Der bildet sich nur ein, dein Vater zu sein – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 10 – Liane R. Anderson


Ich habe noch einiges vor mir und so recht wohl ist mir nicht dabei

Mein Weg ins Ungewisse und ein Gewitter zieht auf.

Kuckuckskind – Erlebnisbericht – 11. JanuarLiane R. Anderson – Als ich an diesem Vormittag vom Einkaufen heimkomme, entdecke ich auf dem Display des Telefones, dass Christian angerufen hat. Ein richtiges Glücksgefühl breitet sich in mir aus und mein Herz fängt an zu rasen. Schnell stelle ich die eingekauften Joghurtbecher in den Kühlschrank und versuche sogleich zurückzurufen. Schade es ist besetzt, denke ich mir traurig. Seit Tagen schaue ich mir immer wieder seine Bilder an und versuche Ähnlichkeiten zwischen ihm und mir zu erforschen. Dabei liegt mir der bevorstehende Anruf bei meiner Mutter, schwer wie ein Stein im Magen. Jeden Tag schiebe ich es ängstlich vor mir her.

Noch vor dem Mittagessen bemerke ich, dass mir Christian eine Mail geschrieben hat. Erwartungsvoll und mit einer riesigen Freude im Herzen öffne ich seine Nachricht. Er schreibt: „Hast Du was? Ich habe keine Ahnung was passiert ist, versuch Dich zu erreichen und Du hebst nicht ab. Kaum lernen wir uns kennen ist es schon wieder vorbei. Hat Dich jemand gegen mich aufgehetzt“?

Ich bin total überrascht. Einerseits finde ich es schön, wenn er an mich denkt und mich nicht mehr verlieren möchte, aber andererseits fühle ich mich gerade total bedrängt. Ich habe ihm doch erzählt, dass ich momentan wegen der Probetermine viel Unterwegs bin. Außerdem versuchte ich ihn doch telefonisch zu erreichen und es war jedes Mal bei ihm besetzt. Er hat Angst, mich wieder zu verlieren. Ein warmes Gefühl umgibt mich. Oje der Arme, wenn der wüsste, wie froh ich bin, dass es ihn gibt. Was hat er eigentlich mit aufgehetzt gemeint? Ich habe doch noch mit niemanden über ihn gesprochen. Nur mit meinem Mann, meinen Kindern, Tante Christina und Onkel Martin. Es weiß doch sonst noch niemand, dass ich ihn kennen gelernt habe. Ich muss ihn beruhigen, denn ich kann so gut nachempfinden, wie er sich jetzt fühlt, weil er auf eine Nachricht von mir wartet. Sofort schreibe ich ihm eine ganz liebevolle Nachricht zurück. Ich kläre ihn auf, dass Momentan mein Terminkalender ziemlich voll ist und er sich keine Sorgen machen muss. Nachher versuche ich ihn noch mal telefonisch zu erreichen, denke ich mir tröstend. Dabei fällt mir eine neue Nachricht auf. Christians Freundin Judith hat mir soeben geschrieben. Behutsam bittet sie mich darum, dass ich mich bei Christian melden soll. Er wäre sich nicht sicher, ob mir seine Kids einen Floh ins Ohr gesetzt hätten. Vorsichtig versucht sie mir dann, ihre langjährige Freundschaft mit ihm zu erklären. Sie stellt ihn mir als einen liebenswerten Exot vor, der aber trotz seinem Alter immer noch sehr ungeduldig ist.

Irgendwie bin ich jetzt total überrumpelt. Langsam wächst mir die ganze Sache über den Kopf. Was soll das denn jetzt? Warum sollen seine Kinder plötzlich mit im Spiel sein. Ich kenne sie doch gar nicht. Wieso schaltet er denn auch noch seine Freundin mit ein?

Ziemlich überfordert, schreibe ich Judith eine Nachricht zurück. Ich informiere sie darüber, dass ich mich bei Christian schon gemeldet habe. Zusätzlich schreibe ich ihr: „Ich bin ziemlich beschäftigt. Außerdem geht mir das alles zu schnell. Für mich sind immer noch sehr viele Fragen offen. 44 Jahre sind eine lange Zeit. Was ich bis jetzt über Christian erfahren habe, ist komplett anders, als mein Lebensstil. Ich freue mich aber für ihn, dass du dich für ihn einsetzt.“

So und bei all diesen Geschehnissen habe ich das schlimmste noch vor mir. Meine Mutter. Sie hat von der ganzen Aktion noch nichts mitbekommen. Mir bleibt nichts anderes übrig, ich muss sie unbedingt anrufen, denn ich will Gewissheit. Immer wieder stelle ich mir im Geiste vor, wie ich es ihr sage. Am besten wäre der direkte offene Weg. Ohne lang herum zu reden. Oje ich darf gar nicht dran denken, was sie alles durchgemacht hat. Gott sei Dank hat sie den Krebs vor zehn Jahren besiegt. Es sah damals wirklich nicht so gut aus. Die Überlebenschancen waren sehr gering. Sie ist echt auch durch die Hölle gegangen. Wenn sie nach unserer Flucht nicht mehrere Arbeitsstellen angenommen hätte, wären wir fast verhungert. Aber das nützt mir jetzt alles nichts. Das ist ja schon sehr lange vorbei. Nein, ich muss sie anrufen. Einmal in meinem Leben muss ich an mich denken. Ich werde ganz vorsichtig sein, aber ich will wissen, warum sie es mir niemals gesagt hatte. Ich möchte sie nicht verletzen, wirklich nicht, aber ich habe ein Recht darauf, meine Wurzeln kennen zu lernen. Es zerreist mir fast das Herz, dennoch ich muss sie jetzt in die Verantwortung nehmen. Es fällt mir unglaublich schwer, weil ich sie mein ganzes Leben lang nur beschützen wollte.

Schwer atmend setze ich mich auf die Couch und wähle ihre Nummer. Meine Hände zittern. Nachdem sie sich meldet, beginne ich ohne zu zögern oder um den heißen Brei herum zu reden, mit brüchiger Stimme zu sprechen: „Hallo, du ich weiß jetzt das Christian mein Vater ist.“ „Das hätte er wohl gerne“, ruft sie laut und schrill. „Aber er hat es mir doch erzählt“. „Ich habe schon ein paar Mal mit ihm telefoniert“, versuche ich sie fassungslos zu überzeugen. „Das ist nicht wahr, er redet sich das nur ein“, entgegnet meine Mama. „Ihr habt doch jahrelang über eure Tochter geschrieben und er wollte doch auch immer Fotos von mir“, bemerke ich verzweifelt. „Quatsch, lass dir doch nichts einreden Liane. Der bildet sich das nur ein, dein Vater zu sein. Es hat mir geschmeichelt, dass du ihm als kleines Mädchen so gefallen hast. Zwischen uns war nie etwas“, behauptet sie ziemlich aufgebracht. „Waaaas?“ schreie ich förmlich. „Ja, vergiss ihn. Er tut dir nicht gut, glaube mir Liane“. Sie atmet ganz schnell und schwer, man kann es richtig hören, dass sie sehr aufgewühlt ist. „Dem ist nur langweilig. Was hast du denn davon? Ich will von der Vergangenheit nichts mehr wissen und lasse mein Leben jetzt nicht mehr kaputt machen“, gibt sie mir aufgeregt zu verstehen. Dann beenden wir dieses Telefonat.

Schock

Ich kann es nicht glauben. Das kann jetzt doch nicht wahr sein. Eine unsagbare Leere ist in mir. Kann mich mein Gefühl so getäuscht haben? Warum ist in mir so ein starker Drang, ihm nahe zu sein? Woher kommt denn dann diese Sehnsucht nach ihm? Bin ich wirklich zu sensibel?

Wie ihm Trance laufe ich die Treppenstufen nach unten zu meiner Tochter. Plötzlich knicken mir die Knie ein. Kraftlos sacke ich in mich zusammen. Ein schrecklicher Weinkrampf durchschüttelt meinen ganzen Körper. Schnell eilt mein Mann mir zu Hilfe und nimmt mich fest in den Arm. Es dauert sehr lange, bis ich mich einigermaßen beruhigt habe. Vollkommen verzweifelt weiß ich mittlerweile nicht mehr, wem ich glauben soll. Kann es sein, das Christian mich angelogen hat? Ein bisschen oberflächlich war er am Anfang ja schon zu mir. Nein, das hat er nicht. Da bin ich mir ganz sicher. So ein Vatergefühl kann man sich doch nicht einbilden. Oder doch?

Ich bin furchtbar niedergeschmettert und am Boden zerstört. Wer sagt denn jetzt die Wahrheit? Alles schien mir so klar, so deutlich und logisch und plötzlich soll alles nur erfunden sein?

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Kuckuckskind Liane R. Anderson

Bin ich ein Kuckuckskind? von Liane R. Anderson

Fortsetzung: Hoffentlich ist der Albtraum bald vorbei – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 11

Voriger Teil: Mein Bruder ist nun mein Halbbruder – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 9

Eine Auflistung aller Teile findest Du hier.

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Über Liane R. Anderson

Bin ich mit 44 Jahren noch einmal Tochter geworden? Ich wurde im Oktober 1967 geboren, bin verheiratet und habe zwei tolle Kinder. Mein gesetzlicher Vater war Alkoholiker und sehr gewalttätig. Schon früh übernahm ich die Verantwortung für meine Mutter und meinen Bruder und organisierte mit nur 13 Jahren, unsere Flucht aus dieser Hölle. Mit viel Ehrgeiz und Kampfgeist erschaffte ich mir ein schöneres Leben. Bis ein einziger Satz mir den Boden unter den Füßen wegriss und meine komplette Identität in Frage stellte.
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3 Antworten zu Der bildet sich nur ein, dein Vater zu sein – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 10 – Liane R. Anderson

  1. Norbert Potthoff schreibt:

    Inzwischen verstehe ich diese Frauen etwas besser, auch wenn ich es nicht gut heißen kann. Sie haben sich in einer Lüge über Jahrzehnte einzementiert, sich selbst einen undurchdringlichen Schutzwall gebaut, aus dem sie sich jetzt nicht mehr befreien können.
    Was bleibt ist ein Horrorszenario auf beiden Seiten.
    Für den Vater ist es da etwas einfacher. Er musste ja nicht Tag für Tag, Jahr für Jahr der Lebenslüge ins Auge schauen. Da fällt es leichter, die Wahrheit zu sagen. Aber da gibt es auch die Fälle wie bei Marta, wo andere Faktoren ins Spiel gekommen sind, wo mein ein eigenes „Verbrechen“ vielleicht verheimlichen muss.

  2. Marta Pandora schreibt:

    Hut ab, dass du deine Mutter nicht so hart angegriffen hast, sicherlich hast du eine andere Antwort von ihr erwartet. Leider, leider schweigen diese Mütter oder lügen weiter, so wie auch in deinem Fall. Für mich ist es unverständlich, diese Reaktion, jetzt hätte sie die Gelegenheit, zumindest, etwas wieder gut zu machen! Die Schuld wird bei den Anderen gesucht und der Spruch „ich will von der Vergangenheit nichts mehr wissen“ scheint ein Standardspruch bei den Kuckucksmüttern zu sein. Das es um deine Wurzeln, deine Identität geht, steht nicht zur Debatte! Sie sehen sich nur sich, purer Egoismus, sorry!! Wie kann ich meinem Kind ins Gesicht schauen mit einer derartigen Lebenslüge! Ich schätze dich so ein, du hättest ihr verziehen.

    • Liane Scholl schreibt:

      Liebe Marta,
      ja ich hätte mir von meiner Mutter gewünscht, dass sie nach so vielen Jahren endlich den Mut aufbringt, offen mit mir darüber zu sprechen. Sie hat nach all den Jahren, die Wahrheit verdrängt und sich mit Sicherheit niemals Gedanken darüber gemacht, wie wichtig es für einen Menschen ist, seine eigenen Wurzeln zu kennen.

      Lieber Norbert,

      du hast diese Situation so wunderschön ausgedrückt. Meine Mama hat sich in einer Lüge über Jahrzehnte einzementiert und sich selbst einen undurchdringlichen Schutzwall aufgebaut.
      Natürlich ist es für den Vater einfacher gewesen. Du hast vollkommen Recht, er musste mir nicht in die Augen schauen und täglich erkennen wie deutlich einige seiner Gene sich in mir widerspiegelten. Somit musste er auch niemals Verantwortung für sein Kind übernehmen.
      Durch die räumliche Entfernung war es mit Sicherheit für ihn einfacher die Wahrheit zu verdrängen und mich zu vergessen.

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