Hoffentlich ist der Albtraum bald vorbei – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 11 – Liane R. Anderson


Liane Scholls Kinderfoto - der Zahn der Zeit hat sich am Material bereits zu schaffen gemacht

Ein weiteres Kinderfoto von mir – wie üblich mit kräftigem Rotstich

Kuckuckskind – Erlebnisbericht – 16. JanuarLiane R. Anderson – Ich befinde mich irgendwie in einem Schockzustand. Die letzten paar Tage sind wie ihm Nebel an mir vorüber gezogen. Immer wieder erhoffe ich mir, jetzt aufzuwachen, damit der Albtraum ein Ende hat. „Er ist nicht dein Vater.“ Das waren Mamas Worte. Für mich ist es ein Gefühl, als wenn man mir ein lang ersehntes Geschenk nach dem Auspacken einfach sofort wieder weggenommen hätte. Ja so nach dem Motto, was willst denn du mit dem Geschenk anfangen? Du brauchst es doch sowieso nicht mehr.

Ich kann kaum noch einen klaren Gedanken fassen und meine Glieder sind schwer wie Blei. Jedoch mein inneres Gespür, dass Christian mein Vater ist, lässt mich nicht los. Es hat sich so echt angefühlt, als ich mit ihm telefonierte. Ich habe den Eindruck, ein Teil von mir ist gestorben. Stundenlang schaue ich alte Fotos von meinem gesetzlichen Vater mit der Lupe an, in der Hoffnung, auf keine Ähnlichkeiten zu stoßen. Dann vergleiche ich immer wieder Christians Gesicht mit meinem. Ich zoome jede einzelne Region von seinem Gesicht ganz nah heran und erforsche sein Aussehen.

Insgeheim habe ich so arg gehofft, dass sich meine Mutter noch einmal meldet. Leider warte ich schon seit fünf Tagen vergeblich darauf. Mein Traum, dass sie es zugibt und mir die Wahrheit beichtet, nachdem sie sich von dem ersten Schock erholt hat, ist wie eine Seifenblase geplatzt. In Gedanken stelle ich mir vor, dass sie noch einmal in sich geht und mich dann irgendwie versucht zu erreichen. Kann sie denn gar nicht nachempfinden wie es gerade in mir aussieht? Hat sie denn überhaupt kein Gespür dafür, was ich in der momentanen Situation empfinde? Niedergeschlagen verlasse ich mein Haus nur noch, wenn es ganz dringend sein muss. Lustlos nehme ich an den Tanzproben teil und gehe danach sofort nach Hause.

Erfreut stelle ich im Laufe des Tages fest, dass Christian mir heute geschrieben hat. Leider löst das was ich lese eine absolute Enttäuschung und Sprachlosigkeit aus. „Hallo meine Große, Judith hat mir erzählt, dass sie mit dir über mich geschrieben hat. Ich hoffe du bekommst das nicht in falschen Hals. Sie war sehr klug für ihr Alter und ich mochte sie gerne, dass war alles. Klar? Melde dich bitte mal wieder ich habe kein Verständnis, dass du es nicht tust.“

Ich glaube es ja wohl nicht! Da habe ich im Moment echt andere Probleme! Was interessiert mich in meiner jetzigen Lage sein Verhältnis zu seiner Freundin? Was soll denn der Satz: „ …das war alles. Klar?“ Vor allen Dingen, die Äußerung das er kein Verständnis hätte, dass ich mich nicht melde. Wie kann er so rau mit mir umgehen? Da darf ich ihn erst nach so vielen Jahren kennen lernen und dann schreibt er so plump und fordernd. Ihm fehlt absolut das Fingerspitzengefühl für das zarte Band, welches sich zwischen uns beiden seit gerade mal zehn Tagen gesponnen hat.

Dabei bemerke ich eine Nachricht von Judith. Sie schreibt: „Um alles aus der Welt zu räumen. Ich kenne Christian sehr lange, er hat mich nie angefasst“.

Hä? Interessant, aber will ich das jetzt unbedingt wissen? Vor allem was heißt hier, um alles aus der Welt zu räumen?

Sie erzählt mir weiterhin höflich von ihrem Leben und bittet mich nachsichtiger zu sein, weil Christian eben ein Künstler ist.

Ich habe keine Kraft mehr. Ich halte das alles nicht mehr aus. Es geht nicht mehr. Was soll ich denn noch alles ertragen? Kann man mich denn nicht einfach liebevoll und höflich behandeln? Vielleicht ist er ja wirklich nicht mein Vater?

Tränenüberströmt und resigniert schreibe ich ihm zurück: „Ich habe mit meiner Mutter gesprochen. Sie war nicht mir dir intim und allein durch Pollenflug kann man bekanntlich nicht schwanger werden. Melde dich niemals wieder“.

So mir reicht es jetzt. Er hat sich ja von Anfang an ziemlich merkwürdig benommen. Es war schon komisch das er mich fünf Tage nachdem wir uns kennen gelernt haben fragte, ob ich von seinen Töchtern aufgehetzt worden sei. Es ist doch nicht normal, wenn jemand mit einem gesunden Menschenverstand und einem Hauch von Mitgefühl seiner neu gewonnenen Tochter so etwas unterstellt. Insgeheim war es aber trotzdem sehr schön, mit ihm sprechen zu dürfen. Immer noch werde ich das Gefühl nicht los, dass uns ein unsichtbares Band verbindet.

Am liebsten würde ich mich jetzt unter einer Decke verkriechen und niemals mehr heraus kommen.

Ach du meine Güte, was habe ich denn nur getan? Wie konnte ich ihm denn so eine dermaßen aggressive Nachricht schreiben? Was mache ich denn jetzt, wenn er sich von nun an wirklich niemals mehr meldet?

Fast erleichtert sehe ich einige Stunden später, dass mir Christian zurück geschrieben hat: „Moment, ich weis nicht warum sich deine Mama so dagegen sträubt, dass du nicht wissen sollst, dass ich dein Vater bin. Alles, wie ich es dir erzählt habe, stimmt. Ich suche jetzt die Briefe von ihr in denen sie auch geschrieben hat, das du meine Tochter bist. Und warum sollte ich ausgerechnet mit dem Zirkus zu euch fahren? Dein Schlusswort hättest du auch anders wählen können. Glaub mir, seit 45 Jahren lässt deine Mama mich in dem Glauben, dass du meine Tochter bist. Trauriger Gruß Christian.“

Oje, ich habe ein total schlechtes Gewissen. Er hat schon Recht, ich hätte höflicher reagieren müssen. Er tut mir jetzt total Leid. Aber mir ist eben die letzten paar Tage auch alles über den Kopf gewachsen. Es ist am besten, wenn ich ihn sofort anrufe. Oh nein, bei ihm ist schon wieder besetzt. Dachte eigentlich, dass nur Frauen so oft telefonieren.

Ja, aber was er schreibt ist ein kleiner Hoffnungsschimmer. Die Briefe wären doch ein Beweis. Hoffentlich findet er sie. Ich würde zu meiner Mutter fahren und ihr zeigen was sie geschrieben hat. Dann müsste sie es zugeben. Aber, wenn ich so darüber nachdenke, kann es ja auch sein, dass es meine Mutter wirklich nicht so genau wusste, wer mein Vater ist. Vielleicht hatte sie es nur so zu Christian gesagt, in der Hoffnung, dass er sie mit zu sich nimmt. Im Prinzip kann nur eine Mutter die Wahrheit ganz genau wissen. Ein Mann hat nur die Möglichkeit sich auf die Aussage von der Frau zu verlassen, oder bei Zweifeln einen Vaterschaftstest machen zu lassen. Schon krass welch eine Macht eine Mutter über ihr Kind und auch über den Partner haben kann. Wenn es niemand hinterfragt, kann sich eine Frau im extremsten Fall den Vater aussuchen. Sind echt ziemlich furchterregende Gedanken, die mich zurzeit belasten. Ich erschrecke vor mir selbst, was mir so alles durch den Kopf geht.

Meine aller größte Angst ist, dass sie Christian etwas vorgespielt hat und er wirklich nicht mein Vater ist. Was passiert denn jetzt, wenn sie die Wahrheit gesagt hat? Da sind sie wieder, diese unerträglichen Magenschmerzen. Tränenüberströmt lege ich mich auf die Couch und kann nicht mehr aufhören zu grübeln. Obwohl, warum verspüre ich denn dann so eine starke Sehnsucht nach Christian? Dieser Wunsch nach seiner Nähe. Mein Gott, bin ich vielleicht doch nicht normal? Langsam bekomme ich schon ein schlechtes Gewissen. Habe ich denn immer noch das kindliche Bedürfnis, nach einem fürsorglichen Vater? Ist das der Grund, warum ich nur noch an ihn denken muss?

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Kuckuckskind Liane R. Anderson

Bin ich ein Kuckuckskind? von Liane R. Anderson

Fortsetzung Bis ins tiefste innere Mark getroffen – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 12

Voriger Teil: Der bildet sich nur ein, dein Vater zu sein – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 10

Eine Auflistung aller Teile findest Du hier.

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Über Liane R. Anderson

Bin ich mit 44 Jahren noch einmal Tochter geworden? Ich wurde im Oktober 1967 geboren, bin verheiratet und habe zwei tolle Kinder. Mein gesetzlicher Vater war Alkoholiker und sehr gewalttätig. Schon früh übernahm ich die Verantwortung für meine Mutter und meinen Bruder und organisierte mit nur 13 Jahren, unsere Flucht aus dieser Hölle. Mit viel Ehrgeiz und Kampfgeist erschaffte ich mir ein schöneres Leben. Bis ein einziger Satz mir den Boden unter den Füßen wegriss und meine komplette Identität in Frage stellte.
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