Spiele dich nicht als Übermutter auf – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 18 – Liane R. Anderson


Liane Scholl und Spuren im Schnee

Um wieder einen einigermaßen freien Kopf zu bekommen, ziehe ich meine Jacke, sowie die Winterstiefel an und stapfe furchtbar verzweifelt durch den tiefen Schnee.

Kuckuckskind – Erlebnisbericht – 29. Januar – Liane R. Anderson – Schon gleich am frühen Morgen stelle ich fest, dass mir Christian auf meinen hilfsbereiten Brief geantwortet hat. Neugierig auf seine Reaktion über meine Fürsorge, beginne ich zu lesen:

„Meine liebe strenge Tochter Liane,
also, ich muss dir unbedingt ganz schnell antworten. Es ist einfach unglaublich rührend, wie du dich ins Zeug legst und dich über meine neue Erkrankung erkundigt hast.
Aber vor allem danke für deinen Tipp von den Discountern, dass fand ich so witzig, dass ich es unbedingt Beate, meiner Lebensgefährtin, zeigen musste. Sie kriegte sich fasst nicht mehr ein vor Lachen. Bitte sehe das jetzt nicht negativ. Wir fanden es einfach lustig, dass du dir auch noch Gedanken gemacht hast, wo man das alles kaufen kann. Genau so stelle ich mir meine Tochter vor. Aber ich fange morgen an und werde mich bewegen, wenn das Wetter ein bisschen besser ist.
Liebe Grüße und bleib so ein toller Mensch.“

Dein Christian

Wahnsinn! Das haut mich jetzt fast um. Er hat sich zwar über meine Tipps von den Lebensmitteldiscountern lustig gemacht, aber das ist nicht so schlimm. Er ist eben ein bisschen kindisch. Habe ich ja schon mehrmals festgestellt. Wenn mich mein Gefühl nicht täuscht, dann hat ihn mein fürsorglicher Brief berührt. Es ist ein himmlisches Gefühl, dass er sich so gefreut hat. Wie gerne würde ich ihn jetzt umarmen, denke ich mir seufzend.

Jetzt muss ich mich ziemlich beeilen, um das Mittagessen, sowie meinen Haushalt zu erledigen. Heute fahre ich am Nachmittag noch zu meiner Arbeitsstelle. Deshalb ist es mir wichtig, mit den alltäglichen Pflichten fertig zu sein. Jedoch dauert es nicht lange, da klingelt mein Telefon und Christian ist dran. Vergnügt nehme ich seinen Anruf entgegen und setze mich dabei bequem auf die Couch. Er ist mir viel wichtiger, als mein Haushalt, denke ich mir erheitert. Geduldig höre ich mir seine finanzielle Notsituation an. „Ich muss unbedingt wieder einen Platz ausmachen für eine Theatervorstellung“, jammert er mir schlecht gelaunt vor. „Ich kann fast nicht mehr meine Rechnungen bezahlen. Heute habe ich schon wieder eine Handyrechnung über 90 Euro bekommen.“ „Wie kommt das denn?“, frage ich ihn erstaunt, „versuche doch damit ein bisschen sparsamer zu sein. Du hast doch eine Flatrate bei deinem Telefonanschluss und bist den ganzen Tag zu Hause. Da wärst du ja mit einem Vertrag für dein Handy noch günstiger dran“. „Hör auf, mir Ratschläge zu erteilen“, schrie er plötzlich und unerwartet laut. Wie von Sinnen überschüttete er mich danach mit einem zusammenhanglosen Redeschwall. „Spiele dich nicht als Übermutter auf. Die Judith macht das schon ständig mit mir. Von euch lasse ich mir doch nicht sagen, was ich zu tun habe. Ich bin 30 Jahre älter wie du und habe reichlich mehr Lebenserfahrung“. Immer schneller und wütender prasselten seine Worte auf mich ein. „Du sitzt doch im gemachten Nest und hast keine Ahnung vom wirklichen Leben. Du weißt nicht, was es heißt am Monatsende kein Geld mehr für Lebensmittel zu haben. Wenn ich nicht ab und zu noch mit meinem Theater raus fahren würde, könnten wir uns nichts mehr kaufen. Ich habe eben früher fast nichts in die Rentenkasse eingezahlt und jetzt reicht es eben nicht. Aber ich habe gelebt, ja richtig gelebt, nicht so wie ihr Spießer, die ihr ganzes Leben nur arbeiten gehen, um ihr eigenes Haus abzubezahlen“.

Ich bin auf das brutalste geschockt. So eine aggressive Reaktion habe ich beim besten Willen nicht erwartet. Mein ganzer Körper zittert. Sinnflutartig laufen mir die Tränen über die Wangen. „Ich habe es doch nur gut gemeint“, versuche ich mit brüchiger Stimme zu erklären. Es ist für mich, wie eine Erlösung, als wir dieses schlechte Gespräch ein paar Minuten später beenden.

Den ganzen Tag begleiten mich seine wütenden Worte. Also wenn ich ehrlich bin, habe ich mir das Kennenlernen mit Christian liebevoller und vor allem respektvoller vorgestellt. Es ist ja nahezu erschreckend, wie aggressiv und unkontrolliert sein Verhalten mir gegenüber ist. Wie kann Christian denn so naiv sein, denke ich mir verständnislos. Da würde ich mein Geld doch lieber in Lebensmittel investieren, anstatt unzählige SMS zu schreiben oder Telefonate mit dem Handy zu führen. Momentan ist mir die Lust mit ihm zu telefonieren redlich vergangen. Sein Verhalten heute war ziemlich unverschämt. Ich muss unbedingt ein bisschen Abstand zu diesen ganzen kränkenden und geringschätzigen Ereignissen gewinnen.

Um wieder einen einigermaßen freien Kopf zu bekommen, ziehe ich meine Jacke, sowie die Winterstiefel an und stapfe furchtbar verzweifelt durch den tiefen Schnee.

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Kuckuckskind Liane R. Anderson

Bin ich ein Kuckuckskind? von Liane R. Anderson

Fortsetzung Ich bin doch der Vater und du die Tochter – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 19

Voriger Teil: Schade, dass er so weit weg wohnt – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 17

Eine Auflistung aller Teile findest Du hier.

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Über Liane R. Anderson

Bin ich mit 44 Jahren noch einmal Tochter geworden? Ich wurde im Oktober 1967 geboren, bin verheiratet und habe zwei tolle Kinder. Mein gesetzlicher Vater war Alkoholiker und sehr gewalttätig. Schon früh übernahm ich die Verantwortung für meine Mutter und meinen Bruder und organisierte mit nur 13 Jahren, unsere Flucht aus dieser Hölle. Mit viel Ehrgeiz und Kampfgeist erschaffte ich mir ein schöneres Leben. Bis ein einziger Satz mir den Boden unter den Füßen wegriss und meine komplette Identität in Frage stellte.
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