Merkt er denn nicht, wie gern ich ihn habe? – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 20 – Liane R. Anderson


Café Latte Macchiato mit Keks

Endlich spreche ich mit Maria bei einem Latte Macchiato, über das, was mich so bedrückt und erfreut zugleich.

Kuckuckskind – Erlebnisbericht – 04. Februar – Liane R. Anderson – Wie verabredet besucht mich heute Morgen meine Freundin Maria. Wir trinken gemeinsam einen Latte Macchiato und sie erkundigt sich sehr besorgt, was denn passiert sei. „Liane ist etwas zwischen Andreas und dir? Oder hast du eine unheilbare Krankheit? Ich mache mir schon große Sorgen“, bohrt sie neugierig und ängstlich nach. „Nein natürlich nicht. In dieser Hinsicht ist alles in bester Ordnung“, gebe ich ihr zur Antwort. Dann stehe ich auf, gehe ins Arbeitszimmer und hole das ausgedruckte Foto von Christian, welches er mir am 6. Januar geschickt hatte. Wortlos lege ich es vor Maria auf den Tisch. Sekundenlang fixiert sie sprachlos das Bild. Ich halte vor Aufregung die Luft an und erforsche angespannt ihr Gesicht. „Wer ist das Liane?“ fragt sie und beginnt ein wenig schneller zu atmen. Total verblüfft murmelt Maria weiter: „ Es ist komisch, aber ich habe für einen kurzen Augenblick gedacht, dass du es bist, die mich da anschaut“. „Maria“, flüstere ich kaum hörbar und mit klopfenden Herzen, „Das ist wahrscheinlich mein leiblicher Vater“.

Der Gesichtsausdruck von meiner Freundin ist fernsehreif. Mit großen Augen und offenen Mund starrt sie mich konsterniert an. Im Telegrammstil berichte ich ihr aufgeregt, was sich bei uns in den letzten Wochen unglaubliches und gigantisches zugetragen hatte. Maria kann ihre Freude und Aufregung nicht verbergen. „Er hat deinen Blick, Liane“, äußert sie mit großer Überzeugung. Was mich jetzt ziemlich tief bewegt ist, dass sie vor Überwältigung sogar zu weinen anfängt und mich dabei ganz liebevoll umarmt. Plötzlich merke ich, wie der zentnerschwere Ballast der letzten Wochen von mir abfällt. Tief atme ich ein und aus. Ich genieße förmlich Marias aufrichtiges Interesse. Selbst nachdem sie einige Zeit später wieder gegangen ist, spüre ich immer noch eine unendliche Erleichterung in mir. Sie hat geweint und mit mir gelitten. Ich habe ihre ehrliche Überraschung und Freude gespürt. Maria war sogar der Meinung gewesen, dass ein Vaterschaftstest überflüssig wäre, weil die Ähnlichkeit sehr eindeutig sei. Mein ganzer Körper bebt vor Glück. Ich kann es nicht aushalten, bis mein Mann zum Mittagessen nach Hause kommt. Sofort rufe ich ihn an, um ihm von Marias Reaktion zu berichten.

Ich freue mich wie ein kleines Kind über Marias Zusicherung. Jetzt bin ich meinem Verdacht und Wunsch, dass Christian wirklich mein Vater ist, ein ganz riesiges Stück näher gerückt.

Vergessen sind seine Worte! Vergessen seine oberflächliche und etwas gewöhnungsbedürftige Art! Maria hat mir mein Gefühl bestätigt. Ja, ich habe mich bestimmt nicht getäuscht! Christian ist mit Sicherheit mein leiblicher Vater! Gut gelaunt drehe ich mein Radio auf und koche beschwingt und erleichtert das Mittagessen. Es ist mir diesmal überhaupt nicht peinlich, dass ich weinen muss. Es sind schließlich Freudentränen und Tränen des Glücks.

Während ich noch in Gedanken bei Christian bin, klingelt mein Telefon und er ist dran. Überglücklich berichte ich ihm, wie meine Freundin reagiert hat. Diese Neuigkeit gefällt ihm auch. Ich kann es richtig spüren, wie erleichtert er ist. „Siehst du, ich habe es dir doch gleich gesagt“, entgegnet er zärtlich. „Daran gibt es auch keinen Zweifel. Du bist mein Kind“. Es tut so gut, das zu hören, denke ich mir und schmelze fast dahin. „Ja langsam glaube ich es auch“, erwidere ich liebevoll. „Dann setze dich in dein Auto und komm endlich, oder nimmt dir deinen Privathubschrauber, dann bist du schneller“, albert er lachend. Ich scherze auch mit: „Ok, dann bin ich in einer Stunde da“. Etwas später hat Christian eine super Idee. Er verspricht mir, morgen einen Film über sich zu drehen. Ich freue mich riesig! Dann habe ich wenigstens ein bisschen das Gefühl in seiner Nähe zu sein, überlege ich mir zufrieden. Danach malen wir uns wieder einmal aus, wie unser erstes Treffen ablaufen sollte. „Ich werde dich ganz fest in den Arm nehmen und dich niemals mehr loslassen“, flüstert er liebevoll. „Du Christian, kommst du dann auch mal zu mir? Ich würde mir so sehr wünschen, dass du mich in diesem Jahr bei mir zu Hause besuchst“, beichte ich ihm vorsichtig. Seine Reaktion darauf ist plötzlich unerwartet brutal und unsensibel. „Mensch, du bohrst ständig nach und setzt mich damit unter Druck. Ich habe dir doch erzählt, dass ich wenig Geld habe. Ich konnte schon meine drei anderen Töchter deswegen kaum besuchen, weil ich mir den Sprit nicht leisten konnte. „Aber ich dachte doch nur, weil du mir vor kurzem noch erzählt hast, dass du wieder einen Platz ausmachen willst, um Theater zu spielen. Du hast doch selbst gesagt, dass dabei einiges heraus springt“, versuche ich zu erklären und fange hoffnungslos zu weinen an. „Da bekomme ich schon wieder Brustbeklemmungen. Du sitzt doch in deinem goldenen Nest und hast dir noch nie Gedanken übers Geld machen müssen“, schreit er wild und überfällt mich abermals mit einem endlosen Redeschwall über seine angeblich so dramatische finanzielle Situation. Erst nach endlosen Minuten, in denen er wie von Sinnen auf mich einredet, merkt er, dass ich nichts mehr antworte und nur noch weine. „Wenn du mir richtig zuhören würdest, wüsstest du, dass ich als Kind auch ums nackte Überleben kämpfen musste und wir ziemlich arm waren“, fange ich schluchzend an zu sprechen. „Wie kannst du es wagen, so mit mir zu umzugehen. Du hast doch keine Ahnung was ich schon alles durchgemacht habe. Ich kann zu hundert Prozent nachfühlen, wie es sich anfühlt, wenn man wenig Geld hat. Aber ich finde es von dir gerade das aller letzte, mich so zu behandeln. Jetzt lernen wir uns nach 44 Jahren kennen und du wirfst mir vor, dass ich ständig bohren würde, ob du mich besuchst. So besonders wichtig kann ich dir ja wohl nicht sein, oder?“ erwidere ich wütend und enttäuscht. „Es tut mir leid mein Kind“, entschuldigt sich Christian mit sanfter Stimme, „Ich hatte keine Ahnung, wie schlecht es dir als Kind ergangen ist. Beruhige dich doch bitte. Natürlich besuche ich dich. Ich verspreche es dir und werde mir ein bisschen Geld für die Fahrt zur Seite legen. Liane ich bin doch so glücklich, dass ich jetzt endlich Kontakt zu dir haben darf. Es ist für mich in meinem Alter das größte Geschenk und Glück, dass wir Beide noch zueinander gefunden haben“. Danach beruhige ich mich wieder etwas und wir beenden einigermaßen versöhnt unser Telefonat.

Leider bleibt bei mir nach diesem deprimierenden Gespräch ein furchtbar trauriges und enttäuschtes Gefühl zurück. Seine schmeichelnden Worte zum Schluss taten mir zwar sehr gut und waren auch etwas tröstlich, aber tief in mir drinnen bohrt ein stechender Schmerz von Hoffnungslosigkeit. Warum wurde er plötzlich so wütend? Hat er denn nicht das Bedürfnis, bei mir zu sein? Ich habe doch so lange ohne ihn leben müssen. Ich möchte ihm doch zeigen, wie ich wohne und was ich für ein Leben führe. Merkt er denn nicht, wie gern ich ihn habe?

Extrem geknickt sitze ich auf der Couch. Meinen Oberkörper habe ich in Richtung Rückenlehne gedreht. Den Kopf stütze ich mit dem Kinn auf meine verschränkten Arme ab, die auf der Lehne liegen. Beide Beine sind angewinkelt und in dieser Haltung schaue ich traurig durch das Fenster in die Ferne. Langsam kullern die Tränen an meinem Gesicht herunter.

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Kuckuckskind Liane R. Anderson

Bin ich ein Kuckuckskind? von Liane R. Anderson

Fortsetzung Ich fühle mich innerlich zerrissen – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 21

Voriger Teil: Ich bin doch der Vater und du die Tochter – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 19

Eine Auflistung aller Teile findest Du hier.

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Über Liane R. Anderson

Bin ich mit 44 Jahren noch einmal Tochter geworden? Ich wurde im Oktober 1967 geboren, bin verheiratet und habe zwei tolle Kinder. Mein gesetzlicher Vater war Alkoholiker und sehr gewalttätig. Schon früh übernahm ich die Verantwortung für meine Mutter und meinen Bruder und organisierte mit nur 13 Jahren, unsere Flucht aus dieser Hölle. Mit viel Ehrgeiz und Kampfgeist erschaffte ich mir ein schöneres Leben. Bis ein einziger Satz mir den Boden unter den Füßen wegriss und meine komplette Identität in Frage stellte.
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