Pflegeeltern großziehen. Ich habe einfach keine Lust, selbst zu brüten. Mir ist so etwas echt viel zu anstrengend. Außerdem wäre ich ja eine allein erziehende Vogelmama, weil sich Fridolin sofort aus dem Staub gemacht hat. Wieso soll ich meine Energie vergeuden und viel Pflege in meinen Nachwuchs investieren? Es gibt doch wirklich genug andere Vogeleltern. In der Zwischenzeit suche ich mir lieber erneut ein Kuckucksmännchen.

Mir ist einmal zu Ohren gekommen, dass man mein Verhalten Brutparasitismus nennt. Meine Güte die Anderen sollen sich doch um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern. Was geht die das denn an. Es ist doch meine Sache, wie ich lebe. So ein Verhalten ist eben nun mal unsere Lebensweise. Wir Kuckucksvögel machen das alle so. Auch meine Mutter, Großmutter und sogar die Urgroßmutter haben ihre Eier in fremde Nester gelegt. Wo ist also das Problem? Na gut ich muss zugeben, dass es in unserer Art auch ein paar Ausnahmen gibt. Ich habe einmal gehört, dass einige afrikanische sowie auch amerikanische Kuckucksarten eigene Nester bauen und sogar selbst brüten und füttern.

Ihr werdet es nicht glauben, was mir vergangene Woche passiert ist, als ich so gemütlich durch den Wald geflogen bin. Da haben doch tatsächlich einige unverschämte Vögel mir böse Sachen nachgerufen. Sie meinten ich wäre ein Brutschmarotzer. Also ich muss doch sehr bitten. Mir solche schrecklichen Wörter an den Kopf zu werfen, finde ich sehr unhöflich. Mir ist vor Wut fast der Kragen geplatzt.

Heute ist es an der Zeit, dass ich mich schnellstmöglich nach geeigneten Nistplätzen umschaue, um heimlich meinen Nachwuchs zu deponieren. Meine Kuckuckseier müssen nämlich in den Nestern liegen, bevor die fremde Vogelmama mit dem Brüten ihrer eigenen Babys beginnt. Aber ich muss vorsichtig sein, weil ich schon bemerkt habe, dass leider nicht alle Singvögel auf meinen klitzekleinen Betrug hereinfallen. Die schlaue Amsel zum Beispiel, erkennt nämlich mein Kuckucksei und wirft es rücksichtslos aus ihrer Brutstätte. Stellt euch vor, dass ist mir doch tatsächlich vor kurzem erst passiert. Ich war furchtbar wütend auf die Amsel und konnte es überhaupt nicht fassen, dass sie so herzlos mit meinem Baby umgegangen ist. Ich war stinkig ohne Ende und hätte diese blöde Kuh am liebsten angegriffen, aber dann wäre ich ja entdeckt worden und das konnte ich beim besten Willen nicht riskieren. Sonst bräuchte ich mich hier in dieser Gegend nirgends mehr blicken lassen.

Deshalb beobachte ich heute stundenlang ruhig und gewissenhaft mehrere Nester. Denn bis zu drei Eier können in mir gleichzeitig reifen. Darum überwache ich ständig drei Nester auf einmal. Um ganz ehrlich zu sein, finde ich die Strategie, meine Eier fremden Vögeln unterzujubeln, schon sehr anstrengend. Vielleicht sollte ich danach erst einmal Urlaub machen.

Wenn ich ein geeignetes Nest gefunden habe, dann überprüfe ich es ganz genau und so lange, bis ich einen günstigen Augenblick erwische, wo die Brutstätte leer ist. Der beste Zeitpunkt ist am Nachmittag, da sich zu dieser Tageszeit die Wirtsvögel entfernen, wenn sie am Vormittag Eier gelegt haben. Erst in dem Moment, wenn nämlich die neuen Pflegeeltern ausgeflogen und unaufmerksam sind, düse ich ganz schnell zu dem Nistplatz hin und setze mich drauf. Heimlich lege ich dann innerhalb von zwei Sekunden mein Ei hinein und fresse dabei gleich ein fremdes Ei auf. Damit mein Baby genug Platz hat. Natürlich versuche ich mein Kuckucksei in Farbe und Sprenkelung an die schon vorhandenen Eier anzupassen. Meine Kuckuckseier sind allerdings meistens ein kleines bisschen größer, als die der Pflegeeltern. Allerdings lege ich pro Nest immer nur ein Ei hinein.

Heute überlasse ich meine Brut dem Teichrohrsänger. Der ist so naiv, der merkt meine Täuschung sowieso nicht. Sicherheitshalber bleibe ich noch ein bisschen in der Nähe auf einem Ast sitzen und warte heimlich bis die Wirtseltern zurückkommen. Wie gewöhnlich dauert es auch diesmal gar nicht lange, bis die neuen Pflegeeltern in ihr Nest zurückkehren. Ohne zu zögern setzt sich die fremde ahnungslose Vogelmama sofort auf mein Kuckucksei und beginnt es zu brüten.

Puh, Glück gehabt! Gott sei Dank hat die Teichrohrsängermama die Täuschung nicht bemerkt.

Wie gesagt, die Anderen finden mich nicht besonders sozial und fürsorglich. Egal, mich kümmern solche moralischen Überlegungen nicht. Denn meine Methode zur Arterhaltung ist auf jeden Fall meistens erfolgreich.

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Eine Fabelgeschichte von Liane Scholl

Tierwelt – Eine Geschichte aus der Welt des Kuckucksvogels

Fortsetzung Das Kuckuckskind – Tierwelt Teil 3

Hier geht es zum vorangegangenen Teil: Der Kuckuck – erklärt von den Vögeln Fridolin, Wilma und Felix – Tierwelt Teil 1

Eine Auflistung aller Teile findest Du hier.

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Über Liane R. Anderson

Bin ich mit 44 Jahren noch einmal Tochter geworden? Ich wurde im Oktober 1967 geboren, bin verheiratet und habe zwei tolle Kinder. Mein gesetzlicher Vater war Alkoholiker und sehr gewalttätig. Schon früh übernahm ich die Verantwortung für meine Mutter und meinen Bruder und organisierte mit nur 13 Jahren, unsere Flucht aus dieser Hölle. Mit viel Ehrgeiz und Kampfgeist erschaffte ich mir ein schöneres Leben. Bis ein einziger Satz mir den Boden unter den Füßen wegriss und meine komplette Identität in Frage stellte.
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2 Antworten zu Das Kuckucksweibchen – Tierwelt Teil 2

  1. Petra Scholz schreibt:

    Sehr traurig einerseits und anderseits auch irgendwie typisch, wie viele Parrallelen es bei Kuckuckskindern zu geben scheint.
    Auf der einen Seite steht die Verheimlichung und dann die Gewalterfahrung durch den Scheinvater, der auch noch Grund seines Frustes verheimlicht, um ja keinen Machtverlust zu erleiden, etc.
    Schlimm ist, wenn letztlich beide Elternteile mitspielen, die Mutter zum praktischen Mittäter wird und beide das Kind hassen.
    Ich bin fassungslos, dass man für das Verhalten und die Lügen als Kind und als Mensch lebenslang herhalten musste und noch heute als der Sündenbock dasteht.
    Für mich ist dies ein regelrechtes Verbrechen, den an den Kindern letztlich werden Seelen zerstört.
    Es ist gut und völlig richtig, dass wir heute nicht mehr schweigen.

    • Liane Scholl schreibt:

      Ja Petra,
      die Parallelen sind auch wie in diesem Fall, in der Tierwelt ganz deutlich zu erkennen.
      In meiner Tiergeschichte wird dieses verantwortungslose und gewissenlose Verhalten von den Eltern sichtbar dargestellt.
      Jedoch wir Menschen haben Gefühle und ein Gehirn, welches dazu benutzt werden sollte dieses unzumutbare Verbrechen zu verhindern.
      Deshalb darf dieses Thema nicht mehr totgeschwiegen werden. Es ist wichtig die Menschen damit zu konfrontieren. Die verantwortlichen Elternteile, sowie die gesamte Bevölkerung muss wachgerüttelt und sensibilisiert werden, damit ihnen bewusst wird, welch schlimme Folgen durch solche Lebenslügen entstehen können und was für ein Schaden den einzelnen Seelen dadurch zugefügt wurde.

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