Ich fühle mich als Opfer – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 13 – Liane R. Anderson


Manchmal tut ein einfacher Spaziergang der Seele ungemein gut.

Schon nach den ersten paar Schritten auf dem zugeschneiten Feldweg spüre ich, wie die Anspannung der letzten Tage ein kleines bisschen von mir abfällt. – © Foto: Alfred Borchard http://www.sxc.hu/profile/Alfi007

Kuckuckskind – Erlebnisbericht – 20. JanuarLiane R. Anderson – Ich habe zwei furchtbar schlechte Nächte hinter mir. Ewig lag ich wach im Bett und grübelte. Meine seelische Verfassung hat einen absoluten Tiefpunkt erreicht. Liebevoll versucht mein Mann mich zu trösten und aufzumuntern. Er schlägt mir vor, dass wir gemeinsam einen schönen langen Spaziergang machen könnten. Bei uns im Ort liegt ziemlich viel Schnee, die Sonne scheint und wir haben einen herrlichen blauen Himmel. Schon nach den ersten paar Schritten auf dem zugeschneiten Feldweg spüre ich, wie die Anspannung der letzten Tage ein kleines bisschen von mir abfällt. Noch einmal unterhalten wir uns über die außergewöhnlichen Ereignisse, die unser Familienleben seit dem zweiten Weihnachtsfeiertag total auf den Kopf gestellt haben. Nach diesem Telefonat vorgestern mit meiner Mutter, habe ich noch am selben Abend Christian angerufen. Es war zwar sehr wohltuend seine tiefe warme Stimme zu hören, aber so richtig tröstlich war unser Gespräch für mich nicht gewesen. Er hatte unablässig versucht, mich zu einem Vaterschaftstest im Fernsehen bei Britt (SAT.1) zu überreden. Der Test wäre dort kostenlos und gleichzeitig würde diese sensationelle Geschichte, dass Vater und Tochter sich erst nach 44 Jahren gefunden haben, ihm noch einmal die Chance geben, ins Fernsehen zu kommen. Seine Theatervorstellungen laufen angeblich nicht mehr so gut wie früher und so ein Auftritt bei Britt würde den einen oder anderen Auftraggeber noch einmal auf ihn aufmerksam machen. Christian bemerkte nicht, dass ich bitterlich weinte. Enttäuscht und mit zitternder Stimme versuchte ich ihm vorsichtig zu erklären, dass ich auf keinen Fall an die Öffentlichkeit gehen möchte. Zum Einen weil ich meine Mutter schonen wollte und zum Anderen tat es mir sehr weh und ich war fassungslos, dass er bei so einem besonderen Ereignis nur an seine Popularität denken konnte.

Gestern habe ich bemerkt, dass Christian versucht hat, mich telefonisch zu erreichen. Ich war jedoch von den vielen Terminen und der momentanen Situation so dermaßen erschöpft, dass ich abends nicht mehr zurückgerufen habe.

Nach unserem Spaziergang heute sehe ich erneut, dass Christian versucht hat, mich anzurufen. Gleich darauf entdecke ich eine neue Mail von ihm. Obwohl ich über sein Verhalten vor zwei Tagen ziemlich enttäuscht war, freue ich mich trotzdem, etwas von ihm zu hören. Ich hoffe, er hat jetzt eingesehen, dass es hier um Gefühle geht und er sich schon verhältnismäßig egoistisch verhalten hat. Ich lese seine Zeilen mit klopfendem Herzen:

 „Liebe Liane, ich habe dir ihm Anhang einen Brief geschrieben. Ich hoffe sehr das du ihn liest. Also das du so Stur sein kannst, hätte ich nie gedacht“.

Mit offenem Mund und aufgerissenen Augen starre ich auf die Zeilen. Was heißt hier so stur? Wie kann denn ein Mensch, der angeblich mein Vater sein soll und nach so vielen Jahren den Kontakt zu mir gefunden hat, mir so etwas unterstellen? Stur? Nur weil ich nicht zu Hause war und deswegen nicht das Telefon abnehmen konnte? In meiner Brust habe ich plötzlich ein ganz beklemmendes Gefühl. Ich fühle mich von seiner Ungeduld sehr bedrängt und unter Druck gesetzt. Mit Tränen in den Augen öffne ich seinen Anhang und fange an zu lesen:

 „Liebe Liane, ich vermute mal, du bist mit einer meiner Töchter, die wirklich nicht den besten Kontakt zu mir haben, in Verbindung. Du hast sie bestimmt über Facebook gefunden. Wie du schon erfahren hast, ein Heiliger war und bin ich nie gewesen, Gott sei Dank. Schon mit zwanzig war mir klar, heiraten war nicht mein Ding, aber ich bin ein lieber und humorvoller Mensch der sich im Leben, auch ohne festen Beruf durch geschlagen hat. Ich ganz allein habe mir mein Leben ausgesucht, verrückt, Weiber und einfach drauf los.“

Während ich das lese, muss ich häufig schlucken und kann bis jetzt noch nicht wirklich viel mit dem Brief anfangen. Etwas verstört lese ich weiter und erfahre, dass er nie unter einer Brücke geschlafen oder auf der Straße gelebt hätte. Außerdem wäre er dem Staat nie zur Last gefallen und hätte sein ganzes Geld in Deutschland ausgegeben. Ok, denke ich mir ein kleines bisschen genervt, aber was hat das mit mir zu tun? Soll ich denn jetzt vielleicht auch noch stolz auf ihn sein? Sein Leben ist zwar schon interessant, aber ich habe im Moment echt andere Probleme. Leicht verdattert lese ich den Rest:

“Ich habe die ganzen Jahre nicht versucht mit dir zu reden, obwohl ich mir das immer wünschte, nur um deine Mama zu schützen. Sie wollte und wie ich jetzt sehe, will sie auf keinen Fall, dass das Verhältnis mit mir und ihr öffentlich wird. Soweit so gut, aber selbst wenn deine Mama das gesagt hat, ist es noch lange kein Grund von dir, mir gegenüber so auszurasten und meld dich nie wieder zu schreiben. Und weil ich das nicht glauben kann, wenn ich eines in meinem Leben gelernt habe, dann ist es Menschenkenntnis und die lässt mich nicht im Stich. Du musst irgendetwas schlimmes von mir gesagt bekommen haben, aber was es auch immer war, es war falsch. Bitte rede mit mir, ich bekomme schon Herzschmerzen, weil ich mich so über uns gefreut habe.“

Hilfe! Ich verstehe überhaupt nicht was Christian von mir will.

Ungläubig und völlig irritiert lese ich mehrmals diese Nachricht. Was geht denn nur in diesem Mann vor? Selbstherrlich schreibt er über sein Leben und unterstellt mir, hinter seinem Rücken einen Kontakt mit meinen Halbschwestern. Das ist doch krank! Er kommt mir besitzergreifend und ungeduldig vor. Also mit Freude über mich oder Liebe hat das ziemlich wenig zu tun, denke ich mir unsagbar traurig und tief enttäuscht. Von wegen Menschenkenntnis, dass ich nicht lache. Vielleicht hat er nur Angst mich wieder zu verlieren, versuche ich ihn gedanklich zu entschuldigen. Am besten schreibe ich ihm gleich einen Brief zurück, und probiere darin, ganz behutsam zu erklären, wie ich mich gerade fühle.

„Hallo Christian, ich bin mit der ganzen Situation total überfordert. Du scheinst mir ein sehr hochsensibler Mensch zu sein, was ich als positiv empfinde. Versuche dich mal ein bisschen in meine Lage zu versetzen. Da teilt mir ein für mich bis dahin fremder Mann nach 44 Jahren mit, dass er mein Vater ist. Ich habe gedacht mir bleibt mein Herz stehen. Plötzlich ändert sich am 3. Januar alles. Plötzlich gibt es dich. Ich war geschockt, glücklich, traurig, wütend und erleichtert – alles auf einmal. Tausend Fragen waren nun in meinem Kopf.

Warum hat meine Mutter geschwiegen?
Warum hast du mich niemals vorher versucht zu finden?
Warum hast du es ausgehalten, von mir zu wissen und trotzdem ohne mich zu leben?
Was wäre passiert, wenn ich dich nicht in Facebook angeklickt hätte?
Was wäre passiert, wenn du oder meine Mutter nicht mehr leben würdet? Dann hättet ihr das Geheimnis mit ins Grab genommen.
Was ist, wenn du alles nur erfunden hast?
Was ist, wenn meine Mutter sauer auf mich ist, weil ich mit dir jetzt Kontakt habe?

So und bei all diesen Überlegungen haben du und Judith mir von deinem Leben erzählt. In den ersten paar Sekunden von unserem ersten Telefonat fragtest du mich, ob wir zusammen ins Fernsehen gehen. Außerdem hast du mir spöttisch erzählt, dass vielleicht noch irgendwo Kinder von dir existieren, von denen du nichts weißt, dass du nicht geheiratet hast, weil man ja nur im ersten halben Jahr Sex hätte, dass dein Kontakt zu deinen anderen Kindern nicht so gut ist.

Gut ich habe mir gedacht, jeder hat so seine Vergangenheit. Mit Sicherheit warst du auch aufgeregt und wusstest nicht genau, was du jetzt mit mir reden sollst. Aber auf einmal werde ich bombardiert mit Spekulationen von dir und Judith, dass ich aufgehetzt worden wäre von deinen Kindern und etwas schlimmes über dich erfahren haben könnte. Zudem machst du mir den Vorwurf, dass du kein Verständnis hast, dass ich mich nicht melde.

Ich kenne doch deine Kinder überhaupt nicht und weiß auch keine Namen. Dann kam das Bitterste für mich überhaupt. Ich habe meine Mutter angerufen und sie behauptet, dass du nicht mein Vater bist. Christian, in diesem Moment ist in mir eine Welt zusammen gebrochen. Ich war vollkommen am Ende.

Ich fühle mich als Opfer!!! Als Opfer zwischen zwei Menschen, von denen eine Person nicht die Wahrheit sagt. Ich stelle mir nun die Frage, um wen geht es hier eigentlich? Wo bleibe denn ich bei diesem ganzen Spiel? Keiner von euch beiden fragt danach, wie es mir jetzt geht. Wie es in mir drinnen aussieht. Insgeheim habe ich mir von dir gewünscht, dass du mir mehr Fragen über mich stellst. Ich hatte so das Gefühl, das dich gar nicht interessiert, wie ich lebe, was ich mache, was meine Hobbys sind, wie ich aussehe, wie groß ich bin und was ich für eine Familie habe.

Hier geht es nicht nur um einen blöden Vaterschaftstest, hier geht es um meine Gefühle. Christian, als ich dir die Nachricht geschrieben habe, dass du dich nicht mehr melden sollst, war ich schrecklich verzweifelt. Das geht alles nicht spurlos an mir vorüber. Dein Lebensstil ist komplett anders als meiner. Ok! Das ist eben so und das habe ich auch Judith geschrieben. Natürlich finde ich das nicht gerade prickelnd, wie du zeitweise gelebt hast, aber im Bezug auf uns ist das momentan noch ohne Bedeutung. Wichtig ist zuerst mal, im hier und jetzt zu denken. Ich sitze zwischen zwei Stühlen. Ich möchte meine Mutter nicht verletzen und wenn ich ganz ehrlich bin, dich komischer Weise auch nicht.“

Liebe Grüße Liane

Kurz bevor ich den Brief abschicken will, finde ich erneut eine Nachricht von Christian. Er schreibt:

 „Also ich hoffe, du liest den Brief. Ich könnte nicht ein viertel so Stur sein wie du dich jetzt gibst. Wie kann man sich bei so einer wichtigen Sache so verhalten? Wenn ich das in meinem Leben so gemacht hätte, wäre ich kein Stück weitergekommen“. Christian

Was? Ich fasse es nicht. Mir ist total elendig zumute. Wie kann er es wagen so mit mir umzugehen? Erstens habe ich ihm doch überhaupt nichts getan und zweitens bin ich eigentlich eine fremde Person für ihn. Sein letzter Satz ist wohl eine Lachnummer, denn sehr weit ist er ja in seinem Leben nicht gekommen.

Entsetzt und auch etwas wütend verfasse ich noch einen Zusatz unter meinen langen Brief, bevor ich ihn an Christian absende.

Ich schreibe:

„Für diesen Brief habe ich über zwei Stunden gebraucht. Es ist nicht einfach, seine eigenen Gefühle aufzuschreiben und gleichzeitig den anderen nicht zu verletzen. Aber ich habe eben deine neue anmaßende Nachricht gelesen. Christian, ich bin nicht stur. Hör auf, mich so zu bezeichnen und sei nicht immer so ungeduldig.“

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Kuckuckskind Liane R. Anderson

Bin ich ein Kuckuckskind? von Liane R. Anderson

Fortsetzung: Sein Brief war Balsam für meine Seele – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 14

Voriger Teil: Bis ins tiefste innere Mark getroffen – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 12

Eine Auflistung aller Teile findest Du hier.

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Über Liane R. Anderson

Bin ich mit 44 Jahren noch einmal Tochter geworden? Ich wurde im Oktober 1967 geboren, bin verheiratet und habe zwei tolle Kinder. Mein gesetzlicher Vater war Alkoholiker und sehr gewalttätig. Schon früh übernahm ich die Verantwortung für meine Mutter und meinen Bruder und organisierte mit nur 13 Jahren, unsere Flucht aus dieser Hölle. Mit viel Ehrgeiz und Kampfgeist erschaffte ich mir ein schöneres Leben. Bis ein einziger Satz mir den Boden unter den Füßen wegriss und meine komplette Identität in Frage stellte.
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Eine Antwort zu Ich fühle mich als Opfer – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 13 – Liane R. Anderson

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