Ich bin doch der Vater und du die Tochter – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 19 – Liane R. Anderson


Sonnenuntergang am Strand

Mein Mann und ich sind heute mit Maria und Tobias im Reisebüro verabredet.

Kuckuckskind – Erlebnisbericht – 31. Januar – Liane R. Anderson – Am Vormittag habe ich das Bedürfnis, mit meiner Tante zu reden und rufe deshalb bei ihr an. Ich finde es sehr tröstlich, dass meine Lieblingstante Christina oft mit mir telefoniert und mich geduldig aufbaut. Sie und mein Onkel sind bis jetzt immer noch die einzigen außen stehenden Personen, denen ich etwas von diesem Familiendrama anvertraut habe. Meine Tante versichert mir zum wiederholten Male: „Ich habe es schon immer ein bisschen geahnt, dass du nicht die Tochter von diesem Alkoholiker bist. Schon oft haben Martin und ich über dich gesprochen. Ich bin der Meinung, dein ganzes lebensfrohes Verhalten, deine sensible Art, deinen Humor, deinen Ergeiz und deine Intelligenz passen bei weitem nicht zu diesem Vater. Man kann es deiner Mama nicht übel nehmen, dass ihr da vielleicht ein Ausrutscher passiert ist, denn sie war mit einem Tyrannen verheiratet und musste Tag täglich Angst um ihr Leben haben“. Verständnisvoll gebe ich meiner Tante Recht und erwidere: „Ich kann mir schon gut vorstellen, dass Mama diesen Seitensprung aus Angst verdrängt hat, aber jetzt könnte sie es doch zugeben. Ich würde ihr es auf jeden Fall verzeihen“. Weiterhin erzähle ich Christina über einige Anekdoten aus Christians Leben. Außerdem berichte ich ihr: „Es ist ein Treffen zwischen ihm und mir geplant“. Trotz meines tiefen Vertrauens zu Christina bringe ich es nicht übers Herz, ihr von dem merkwürdigen, gewöhnungsbedürftigen und zum Teil verletzenden Verhalten von Christian zu beichten. Mir fehlt absolut der Mut, ihr zu gestehen, wie elendig schlecht ich mich wegen seines Benehmens fühle.

Mein Mann und ich sind heute mit Maria und Tobias im Reisebüro verabredet. Wir haben uns auf ein traumhaft schönes Hotel geeinigt. Teilnahmslos und völlig apathisch lasse ich alles über mich ergehen. Hoffentlich merken die Beiden nichts, denke ich mir heimlich. Nach der Buchung macht meine Freundin den Vorschlag: „Habt ihr Lust, mit uns noch gemeinsam zum Italiener zu gehen“? „Ich fühle mich heute nicht so gut“, versuche ich ihr behutsam zu erklären. Mir fällt auf, dass ich mich kaum noch auf den Beinen halten kann. Tapfer probiere ich meine Verfassung zu überspielen. Bevor wir uns verabschieden, frage ich Maria: „Hast du nächste Woche mal Zeit, mich zu besuchen? Ich würde dir gerne eine Neuigkeit erzählen“. „Natürlich habe ich für dich Zeit“, erwidert sie besorgt. Danach fahren wir nach Hause.

Am selben Abend lese ich eine Nachricht von Judith. „Hallo Liane, ich habe von gestern bis heute schon dreimal mit Christian telefoniert. Er hat scheinbar schon einige Male versucht, dich telefonisch zu erreichen“.

Ja, habe ich bemerkt, denke ich mir während des Lesens. Leider habe ich momentan nicht mehr die Kraft, mit ihm zu reden. Es tut so weh, was mir alles in den letzten vier Wochen widerfahren ist. Für Kränkungen von Christian ist da kein Platz mehr übrig.

Judith schreibt weiterhin, dass sie sich große Sorgen um Christians Gesundheitszustand macht. Seine Diabeteswerte wären eine einzige Katastrophe. Sie hätte ihn überredet, dass er ins Krankenhaus geht, um dort richtig eingestellt zu werden. Damit er auch selber lernt, sich zu spritzen. Ich solle nicht erschrecken, wenn ich ein paar Tage nichts von ihm hören würde.

Was heißt hier nicht erschrecken. Die Frau hat gut reden, denke ich mir aufgeregt. Eine fürchterliche Panik überfällt mich. Hoffentlich bleibt er noch ein bisschen am Leben. Ich bin total aufgewühlt und kann meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Jetzt habe ich ein richtiges schlechtes Gewissen, weil ich seinen Anruf gestern und heute nicht entgegen genommen habe. Ich bin heilfroh, als kurze Zeit später das Telefon klingelt und seine Nummer aufleuchtet. Schnell nehme ich ab, um mich nach seinem Gesundheitszustand zu erkundigen und ihm von Judiths Nachricht zu erzählen. „Keine Sorge, ich werde erst nächste Woche stationär aufgenommen. Es geht mir aber schon wieder besser“, höre ich ihn sagen. Lange höre ich seinen ausführlichen Erzählungen fürsorglich zu. Er bittet mich um meine Handynummer, damit er mich auch vom Krankenhaus aus erreichen kann. Auf seine Frage, warum ich gestern und heute Morgen nicht ans Telefon gegangen bin, wage ich Christian mutig zu gestehen: „Du hast mich mit deinem Wutausbruch vorgestern sehr verletzt“. „Meine Güte, bist du aber empfindlich. Ich war ein Reisender, da geht es eben ein bisschen rauer zu. Das ist ja schlimm, wie zart besaitet du bist. Bei dir muss man sich ja jedes Wort überlegen, dass man spricht“, motzt er laut und mittlerweile schlecht gelaunt. „Du darfst mich nicht so behandeln, das möchte ich nicht“, widerspreche ich ihm jetzt etwas energischer. „Mensch, das ist typisch für euren Menschenschlag. Ihr Odenwälder seit so richtige Hinterländler. Habt ihr in eurer Pampa überhaupt schon elektrischen Strom und fließendes Wasser?“, albert er lachend und fühlt sich scheinbar dabei noch ziemlich lustig. Mir bleibt fast die Luft weg. Das ist doch jetzt eine bodenlose Unverschämtheit. Sauer und wütend wehre ich mich: „Du brauchst ja gar nichts zu sagen. Ich habe bei Google Maps nachgeschaut. Du wohnst doch am Arsch der Welt. Man kann ganz deutlich erkennen, dass es ein Aussiedlerhof ist. Der nächste Ort ist mindestens drei Kilometer von dir entfernt. „Ist ja gut“, antwortet er dann mit etwas ruhiger und sanfter Stimme. „Mein Kind, du bist mir einfach zu vernünftig. Eigentlich sollte es anders herum sein. Ich bin doch der Vater und du die Tochter“.

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Kuckuckskind Liane R. Anderson

Bin ich ein Kuckuckskind? von Liane R. Anderson

Fortsetzung: Ich bin doch der Vater und du die Tochter – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 19

Voriger Teil: Spiele dich nicht als Übermutter auf – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 18

Eine Auflistung aller Teile findest Du hier.

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Über Liane R. Anderson

Bin ich mit 44 Jahren noch einmal Tochter geworden? Ich wurde im Oktober 1967 geboren, bin verheiratet und habe zwei tolle Kinder. Mein gesetzlicher Vater war Alkoholiker und sehr gewalttätig. Schon früh übernahm ich die Verantwortung für meine Mutter und meinen Bruder und organisierte mit nur 13 Jahren, unsere Flucht aus dieser Hölle. Mit viel Ehrgeiz und Kampfgeist erschaffte ich mir ein schöneres Leben. Bis ein einziger Satz mir den Boden unter den Füßen wegriss und meine komplette Identität in Frage stellte.
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4 Antworten zu Ich bin doch der Vater und du die Tochter – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 19 – Liane R. Anderson

  1. Mareike Müller schreibt:

    Ich habe Tränen in den Augen….meine Mutter hat mir in meinem 18.Lebensjahr erzählt, dass mein Vater seit meiner Entstehung daran zweifelte, ob ich von ihm sei und das er dies inzwischen aber glaube (weil ich ihm ähnlicher bin als ihr). Sie hat dies noch mit Details vom Fahrlehrer ausgeschmückt sowie mit Beispielen von Desinteresse meines Vaters. Allein dies hat mir schon den Boden unter den Füßen ins wanken gebracht. Wenn ich mir deine Situation vorstelle…von beiden Vätern enttäuscht…vielleicht hilft es dir, dir den biologischen Vater als Kind vorzustellen. Bei mir hat es geholfen, dass ich meine Eltern als zwar älter aber weit weniger erwachsen und weit mehr hilflos betrachte.

    Männer neigen aus hormonellen Gründen bei einer Depression eher zu Agressionsausbrüchen in Wechsel mit Antriebslosigkeit als zu haltlosem Weinen und Essen (eher Frauensache). Vielleicht hat dein Vater eine ausgewachsene, unentdeckte Depression und verhält sich deshalb wie die Axt im Walde. Vielleicht fühlt er sich auch nicht dir Wert genug und geht als eine Art Defensive so auf dich los (inklusive falscher Prioritäten), um von seinen vermeintlichen Fehlern abzulenken und eben deine „Überlegenheit“ nicht offensichtlich werden zu lassen. Damit könnte er sich auch-bei einem Kontaktabbruch deinerseits- vor sich selbst besser rechtfertigen. Der ganze lange Absatz in einem Satz: er hat Angst und setzt auf Angriff.

    Ich drück‘ dir fest die Daumen, dass er die Mauern noch fallen lässt. Mein Vater hat diese Momente bisher nur vor mir gehabt und auch erst, nachdem ich erkannt habe, dass sein kurz angebundenes Verhalten auch sein Schutz war und er mich mehr liebt als meine Mutter dies je könnte. Selbst 1 Minute von Mensch zu Mensch lohnt da jahrelangen Zweifel.

    Viele liebe Grüße
    Mareike

    • Liane Scholl schreibt:

      Liebe Mareike,
      du hast es genau auf den Punkt gebracht. Ich habe von allen außenstehenden Personen außer einer einzigen, den Rat bekommen, den Kontakt abzubrechen. Wie es in ihm aussieht und warum er sich so verhält habe ich verhältnismäßig früh erkannt.

      Ich danke dir, dass du dir die Zeit genommen hast meine Geschichte zu lesen.
      Viele liebe Grüße
      Liane

  2. Marta Pandora schreibt:

    Mein Empfinden über diese, nennen wir es mal Situation, der Mann hat ein Leben lang so gelebt, ein anderes Leben als du, liebe Liane. Ich stelle mir vor, dass du Hoffnung hast, einen ehrenbürdigen tollen Vater an deiner Seite zu haben. Im Laufe der Zeit stellst du enttäuscht fest, dass dem nicht so ist. In jedem Kapitel dass du hier beschreibst, dringt der pure Egoismus von Seiten deines „Erzeugers“ durch. Mir platzt der Kragen wenn ich lese, dass andere Dinge weit aus wichtiger sind, als Du! Er sieht nicht was er dazu gewonnen hat, eine Tochter die sich um ihn sorgt, die ihn in ihr Leben einbinden will. Du, liebe Liane hast ein anderes Leben, du hast es zu was gebracht und das wird ihn wahrscheinlich wütend machen, dass du, ohne ihn dein Leben meisterst. Er enttäuscht dich in ganzer Linie. Schade ich dachte endlich mal eine Geschichte mit positiven Verlauf! Die Sehnsucht ehrlich und offen vom „Vater“ in den Arm genommen zu werden wird dir leider nicht erfüllt. Ganz lieben Gruß an Dich 🙂 Marta

    • Liane Scholl schreibt:

      Meine liebe Marta,
      erst einmal vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, meine Geschichte zu lesen und zu kommentieren.
      Ja leider ist die anfängliche Freude und Hoffnung, einer sehr tiefen Enttäuschung gewichen. Mit Sicherheit gibt es schwerwiegende Gründe, weshalb sein Verhalten so dermaßen egoistisch ist. Er hat eine meterdicke Schutzmauer um sich herum aufgebaut.

      Ob es jemals noch möglich ist in sein Herz vorzudringen…..?

      Viele liebe Grüße Liane

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