Einer geht, ein anderer kommt – von anonym


Pyramiden in Kairo

Seit jeher gibt es immer wieder ein Kommen und ein Gehen. – © Foto: Andrea De Stefani

Kuckuckskind – Erinnerungen – Einer geht, ein anderer kommt. Ich finde diesmal ein Stück Scherbe in Herzform. Herzen verbinde ich heute mit Liebe, damals als Kind, ich war inzwischen in der zweiten Klasse, habe ich sie immer gerne gemalt ohne mir irgendwelche Gedanken darüber zu machen, sie waren rot und sie waren einfach zu malen, sie waren einfach nur schön. Ich hatte Stampfersblumen. Ich weiß nicht, ob jemand

die noch kennt. Es sind kleine Sammelbildchen mit Glitzereffekt, wunderschöne kleine Dinger. Man nahm ein Din A 5 Heft und faltete die Seiten in der Mitte, so konnte man immer schön all die kleinen Stampfersblumen aufbewahren und mit Freundinnen tauschen. Heute gibt es Sammelalben für jeden Geschmack.

Nun aber zum eigentlichen Thema. Meine nächste Erinnerung geht also zurück ins Jahr 1967, ich war in der zweiten Klasse. Meine Mutter hatte sich schon wieder mal scheiden lasse, zum dritten Mal. Diese Ehe dauerte nur ein Jahr. Ich kann mich an Onkel H…. , wie ich ihn immer nannte, noch gut erinnern. Er fuhr mich morgens immer mit dem Motorroller zur Schule und holte mich nachmittags nach dem Hort wieder ab. Ich mochte seine schwarzen Locken und sein Lächeln, er war nicht sehr groß und er war Fremdenlegionär, damals wusste ich natürlich noch nicht, was das war. Onkel H…. hatte immer einen Scherz auf Lager. Ich weiß nicht warum ich nie allein zur Schule gehen durfte und warum ich nicht allein den Hort verlassen hatte. Ich weiß nur, dass immer eine Menge Rummel um mich gemacht wurde wenn z.B. irgendein Termin für mich anlag. Kinder – oder Zahnarztbesuche schienen eine monatliche Pflicht zu sein und ich kannte bis ins Erwachsenenalter nur wenige Menschen, die so tolle Zähne hatten wie ich. Irgendwie stand ich immer unter Beobachtung, es war schon übertrieben und vor allem auffällig!

Einmal, es war im Herbst, war ich mit meiner Oma allein zu hause. Sie erlaubte mir auf dem Hof spielen zu gehen (natürlich nur so lange es hell war). Meine Freundin wohnte im gleichen Eingang nur eben auf dem Hinterhof. Irgendwann wurde uns langweilig und so beschlossen wir zu ihr nach Hause in die Wohnung zum Spielen zu gehen. Wie es nun mal so ist, wenn man ein Kind ist, vergaßen wir die Zeit und bemerkten nicht, wie es allmählich draußen dunkel wurde. I… Mutter lief plötzlich aufgeregt vom Fenster weg durch die Wohnung und sagte: „Vorm Haus steht die  Polizei, was suchen die denn schon wieder?“ wir Kinder haben darauf nicht viel gegeben und weitergespielt. Irgendwann war Frau D……. dann wohl doch zu neugierig und beschloss nach unten auf die Straße zu gehen um zu erfahren was der ganze Aufruhr sollte. So schnell wie sie unten war, stand sie auch schon wieder in der Wohnungstür und rief nur: “M…… die Polizei sucht dich überall, deine Mutti ist völlig aufgeregt. Hast du denn nicht Bescheid gesagt, wo du hingehst?“ Nein, hatte ich natürlich nicht. Ich war ja bis dato noch nie bei einer Freundin zu Besuch (und sollte es die nächsten Jahre auch nicht sein). Keiner hatte sich mal die Mühe gemacht, überall im Haus nachzufragen, ob jemand wisse, wo ich stecken könnte. Es wurde sofort von schlimmsten ausgegangen. Warum, das habe ich erst Jahre später selber herausgefunden.

Mein Geburtstag näherte sich und ich war schon gespannt, welches Geschenk ich wohl in diesem Jahr bekommen würde. Eine Freundin durfte ich nicht einladen, so bestand meine Geburtstagsschar aus meinen Brüdern, meiner Mutter und meiner Oma…..dachte ich. Endlich, mein Geburtstag. Wie jeden Morgen wurde ich von Omi geweckt, aber diesmal mit einem liebevollen „Alles alles Gute M….. ich hab dich so lieb“. Ich hatte sie auch lieb, die kleine reizende Omi, die immer ein offenes Ohr für mich hatte und die eigentlich meine Mutter hätte sein sollen. Sie drückte mir eine Puppe in die Hand und meinte: “So eine hast du dir doch gewünscht, die ist von Mutti“ und außerdem schenkte sie mir noch mein erstes Märchenbuch mit den Worten:  „Du hörst mir doch immer so gerne zu, wenn ich dir aus dem Märchenbuch vorlese, bald kannst du das ja schon allein…“. Es waren zwei Geschenke, nix außergewöhnliches, nix teures, aber  für mich unbeschreiblich schöne Geschenke. Meine Mutter war wie immer schon früh aufgestanden und zur Arbeit gefahren. Sie hatte immer selten Zeit für mich, denn sie war ständig am arbeiten, sie war eine sehr fleißige Frau, das muss ich ihr lassen. Sie hatte während ihrer beruflichen Laufbahn viele Prominente kennen gelernt. Sie war sehr beliebt, auch ich habe sie sehr geliebt, sie hat es wohl nie bemerkt. Also dachte ich mir nichts weiter, als eben nur meine Oma mir gratulierte und ging kurze Zeit später zur Schule. Nachmittags, als ich mit meinem großen Bruder von der Schule kam (ich durfte immer noch nicht allein gehen) war alles schön hergerichtet, wie zu einem Geburtstag eben. Aber irgendwas war diesmal anders. Ich lebte immer schon in einer Art Fantasiewelt, so war es auch für niemanden verwunderlich, dass ich alle meine Puppen und Teddys in Zweier – Reihen sitzen ließ und mit einem Stück Kreide an meiner Spieltafel malte. Für mich waren das meine Freunde, sie konnten immer in Erscheinung treten wann ich es wollte und wenn ich mal meine Ruhe haben wollte, packte ich sie einfach wieder zur Seite.

Einer geht, ein anderer kommt. Ich erzählte meinen kleinen Freunden gerade etwas, als es plötzlich an der Kinderzimmertür klopfte. Ich war auf einmal ganz still, ich war es nicht gewohnt, dass jemand an meine Tür klopfte. Es klopfte wieder. Da war wohl jemand sehr ungeduldig, denn kurz darauf ging die Tür auf und ein fremder Mann stand vor mir, nahm ich hoch und drückte mir ein Küsschen auf die Wange: „Herzlichen Glückwunsch, kleine Maus“ sagte er freudestrahlend und drückte mich ganz fest an sich. Schon stand auch meine Mutter in der Tür und verkündete mir, dass das ihr neuer Bekannter sei und dass er schon bald bei uns einziehen würde. Er zog kurz darauf bei uns ein.

Langsam fing ich an, mir um die Ehemänner im Leben meiner Mutter Gedanken zu machen. Da war erst mein Vater (das dachte ich damals jedenfalls), den ich nie kennengelernt habe, dann K…., auch an ihn kann ich mich bis heute nicht erinnern und dann Onkel H…. , den ich sehr gern hatte.

In den nächsten Wochen bemerkte ich, wie eine Nachbarin über meine Mutter redete und abfällige Bemerkungen machte, ich sagte es niemanden, denn irgendwie hatte sie Recht. Im Januar, ich weiß es noch so genau, weil einer meiner Brüder gerade Geburtstag hatte und es draußen schneite, habe ich an der Tür zum Wohnzimmer gelauscht, damals nannten wir es nur „unsere gute Stube“. Ich weiß nicht mehr ob ich damals geweint hatte oder ob ich einfach nur sehr traurig war, als ich mitbekam, dass meine Mutter bald ein weiteres Kind bekommen sollte. Ich hatte Angst Onkel W……. an ein Geschwisterchen zu verlieren oder befürchtet, dass er mich nicht mehr lieb haben könnte. Onkel H…. hatte sich nach der Scheidung ja nie wieder gemeldet und Onkel W……. war nun ein richtig guter Freund für mich geworden, ein Papa eben, den ich mir immer gewünscht und immer mehr in mein Herz geschlossen hatte. Die nächsten Monate verliefen so toll und ich genoss es wenn Onkel W……. mit Mutti und mir spazieren ging, denn sie war nun viel zuhause und seit er bei uns wohnte waren wir eine richtige glückliche Familie. Das sollte sich in den nächsten Jahren schon ändern…

Hier geht es zum vorangegangenen Teil: Ein Name kann für einen Menschen schon ziemlich belastend sein – von anonym

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Über Max Kuckucksvater

Seit Anfang 2011 weiß ich nun, dass mein Sohn aus erster Ehe nicht mein leiblicher Sohn ist. Da ich weder im Netz, noch irgendwoanders Hilfe fand, gründete ich dieses Blog. Dieses Blog verbindet Kuckuckskinder und Kuckucksväter untereinander, stellt Hilfsthemen bereit. Zusätzlich klärt es die Öffentlichkeit über den stattfindenden Identitätsraub und Betrug auf, damit wir in Zukunft dieses Leid verhindern können. Der obligatorische Vaterschaftstest ab Geburt (OVAG) ist das einzige Mittel, welches das Kind sicher vor der Fälschung seiner Identität bewahren kann. Seither entstanden sehr viele Kontakte und Freundschaften zu Scheinvätern, Kuckuckskindern und anderen Betroffenen sowie Unterstützern. Der Austausch mit ihnen half mir dabei, meine Trauer zu verarbeiten. Und: Ja, ich lebe tatsächlich in Kolumbien. Inzwischen sind meine Frau und ich stolze Eltern einer Tochter. https://www.facebook.com/max.kuckucksvater
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