Ein Name kann für einen Menschen schon ziemlich belastend sein – von anonym


Namen von A-Z

Namen können manchmal ganz schön belastend sein. – Bild: © Max Kuckucksvater

Kuckuckskind – Erinnerungen – Ein Name kann für einen Menschen schon ziemlich belastend sein, wenn nicht sogar störend für seinen weiteren Lebensweg. Wir alle kennen genug Beispiele. Was aber wenn man seinen wirklichen Namen nicht kennt? Als Kind macht man sich erst mal keine Gedanken darüber, warum auch, wenn niemand

nach dem Familiennamen fragt. Fragt man ein kleines Kind nach seinem Namen, dann sagt es artig: „Sabine“ oder „Peter“ oder wie es gerade heißt. In mir steigt eine weitere Erinnerung hoch.

>>>Es ist die Vorschulzeit. Ich gehe jeden Morgen allein zum Kindergarten, bin irgendwie traurig, weil mich niemand begleitet, weil ich immer an diesem großen Hund allein vorbeirennen muss und weil ich jeden Tag Angst habe, den Kindergarten zu betreten. Ich bin sehr zierlich, hellblond mit dunkelgrünen Augen. Ich weiß nicht, ob an der Aussage etwas dran ist, die da meint: Menschen mit grünen Augen oder mit Augen, die einen großen Grünanteil haben, sind sehr gefühlvoll, zu sensibel. Aber in meinem Fall hatte es wohl immer gestimmt. Ich war ein Einzelgänger, der jeden morgen sein Frühstücksbrot auf dem Weg zum Kindergarten in einem großen Gebüsch verschwinden ließ, ein Kind das einfach nicht essen wollte. Ich hatte Essstörungen und zu Hause schien dies niemand wirklich bemerkt zu haben (vorerst). Ich erinnere mich an meinen letzten Kindergartentag:

Ich freue mich heute, habe keine Angst, bin irgendwie in froher Erwartung, was da auf mich zukommen würde. Heute feiern wir Abschied, wir sehen uns zum letzten Mal und es gibt Kakao, Kuchen, Geschenke und eine kleine Kinderparty. Ich fühle mich zum ersten Mal gut, ein Stein scheint mir vom Herzen zu fallen, bis….ja bis! Gespannt sitzen wir Kinder auf unseren kleinen Stühlen und warten, dass wir einzeln aufgerufen werden um dann verabschiedet und beschenkt zu werden. Eine Umarmung, ein kleines Schulutensil und, was ich besonders schön finde, die ganzen gemalten Bilder in einer hübschen Mappe zusammengefasst.

Ich bin gespannt, sitze wie auf Kohlen, aber mit jedem weiteren Kind, das aufgerufen wird, schleicht Trauer in mir hoch (ich hatte schon immer gute Vorahnungen). Fast alle Kinder wurden jetzt aufgerufen und verabschiedet, mir wird ganz mulmig: „haben die mich vergessen, war ich vielleicht nicht lieb, können die mich also doch nicht leiden?). Schluss!!! Keine Name mehr, Stille. Die anderen Kinder scheinen sichtlich glücklich, schauen sich ihre Mappe mit ihren selbstgemalten Bildern an oder tuscheln und kichern untereinander. Tränen, schluchzen, mir wird schwindelig, habe ich ja zudem auch wieder mein Brot ins Gebüsch geschmissen…Hunger kommt auf.

Eine Erzieherin, sie ist noch ziemlich neu in dieser Einrichtung, nimmt mich zur Seite, merkt wie ich anfange zu würgen und geht mir in die Toilette, wo ich mich erstmals übergeben muss. Sie murmelt etwas wie: „Unglaublich, dass du immer noch ohne Frühstücksbrot zum Kindergarten geschickt wirst“. Sie weiß ja nicht, dass ich selber schuld an der ganzen Misere bin, dass ich mich jeden Morgen des Brotes entledige. Jetzt bricht alles aus mir raus, ich weine, frage nach meinen Bildern, frage warum mich niemand in den Arm genommen hat und überhaupt warum es so ist, wie es ist.

Nun kommt die bekannte Frage: „sag mir doch nochmal deinen Namen. „Mxxxxxx Bxxxxxxx“ antworte ich. Ich soll warten und bleibe allein zurück, in der Toilette. Sie kommt und kommt nicht wieder, warum? Die Zeit kommt mir unendlich lang vor, bis ich Schritte höre. Aber meine Vorfreude schlägt sofort wieder in Enttäuschung um, denn sie hat nichts in der Hand, keine Mappe, kein Geschenk, nix.

„Also unter diesem Namen habe ich nichts gefunden, bist du neu hier im Kindergarten?“

Ich bin fassungslos. Was ist hier los? Wo sind meine Bilder, warum kennt sie nicht meinen Namen? Eine zweite Erzieherin kommt und flüstert ihr etwas ins Ohr. Eine Dritte kommt herein und bittet uns in den Gruppenraum zu gehen. Auf meinem kleinen Stuhl liegen nun kleine Geschenke, Stifte, Hefte, Bastelbogen und ein kleiner Teddy. Ich bin erleichtert, froh, weiß nun, dass man mich mag. Alles muss einfach nur ein dummer Zufall gewesen sein. Den Rest des Tages verbringe ich genau, wie die anderen Kinder mit Feiern, Spielen und Vorfreude auf die Schule.

An meine Mappe, mit den selbstgemalten Bildern habe ich damals nicht mehr gedacht….bis ich wieder zu Hause war. Völlig aufgeregt habe ich von dem erzählt, was ich im Kindergarten erlebt hatte, von den Feierlichkeiten, Kakao, Kuchen und Spielen. Dann fällt mir plötzlich wieder ein, wie traurig ich anfangs war und wie man sich dann liebevoll um  mich gekümmert hatte. Meine Mappe! Wo ist eigentlich meine Mappe? Meine Mutter und meine Oma tuscheln, es ist plötzlich wieder wie im Kindergarten, ich weiß nicht was los ist. Ich solle abwarten, bis die Ferien vorbei sind und der Kindergarten wieder geöffnet hat, dann würde ich meine Mappe bekommen.<<<

Ich warte heute noch, denn was ich damals nicht wusste war, dass meine Mutter meinen Namen hatte ändern lassen. Weil auf meinen Bildern immer nur der Vorname vermerkt wurde, wanderten diese immer in ein und derselben Mappe, jene Mappe, die meinen wirklichen Geburtsnamen trug. Weil die Verabschiedungen noch zwei weitere Tage dauerten wollte man wohl abwarten bevor man die übriggebliebene Mappe an mich herausgibt. Das wusste ich damals natürlich alles noch nicht, wie auch? Ich war ja noch ein Kind. Kurz danach wurde ich eingeschult. Ich erlebte dieses tolle Ereignis mit meiner Oma, nur mit meiner Oma, es war wohl niemandem weiter wichtig?!

Ja, Ein Name kann für einen Menschen schon ziemlich belastend sein, wenn nicht sogar störend für seinen weiteren Lebensweg. Ich kenne meinen wirklichen Namen bis heute nicht, aber dazu in einem weiteren Beitrag mehr.

Fortsetzung folgt: Ein Name kann für einen Menschen schon ziemlich belastend sein – von anonym

Hier geht es zum vorangegangen Teil: Ich sitze vor einem Scherbenhaufen – von anonym

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Über Max Kuckucksvater

Seit Anfang 2011 weiß ich nun, dass mein Sohn aus erster Ehe nicht mein leiblicher Sohn ist. Da ich weder im Netz, noch irgendwoanders Hilfe fand, gründete ich dieses Blog. Dieses Blog verbindet Kuckuckskinder, Scheinväter, Väter und Kuckucksmütter untereinander, stellt Hilfsthemen bereit. Zusätzlich klärt es die Öffentlichkeit über den stattfindenden Identitätsraub und Betrug auf, damit wir in Zukunft dieses Leid verhindern können. Der obligatorische Vaterschaftstest ab Geburt (OVAG) ist das einzige Mittel, welches das Kind sicher vor der Fälschung seiner Identität bewahren kann. Seither entstanden sehr viele Kontakte und Freundschaften zu Scheinvätern, Kuckuckskindern und anderen Betroffenen sowie Unterstützern. Der Austausch mit ihnen half mir dabei, meine Trauer zu verarbeiten. Und: Ja, ich lebe tatsächlich in Kolumbien. Inzwischen sind meine Frau und ich stolze Eltern einer Tochter. https://www.facebook.com/max.kuckucksvater
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