Bis ins tiefste innere Mark getroffen – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 12 – Liane R. Anderson


Liane Scholl denkt viel über das Geschehene nach

Und ich denke immer wieder darüber nach und stelle fest, dass ich meiner Mutter nicht glaube

Kuckuckskind – Erlebnisbericht – 18. JanuarLiane R. Anderson – Langsam bekomme ich ernsthafte Zweifel an der Aussage von Mama. Wäre es nicht das Normalste von der Welt, dass sie sich erkundigt, wie es mir jetzt geht? Ich meine, so etwas passiert ja schließlich nicht jeden Tag. Vor allem, was für weitere Schritte ich unternommen habe. Ihr Verhalten lässt mich immer mehr vermuten, dass sie nicht die Wahrheit gesagt hat.

Die Traurigkeit zieht mich endlos weiter nach unten. Ich fühle mich fallen gelassen von ihr. Natürlich kann ich mir gut vorstellen, dass sie auch erschrocken ist. Es reißt selbstverständlich unangenehme, alte, verdrängte Wunden auf. Logischerweise schämt sie sich auch für damals. Es ist mir schon klar, dass ihr die ganze Sache jetzt furchtbar peinlich ist. Aber ich hätte doch Verständnis für ihren Ausrutscher. Auf keinen Fall wäre ich sauer auf sie. Jeder, der auch nur ansatzweise ihren Ehemann gekannt hat, würde wissen, was sie durchgemacht hat. Es tut mir auch in der Seele weh, sie damit zu konfrontieren. Ihr Gesundheitszustand ist nicht der allerbeste, aber es ist doch ein Grundbedürfnis eines jeden Menschen, seine Herkunft zu kennen.

Da gibt es so viele Dinge, die sich weiter vererben. Sei es gewisse Talente, bestimmte Vorlieben, eventuelle Krankheiten, spezielle Charaktereigenschaften und natürlich auch das Aussehen. Ich bin der Meinung, es kann zum Teil sogar lebensrettend sein, wenn man seine Blutsverwandten kennt.

Mein gesetzlicher Vater ist mit nur 44 Jahren angeblich an seinem zweiten Gehirnschlag verstorben. Ebenso seine Mutter und eine seiner Schwestern. Wie oft hat mich in den letzten Jahren der Gedanke begleitet, dass ich eventuell in dieser Hinsicht etwas geerbt haben könnte. Ja, da wäre schon alleine die Gewissheit, dass der leibliche Vater noch lebt und schon 74 Jahre alt ist, ein gutes Gefühl. Ich wage sogar zu behaupten, dass sich die Stimme vererben kann. Zumindest ein bisschen. Schon sehr oft wurden mein Mann und mein Sohn am Telefon verwechselt. Na gut, das kann natürlich auch eine Art Nachahmung der Kinder sein. So viel habe ich mich noch nicht mit dem Thema befasst.

Auf jeden Fall verspüre ich einen unglaublichen Drang, diesen Christian kennen zu lernen und ihm nahe zu sein. Hinzu kommt noch das eigenartige Gefühl, welches ich erlebte, als ich seine Portraitaufnahme betrachtete. Ich sah mich selbst. So etwas kann man sich doch überhaupt nicht einbilden.

Ich fühle mich gerade ziemlich allein gelassen von Mama und empfinde es als herbe Enttäuschung, dass sie die Geschichte jetzt einfach aussitzt. Selbst wenn sie die Wahrheit gesagt hat und sich keiner Schuld bewusst ist, kann sie doch so ein wichtiges Thema nicht einfach tot schweigen!

Kraftlos und verzweifelt liege ich stundenlang auf der Couch. Selbst wenn das Telefon klingelt und mich meine Freundinnen versuchen zu erreichen, fehlt mir die Kraft mit ihnen zu sprechen. Immer mehr ziehe ich mich in mein Schneckenhaus zurück. Meine Familie versuche ich, so weit es geht, zu schonen und kaum noch von meinen verletzten Gefühlen zu sprechen.

So viel wie in den letzten Tagen habe ich schon lange nicht mehr über meine Kindheit nachgedacht. Ich glaube, es kann sich kaum jemand vorstellen, was ich als Kind durchgemacht habe. Mein Leben war begleitet von panischer Todesangst vor diesem entsetzlichen brutalen Tyrannen, der jetzt vielleicht gar nicht mein leiblicher Vater gewesen war. Vor einem Mann, der ständig betrunken und überhaupt nicht mehr zurechnungsfähig war. Mama weiß doch, wie ich als Kind unter diesem menschenunwürdigen Zustand gelitten habe.

Im Prinzip ist die angespannte Situation für Christian und für mich unerträglich. Wir hängen jetzt beide völlig in der Luft und wissen nicht, ob wir nun verwandt sind oder nicht. Ich muss unbedingt so schnell wie möglich meine Mutter erneut anrufen.

Nachdem sie sich am anderen Ende der Leitung meldet, fange ich sofort höflich zu sprechen an: „Hallo, ich bin der Meinung ich sehe Christian ein bisschen ähnlich. Außerdem sucht er jetzt Briefe in denen du ihm, von mir geschrieben hast. Du würdest mir eine große Freude damit machen, wenn du zugibst dass Christian mein Vater ist. Es sprechen immerhin schon so einige Indizien dafür. Kannst du dich noch daran erinnern wie oft ich dich gefragt habe, warum ich die einzige in der Familie mit blauen Augen bin?Außerdem wäre mir es doch tausendmal lieber, als die Tochter von diesem Alkoholiker gewesen zu sein.“ Aufgebracht erwidert Mama mit hoher Stimme: „Seit Tagen kann ich wegen dir nicht mehr schlafen und mir geht es schlecht. Ich will von der alten Geschichte nichts mehr hören. Von wegen, ihr würdet euch ähnlich sehen! So ein Unsinn! Einbildung ist auch eine Bildung! Du bist einfach viel zu neugierig Liane. Dein Bruder Felix ist da ganz anders. Dem kann man auch einmal etwas anvertrauen.“ Darauf beendet sie sofort unser Telefongespräch.

Schock!

Wie zur Salzsäule erstarrt sitze ich für einige Minuten erschüttert nur da. Also, das mein Bruder favorisiert wird, bin ich ja gewohnt, aber mich als nicht vertrauenswürdig einzustufen, bricht mir das Herz. Bis ins tiefste innere Mark getroffen, schleppe ich mich kraftlos und mit zitternden Knien zur Toilette um mich, wahrscheinlich wegen dieser unberechtigten Herabsetzung, zu übergeben.

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Kuckuckskind Liane R. Anderson

Bin ich ein Kuckuckskind? von Liane R. Anderson

Fortsetzung: Ich fühle mich als Opfer – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 13

Voriger Teil: Hoffentlich ist der Albtraum bald vorbei – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 11

Eine Auflistung aller Teile findest Du hier.

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Über Liane R. Anderson

Bin ich mit 44 Jahren noch einmal Tochter geworden? Ich wurde im Oktober 1967 geboren, bin verheiratet und habe zwei tolle Kinder. Mein gesetzlicher Vater war Alkoholiker und sehr gewalttätig. Schon früh übernahm ich die Verantwortung für meine Mutter und meinen Bruder und organisierte mit nur 13 Jahren, unsere Flucht aus dieser Hölle. Mit viel Ehrgeiz und Kampfgeist erschaffte ich mir ein schöneres Leben. Bis ein einziger Satz mir den Boden unter den Füßen wegriss und meine komplette Identität in Frage stellte.
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2 Antworten zu Bis ins tiefste innere Mark getroffen – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 12 – Liane R. Anderson

  1. Norbert Potthoff schreibt:

    Es ist schon sehr interessant, wie deine Mutter dir zwar Fährten gelegt hat, aber die finale Wahrheit stoisch leugnet. Dieses Phänomen durchzieht auch die Geschichte meiner Frau. Hätte ihre Mutter nicht permanent der Tochter die Fährten zur Wahrheit gelegt, wäre ihre Geschichte heute sehr, sehr dünn, womöglich hätten wir sie nie schreiben können.
    Ein Kriminalist hat mir einmal erklärt, dass Täter oftmals aus dem Untwerbewußtsein heraus Spuren legen, damit sie eines Tages überführt werden können.

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