Bestimmt laufen noch mehr Kuckuckskinder von ihm herum und er weiß es nicht – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 15 – Liane R. Anderson


Liane Scholl's MP3 Player

Zur Beruhigung höre ich mir erst einmal Lieder auf meinem neuen MP3-Player an.

Kuckuckskind – Erlebnisbericht – 23. JanuarLiane R. Anderson – Nach dem liebenswürdigen Brief, den mir Christian vorgestern geschrieben hatte, war ich wirklich angenehm berührt und glücklich. Mir war es ein unglaublich starkes Bedürfnis, ihn dann am selben Abend noch anzurufen. Um meinen Mann nicht beim Fernsehen zu stören, verkroch ich mich ins Schlafzimmer. Dort setzte ich mich, mit dem Rücken an die Kopfseite des Bettes gelehnt, hin und kuschelte mich dabei gemütlich  unter die Decke. Es tat so gut, seine Stimme zu hören! Diesmal war er wenigstens zu Beginn unseres Telefonates sehr liebevoll und einfühlsam. Bildlich versuchte ich Christian mein Aussehen zu beschreiben, außerdem hörte er mir diesmal aufmerksam zu, wie ich ihm von meinen Kindern erzählte. Beide fantasierten wir auch über unser erstes Treffen. Wir malten uns aus, wie es ablaufen würde. Er wollte unbedingt, dass ich zu ihm komme. Wieder umgab mich dieses warme Gefühl von Geborgenheit. Ich verging fast vor Sehnsucht, ihn endlich zu sehen und nahe zu sein. Mutig beichtete ich ihm, dass ich so gerne seine weißen Haare berühren möchte. Er lachte geschmeichelt. Man konnte richtig spüren, wie gut ihm meine Zuneigung tat. Sanft gestand er mir, dass er sich jeden Tag vorstellt, wie er mich in den Arm nimmt. Nachdem ich Christian etwas später von unserem schönen Haus erzählt habe, klärte er mich über seine angebliche katastrophale finanzielle Situation auf. Voller Mitgefühl versuchte ich ihn aufzubauen. Fürsorglich verdeutlichte ich meinem neuen Vater, dass es viele Familien gibt, die mit Sicherheit mit viel weniger Geld auskommen müssen. Das einzige was zählt, ist doch, dass er noch einigermaßen gesund ist und wir noch die Chance bekommen haben, uns kennen zu lernen. Den Tränen nahe musste ich mir dann plötzlich von ihm einen gereizten, lauten und schnellen Redeschwall über mich ergehen lassen. Er hätte sein Geld schon immer leicht und schnell verdient und musste sich nie Gedanken darüber machen. Wenn er welches hatte, gab er es in vollen Zügen aus. So Leute wie ich hätten doch keine Ahnung vom wirklichen Leben! Ich hätte ja schließlich ein eigenes Haus und könnte da gar nicht mitreden. Resigniert und ungläubig über so eine planlose Lebenseinstellung, sowie seinem ungerechtfertigten Angriff, hörte ich ihm sprachlos und traurig weiter zu. Da war er wieder, dieser tiefe Schmerz in meiner Magengegend. Enttäuscht und auch total geschockt schaffte ich es dann, dieses mittlerweile erschreckende Gespräch behutsam zu beenden.

Nach zwei unruhigen und schlaflosen Nächten stehe ich heute Morgen wie gerädert auf. Schon früh klingelt mein Telefon und Christian ist dran. Gut gelaunt und zusammenhanglos erzählt er mir wieder einige Storys aus seiner Vergangenheit. Es ist ihm nichts anzumerken! Anscheinend hat er sich keine Gedanken mehr über unser Telefonat, das wir vorgestern Abend noch geführt haben, gemacht. Ich möchte ja jetzt nicht zu anspruchsvoll sein und kann natürlich auch keine Wunder erwarten, allerdings beschäftigt mich sein taktloses Verhalten auf unangenehme Weise. Nichts desto trotz würde ich den Mann so gerne einmal treffen dürfen! Blitzartig fällt mir ein Satz meiner Mutter ein: „Er tut dir nicht gut.“ Schnell schiebe ich diese Bemerkung von Mama und das ungute Gefühl das ich dabei habe, zur Seite.

Was mich jetzt während unserem Gespräch total überrascht, ist seine Schilderung über Nina. „Wer ist Nina?“, frage ich ziemlich durcheinander. „Das ist auch eine Tochter von mir, leider hat sie vor einigen Jahren den Kontakt zu mir komplett abgebrochen.“ „Waaas?“, schreie ich förmlich, „Du hast noch eine Tochter? Jetzt verstehe ich auch, warum du in deinem Brief von 4 Töchtern bei zwei Muttis schreibst. Die ganze Zeit hast du nur von drei gesprochen. Die hast du mir aber bis jetzt verschwiegen. Wenn man es genau nimmt, dann hast du 5 Töchter von drei Muttis, oder?!“ „Mensch! Lege doch nicht jedes Wort von mir auf die Goldwaage! Kann sein, dass ich das vergessen habe, dir zu sagen. Na und! Ist doch nicht so schlimm. Bestimmt laufen da noch mehr herum und ich weiß es bloß nicht“, spöttelte er.

Mir ist ganz schlecht und ich kann fasst nicht mehr atmen. Jetzt muss ich mich erst einmal beruhigen und sammeln denke ich mir und versuche Christian vorsichtig und galant abzuwimmeln. Ich erkläre ihm, dass ich noch einige Termine hätte. Dann beenden wir das Gespräch. Völlig durcheinander und überfüllt mit befremdlichen Informationen breche ich in Tränen aus. Erschöpft lege ich mich auf die Couch und höre weinend zur Beruhigung meine traurigen Lieblingslieder mit meinem neuen MB 3 Player.

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Kuckuckskind Liane R. Anderson

Bin ich ein Kuckuckskind? von Liane R. Anderson

Fortsetzung Ich schäme mich total – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 16

Voriger Teil: Sein Brief war Balsam für meine Seele – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 14

Eine Auflistung aller Teile findest Du hier.

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Über Liane R. Anderson

Bin ich mit 44 Jahren noch einmal Tochter geworden? Ich wurde im Oktober 1967 geboren, bin verheiratet und habe zwei tolle Kinder. Mein gesetzlicher Vater war Alkoholiker und sehr gewalttätig. Schon früh übernahm ich die Verantwortung für meine Mutter und meinen Bruder und organisierte mit nur 13 Jahren, unsere Flucht aus dieser Hölle. Mit viel Ehrgeiz und Kampfgeist erschaffte ich mir ein schöneres Leben. Bis ein einziger Satz mir den Boden unter den Füßen wegriss und meine komplette Identität in Frage stellte.
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