Ich fühle mich innerlich zerrissen – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 21 – Liane R. Anderson


freistehende Festung auf einer Wiese

Ich habe das Gefühl, Christian hat eine meterdicke Schutzmauer um sich herum aufgebaut.

Kuckuckskind – Erlebnisbericht – 19. Februar – Liane R. AndersonIch fühle mich innerlich total zerrissen. Meine anfängliche Freude und Neugier ist einer riesengroßen Enttäuschung gewichen. Habe ich so einen Vater gewollt? Habe ich es mir so vorgestellt?

Kann Christian überhaupt lieben? Kann er sich denn eigentlich in andere Menschen hineinversetzen? Warum haben seine Kinder den Kontakt zu ihm abgebrochen? Weshalb meiden sie ihren Vater? Was hat er Nina angetan? Was ist in seiner Seele passiert, dass er solche narzisstischen Wesenszüge in sich trägt?

Was geht in seinem Kopf vor? Die Unruhe, die er während den Telefonaten verbreitet, deutet dies unter Umständen auf ein ADS-Syndrom hin? Es ist ihm fast nicht möglich, konzentriert bei einer Sache zu bleiben. Ständig lässt er sich ablenken. Am Anfang dachte ich, dass Christian aufgeregt war und deshalb so oberflächlich wirkte, aber sein Verhalten hat sich keineswegs geändert. Im Gegenteil, es weist erhebliche Stimmungsschwankungen auf, die von kindlich, zu wehleidig, bis hin zur enormen Aggression führen. Oder ist er lediglich ein ausgeprägter Egomane?

Hat er eventuell nur Angst und fühlt sich unsicher? Hängt sein gewöhnungsbedürftiges Verhalten vielleicht auch mit seiner aufgetretenen Diabetes zusammen? Werde ich es herausfinden?

Ich habe das Gefühl, er hat eine meterdicke Schutzmauer um sich herum aufgebaut. Wer versteckt sich hinter Christians Fassade? Werde ich es mit viel Geduld, Verständnis, Zuneigung und Liebe schaffen, in sein Herz einzudringen?

Garantiert freut er sich über mich und kann es nur nicht so zeigen. Ich werde ihm auf jeden Fall die Chance einräumen, sich daran zu gewöhnen, dass er in seinem hohen Alter, noch einmal Vater geworden ist!

Keineswegs lasse ich mich von den ersten paar Wochen entmutigen. Schließlich kam ich ja auch ziemlich plötzlich und unangemeldet in sein Leben.

Werde ich es schaffen, mit der Situation in Einklang zu kommen? Wie geht es jetzt weiter? Wie wird mein Verhältnis zu Mama in Zukunft aussehen? Sie war doch trotz der schwierigen familiären Situation, immer für mich da. Wie wird unser erstes Treffen sein? Wie wird es sich anfühlen, wenn Vater und Tochter sich nach 44 getrennten Jahren, das erste Mal gegenüber stehen?

Ist Christian überhaupt mein leiblicher Vater?

Meine lieben Leser!

Ich werde mein Tagebuch auf jeden Fall zu Hause fortsetzen. Mein Ziel ist es, diese Geschichte in einem Buch zu veröffentlichen, um eine breite Masse von Betroffenen die Möglichkeit zu geben, dieses zumeist totgeschwiegene Thema hautnah mitzuerleben. Viele haben mir in den letzten Wochen bestätigt, dass sie genauso wie ich gefühlt haben. Mein Erlebnis soll Mut machen. Es soll zeigen, dass alles im Leben einen Sinn hat, und alles etwas Positives in sich birgt. Es soll zeigen, dass es sich lohnt, weiter zu machen. Nicht immer bekommt man das, was man sich wünscht, aber irgendwann erkennt man, dass man etwas dazu gewonnen hat. Sei es an Erfahrung, oder neue Menschen die man dadurch kennen gelernt hat. Sowie die Antwort auf die Frage: „Warum habe ich mich immer anders gefühlt?“

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Kuckuckskind Liane R. Anderson

Bin ich ein Kuckuckskind? von Liane R. Anderson

Voriger Teil: Merkt er denn nicht, wie gern ich ihn habe? – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 20

Eine Auflistung aller Teile findest Du hier.

Hier zum Interview mit der Autorin: Nachwuchs! Interview mit unserer neuen Co-Autorin Liane R. Anderson

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Über Liane R. Anderson

Bin ich mit 44 Jahren noch einmal Tochter geworden? Ich wurde im Oktober 1967 geboren, bin verheiratet und habe zwei tolle Kinder. Mein gesetzlicher Vater war Alkoholiker und sehr gewalttätig. Schon früh übernahm ich die Verantwortung für meine Mutter und meinen Bruder und organisierte mit nur 13 Jahren, unsere Flucht aus dieser Hölle. Mit viel Ehrgeiz und Kampfgeist erschaffte ich mir ein schöneres Leben. Bis ein einziger Satz mir den Boden unter den Füßen wegriss und meine komplette Identität in Frage stellte.
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4 Antworten zu Ich fühle mich innerlich zerrissen – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 21 – Liane R. Anderson

  1. Marta Pandora schreibt:

    Der Satz von Philip Roth ist so passend!

  2. Norbert Potthoff schreibt:

    Liebe Liane,
    dein Bericht/Tagebuch ist sehr fesselnd geschrieben. Die Problematik, ein Kuckuckskind zu sein kommt sehr deutlich rüber. Ich zitiere mal einen Satz von Philip Roth, The great American Novel, 1973
    „Nichts kann einen Menschen so zermürben wie das Gefühl, dass in ihm eine Wahrheit lodert, die von anderen verleugnet wird“
    Dieser Spruch hängt über meinem Schreibtisch, seit ich an der Biografie meiner Frau arbeite. Es ist sehr, sehr schwer, in einer solchen vertrackten Situation seine Gefühle unter Kontrolle zu halten, aber diese Problematik sehe ich nicht nur bei dir, sondern auch bei deiner Mutter und bei deinem Vater. Du beschreibst sehr genau die Achterbahnfahrt, die ihr alle erlebt. Manchmal muss man ein Problem mehrmals umkreisen, um es von allen Seiten betrachtet zu haben.
    Ich wünsche dir Ruhe und Gelassenheit, deine Geschichte zu Ende zuschreiben.
    Viel Glück dabei
    Norbert

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