Schade, dass er so weit weg wohnt – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 17 – Liane R. Anderson


Liane Scholl fotografierte

Ja, da gab es jemand, der mir wahrscheinlich mein Leben geschenkt hat und es mussten erst 44 Jahre vergehen, bis ich davon erfahren durfte.

Kuckuckskind – Erlebnisbericht – 28. JanuarLiane  R. Anderson Auch heute telefonieren Christian und ich wieder über eine Stunde lang. Es gibt so viel zu erzählen von den vergangenen 44 Jahren. Allerdings ist es sehr anstrengend, ihm zu folgen. Ständig ist er während unseres Gespräches mit etwas anderem beschäftigt. Nachdem er auf seinem Handy gerade eben dann auch noch eine SMS erhalten hat, will er unbedingt sofort eine Antwort schicken. Christian kann es nicht aushalten zu warten, bis wir unser Telefonat beendet haben. Mir bleibt nichts anderes übrig als auszuharren, während er seine Antwort schreibt. Schade, denke ich mir traurig. Ich hätte mir so sehr gewünscht, dass er mir mehr Aufmerksamkeit schenkt und sich auch für mein vergangenes Leben interessiert. Mühsam verdränge ich das Gefühl von Enttäuschung und Traurigkeit, das gerade in mir hochsteigt. Warum ist er denn so dermaßen oberflächlich zu mir? Trotzdem, ich kann mich gar nicht satt hören an seinen vielen Geschichten, die er mir eindrucksvoll mitteilt. Immer mehr wird mir schmerzlich bewusst, dass ich an seinem vergangenen Leben nicht teilhaben durfte. Es waren verlorene und stumme Jahre für mich, die man niemals mehr aufholen kann. Die bittere Erkenntnis bohrt sich immer tiefer in mein Bewusstsein. Ja, da gab es jemand, der mir wahrscheinlich mein Leben geschenkt hat und es mussten erst 44 Jahre vergehen, bis ich davon erfahren durfte. Leider mache ich mir mittlerweile ganz große Sorgen um seine Gesundheit. Ich erfahre, dass er seit kurzem Diabetes hat und seine Eßgewohnheiten diesbezüglich nicht die allerbesten sind. Offenbar ist er mit der neuen Diagnose total überfordert und weiß nicht, wie er sich jetzt verhalten soll. Er gesteht mir, dass ihm seine Lebensgefährtin häufig nur Fertigprodukte zum Mittagessen anbietet. Sie würde acht Stunden am Tag arbeiten und hätte somit wenig Zeit und auch keine Lust zum Kochen. Ach du Schande, denke ich mir entsetzt. Diese Frau ist doch total jung. Mit gerade mal 31 Jahren, sollte man eigentlich noch so viel Power haben, dass man nach einem normalen Arbeitstag etwas zum Essen kochen kann. Wenn ich jetzt zu ihm sage, was ich davon halte, dann rastet er wieder total aus und unser momentan harmonisches Gespräch wäre sofort zerstört.

Zutiefst besorgt um ihn setze ich mich am Nachmittag an den PC und mache mich über diese Krankheit, sowie über die richtigen Verhaltensregeln dabei schlau.

Noch am selben Tag verfasse ich für Christian einen langen, liebevollen und sehr fürsorglichen Brief. Ich gehe ganz behutsam vor und schreibe, dass ich ihm nicht zu nahe treten möchte, aber ich würde mir wünschen, dass er noch lange einigermaßen gesund bleiben darf. Alles andere wäre jetzt doch wirklich total schade, weil wir uns ja erst vor kurzem kennen lernen durften. Dann zeige ich ihm alles auf, was ich über diese Erkrankung erfahren konnte, sowie wichtige Verhaltensregeln dabei. Wegen seiner finanziellen Situation teile ich ihm auch noch mit, dass man alle diese Lebensmittel auch relativ günstig bei Lebensmitteldiscountern kaufen kann. Zum Ende des Briefes flehe ich ihn an:

„Christian, ich hoffe nicht, dass du jetzt sauer auf mich bist. Es ist dein Leben und du allein darfst entscheiden, wie du leben möchtest. Es würde mich einfach nur sehr freuen, wenn es dir bald wieder besser gehen würde. Allein schon deshalb, weil es schön ist, dass es dich gibt“.

Beim Schreiben von dem letzten Satz muss ich schon wieder anfangen zu weinen. „Schade, dass er so weit weg wohnt!“, denke ich mir unglücklich. Hoffentlich haben wir noch so viel Zeit, einmal zueinander zu finden.

Kurz danach erlaube ich mir noch in Facebook meine Nachrichten zu lesen. Plötzlich fängt Judith, die Freundin von Christian, an, mit mir zu chatten. Sie schreibt mir, dass mein Spruch den ich vor kurzem in Facebook gepostet habe, sehr viel Wahrheit in sich birgt. Das finde ich sehr nett von ihr, denke ich mir erfreut und sehe den Spruch noch einmal vor meinem geistigen Auge vorüberziehen.

„Die Vergangenheit ist Geschichte,
die Zukunft ein Geheimnis
doch jeder Augenblick ist ein Geschenk.“
von Ina Deter

Ja, das stimmt, gebe ich als Antwort. Es ist momentan in meiner Situation ja auch ziemlich passend. Dann erkundigt sich Judith danach, wie es mir jetzt mit der neuen Situation geht. Ich beichte ihr nur, dass ich ziemlich Bammel vor dem ersten Treffen mit Christian habe. Über seine vielen seltsamen Bemerkungen, die mich sehr irritierten und auch traurig machten, schweige ich. Ganz arg liebevoll tröstet sie mich und schreibt mir, dass ich keine Angst zu haben brauche. Christian sei ein ganz lieber Kerl und nur ein bisschen ungeduldig. Ich gestehe ihr, dass mein größtes Problem die Unwissenheit ist, weil ich leider immer noch nicht hundertprozentig weiß, ob er mein richtiger Vater ist. „Dann macht einen Vaterschafstest!“, schlägt sie mir vor, „Das wäre doch für alle das Beste!“

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Kuckuckskind Liane R. Anderson

Bin ich ein Kuckuckskind? von Liane R. Anderson

Fortsetzung Spiele dich nicht als Übermutter auf – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 18

Voriger Teil: Ich schäme mich total – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 16

Eine Auflistung aller Teile findest Du hier.

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Über Liane R. Anderson

Bin ich mit 44 Jahren noch einmal Tochter geworden? Ich wurde im Oktober 1967 geboren, bin verheiratet und habe zwei tolle Kinder. Mein gesetzlicher Vater war Alkoholiker und sehr gewalttätig. Schon früh übernahm ich die Verantwortung für meine Mutter und meinen Bruder und organisierte mit nur 13 Jahren, unsere Flucht aus dieser Hölle. Mit viel Ehrgeiz und Kampfgeist erschaffte ich mir ein schöneres Leben. Bis ein einziger Satz mir den Boden unter den Füßen wegriss und meine komplette Identität in Frage stellte.
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