Ich schäme mich total – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 16 – Liane R. Anderson


Liane Scholl fühlt sich noch nicht 100 prozentig sicher, dass er wirklich ihr leiblicher Vater ist.

Hände von mir und meinem neuen Vater – ist er es auch wirklich?

Kuckuckskind – Erlebnisbericht – 25. JanuarLiane R. Anderson – Die Gedanken um Christian nehmen mittlerweile einen so großen Raum in mir ein, dass ich sogar meine wirklich sehr guten Freundschaften schleifen lasse. Immer mehr tauche ich in die Versenkung ab. Es ist unglaublich, dass mich die Sache so dermaßen stark aus der Spur wirft.

Heute Morgen hat Maria angerufen und sich voller Sorge nach mir erkundigt. Sie war erstaunt, weil sie schon vier Wochen nichts mehr von mir gehört hatte. Obendrein erreichte sie uns auch telefonisch nicht. Sie meinte, wir müssten unbedingt so schnell wie möglich nach einem Hotel schauen und unseren Urlaub buchen. Derzeit wäre es noch möglich den Frühbucherrabatt auszunutzen.

Ach du Schreck! Das habe ich vollkommen vergessen. Ja, sie hat Recht! Wir wollen doch wieder gemeinsam in den Süden fliegen. So weit ist es also schon mit mir gekommen. Ich bin scheinbar nicht einmal mehr fähig, mein ganz normales Leben zu führen. Ich habe Maria nichts gesagt. Nein! Ich habe es nicht fertig gebracht, mich über die unglaublichen und ungewöhnlichen Ereignisse zu äußern. Ich hätte es tun müssen, weil Maria nicht nur eine gewöhnliche Freundin ist. Sie ist ein ganz besonders wichtiger Mensch in meinem Leben. Ich habe zwar einen riesigen Bekanntenkreis, jedoch gibt es ganz wenige, denen ich von meinem Inneren etwas Preis gebe. Zu den wenigen zählt Maria und ihr Mann Tobias. Bei uns passt einfach alles. Meine Freundin verkörpert diese Art von Familienleben, welches ich mir als Kind immer erträumt hatte. Sie und ihre Familie wohnen mit Marias Eltern gemeinsam in einem Haus. Das Verhältnis zwischen Alt und Jung ist für mich so dermaßen liebevoll und auch respektvoll, dass es schon faszinierend ist. Meine Freundin ist eine sehr offene, lustige, ehrliche und zufriedene Frau. Bei ihr kann ich so sein, wie ich bin und brauche mich nicht zu verstellen.

Trotzdem habe ich ihr meine Situation verheimlicht und meinen Rückzug damit erklärt, dass ich momentan viel Stress wegen verschiedener Probetermine hätte. Wenn ich ehrlich bin, ist mir das mit meiner Mutter und Christian ganz arg peinlich. Ich schäme mich total dafür, dass mir so etwas passiert ist. Außerdem kann ich doch meine Mutter nicht verraten. Zu gerne hätte ich bei Maria Trost gesucht, aber ich habe geschwiegen.

Vielleicht ist es Scham oder die Unwissenheit, ob Christian wirklich mein Vater ist oder aber mein Beschützerinstinkt meiner Mutter gegenüber? Ein bisschen ist auch Angst dabei, dass sich meine Freunde von mir abwenden könnten. Schließlich entspricht ja so etwas nicht der Norm. Es ist ein Familiendrama, das nicht den normalen Regeln entspricht. Wenn ich ganz ehrlich bin, möchte ich auch nicht negativ auffallen. Wir wohnen in einem kleinen Ort. Man ist dort bekannt und passt sich an. Mir fällt ein häufig ausgesprochener Satz von Mama ein. Ein Satz, den sie mir als Kind eingebläut hat: „Du darfst dies oder jenes nicht tun, weil, was werden sonst die Leute über uns sagen.“

Ich setze mich an den PC, um für unseren Sommerurlaub zu recherchieren. Dabei bemerke ich überrascht, aber auch mit gemischten Gefühlen, dass Christian mir wieder geschrieben hat – es sind die ersten paar Seiten seiner Biographie. Es ist ein wirklich schönes Gefühl zu spüren, dass er an mich denkt. Seltsam, dass diese Nina den Kontakt zu ihm komplett abgebrochen hat. Es würde mich eigentlich schon interessieren, was da zwischen Vater und Tochter passiert war. Ein mulmiges und unangenehmes Gefühl kommt in mir auf. Nein! Ich möchte mich jetzt nicht mit so unguten Gedanken belasten. In windes Eile versuche ich ihm die letzten paar seltsamen Äußerungen die er, während unseren vorausgegangenen Telefonaten gemacht hat, zu verzeihen. Wie sehr habe ich das als Kind vermisst! Da gab es keine Zärtlichkeiten, kein liebes oder tröstendes Wort und keine Aufmerksamkeit von meinen gesetzlichen Vater. Ich sehnte mich damals so sehr nach Geborgenheit. Leider war meine Kindheit nur von Gewalt und von abgrundtiefer Angst geprägt. Plötzlich gibt es da jemand, der angeblich mein leiblicher Vater sein soll und mich niemals mehr verlieren möchte. Mich umgibt ein warmes und zartes Glücksgefühl. Vor Freude laufen mir die Tränen über die Wangen. Ich öffne glücklich seinen Anhang und lese gebannt von seinem ungewöhnlichen, aufregenden, nicht ganz bodenständigen und zum Teil sehr traurigem Leben. Es macht mich sehr stolz, dass er mir seine Biographie anvertraut. Nichts wünsche ich mir jetzt sehnlicher, als bei Christian zu sein und seine Hand zu halten.

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Kuckuckskind Liane R. Anderson

Bin ich ein Kuckuckskind? von Liane R. Anderson

Fortsetzung: Schade, dass er so weit weg wohnt – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 17

Voriger Teil: Bestimmt laufen noch mehr Kuckuckskinder von ihm herum und er weiß es nicht – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 15

Eine Auflistung aller Teile findest Du hier.

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Über Liane R. Anderson

Bin ich mit 44 Jahren noch einmal Tochter geworden? Ich wurde im Oktober 1967 geboren, bin verheiratet und habe zwei tolle Kinder. Mein gesetzlicher Vater war Alkoholiker und sehr gewalttätig. Schon früh übernahm ich die Verantwortung für meine Mutter und meinen Bruder und organisierte mit nur 13 Jahren, unsere Flucht aus dieser Hölle. Mit viel Ehrgeiz und Kampfgeist erschaffte ich mir ein schöneres Leben. Bis ein einziger Satz mir den Boden unter den Füßen wegriss und meine komplette Identität in Frage stellte.
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2 Antworten zu Ich schäme mich total – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 16 – Liane R. Anderson

  1. Marta Pandora schreibt:

    Kennen wir denn etwas anderes, als immer Beschuldigt zu werden?

  2. charlotte schreibt:

    liebe liane ich hab jetzt deine Geschichte durchgelesen… viele Sachen hab ich auch erlebt.. auch das mit der Mutter Du bist schuld das ich nicht schlafen kann.. DU bist schuld das es mir schlecht geht. Du DU DU !!!!
    ich kann nur sagen bleib oben.. du bist stärker als alle anderen.. heute siehst du es noch nicht, aber glaub mir so ist es… Lass dich nie in die Opfer rolle drängen.. wir sind keine Opfer weil Opfer sind schwach und wir KK kinder sind stark…
    zu deinem “ Erzeuger“ weil Vater möcht ich ihn nicht nennen.. das würde alle Väter die hier sind um um Ihre Kinder kämpfen beleidigen.. er Kotzt mich an er kotzt mich ganz schrecklich an.. der benutzt dich knallhart.. der denkt nur an sich.. tut mir leid aber so empfinde ich es… umarm dich charlotte

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