Mein Bruder ist nun mein Halbbruder – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 9 – LianeR. Anderson


altes Kinderfoto von Liane Scholl

Das bin ich mit einem Blumenstrauß, irgendwie sehe ich auf all meinen Kinderfotos so traurig aus.

Kuckuckskind – Erlebnisbericht – 08. JanuarLiane R. Anderson – Mir geht es immer schlechter. Seit Tagen habe ich fast nichts mehr gegessen. Als ich auf meiner Waage stehe, stelle ich erschrocken fest, dass ich fast vier Kilo abgenommen habe. Immer wieder fange ich zu weinen an. Ich bin total durcheinander. Meine Gedanken drehen sich nur noch im Kreis. Geschwächt lege ich mich schon am Morgen kurz nach dem Aufstehen wieder auf die Couch. Diese Schmerzen in meinem Magen sind immer noch da. In meiner Brust ist ein fast unerträglicher Druck. So ein Gefühl, als wenn mir jemand einen Gürtel umgeschnallt hätte und dann ganz fest daran ziehen würde.

Gestern hat Christian zweimal angerufen, aber komischerweise legte er jedes Mal wenn Andreas das Telefon abnahm wieder auf. Ob er sich nicht getraut hat mit meinem Mann zu sprechen? Obwohl, es kann ja auch sein, dass gerade jemand an seiner Tür geklingelt hat. Vielleicht musste er deswegen sofort wieder den Anruf beenden. Nachdem er zum wiederholten Male aufgelegt hatte, versuchte ich ihn sofort zurückzurufen. Leider war es dann bei ihm besetzt. Schade das gestern meine Tanzprobe so lange gedauert hat, sonst hätte ich es am späten Abend noch einmal probiert ihn zu erreichen. In Facebook hat er mir ein schönes Wochenende gewünscht. Oh, wie süß von ihm. Es hat mich wirklich sehr gefreut und ich fand es total lieb.

Heute beginne ich in alten Fotoalben zu stöbern. Ich suche nach Kinderfotos von mir. Egal welches Bild ich mir ansehe, überall bin ich mit einem ganz traurigen Gesichtsausdruck zu erkennen. Damals gab es für mich keine Glücksmomente. Ich fühlte mich in meiner Familie nicht willkommen. Mir fehlte Geborgenheit, Schutz und Wärme, ja eben alles das was ein kleines Kind braucht. Wie sah denn mein geglaubter Vater noch einmal aus? Angespannt durchforste ich die alten Alben in der Hoffnung, ein Bild von dem Mann, zu dem ich als Kind Papa gesagt habe, zu finden. Unglaublich schlimme und längst verdrängte, einsame Kindheitserinnerungen kommen in mir hoch. Irgendwie tut er mir jetzt trotzdem ein bisschen leid. Er wird es niemals mehr erfahren, dass ich nicht seine Tochter gewesen bin. Kurz vor meinem achtzehnten Geburtstag war er verstorben. Ich entdecke ein Bild von mir und meinem Bruder. Total süß haben wir Beide da ausgesehen. Ich war so ungefähr sechs und mein Bruder acht Jahre alt, als dieses Foto aufgenommen wurde.

Stopp!! Halt!!

Plötzlich kommt mir ein schockierender Gedanke. Ist er jetzt mein Halbbruder? Wieder bekomme ich einen Weinkrampf. Da habe ich doch nur einen Bruder und der soll jetzt nur noch mein Halbbruder sein? Unglücklich teile ich meinem Mann diese traurige Erkenntnis mit. Er versucht mich zu trösten. Danach schaue ich mir das alte Bildchen noch sehr lange an. Ob er mit mir überhaupt noch Kontakt haben will, wenn er erfährt was mir passiert ist?

Eigentlich sollte ich meine Mutter anrufen und sie damit konfrontieren, dass ich jetzt herausgefunden habe, dass Christian mein Vater ist. Aber ich schaffe es nicht. Bei dem Gedanken überfällt mich eine panische Angst. Wie wird sie reagieren? Was wird sie antworten?

Ich möchte viel lieber mit Christian reden, den Menschen, den ich mein ganzes Leben lang entbehren musste. Ich gehe noch einmal an den PC und schaue sein Foto an, das er mir vorgestern geschickt hat. Das Bild hat er extra für mich gemacht. Schönes Gefühl! Er freut sich gewiss, wenn ich jetzt anrufe. Er ist bestimmt schon aufgestanden. Noch während ich darüber nachdenke, klingelt unser Telefon und er ist dran. Mein Herz rast vor Freude.

Er erzählt mir mit seiner angenehmen Stimme wieder von seinen vielen interessanten Erlebnissen. Es ist echt spannend. Dabei erfahre ich auch, dass er noch drei weitere Töchter hat. „Aber keine Sorge, die sind alle von einer Mama“, fügt er schmunzelnd hinzu. „Toll, dann kann ich sie ja vielleicht auch bald kennen lernen!“, rufe ich erfreut. „Wie sehen sie denn aus? Vielleicht sind wir uns ja ähnlich?“. Er erklärt mir dann, dass der Kontakt zu ihnen leider nicht so gut sei. Dann fängt er an zu scherzen und meint: „Vielleicht habe ich ja noch irgendwo Kinder, von denen ich bloß nichts weiß.“ Dieser Satz versetzt mir einen schmerzhaften Stich in meinem Herzen. Schnell versuche ich den aufkeimenden Gedanken, dass mein neuer Vater oberflächlich ist, zu verdrängen.

Auf die Frage, warum er denn gestern aufgelegt hätte, nachdem mein Mann am Telefon war, beginnt er zu lachen. „Du hast aber einen komischen Dialekt. Man hört aus welcher Gegend du kommst“, versucht er zur Ablenkung zu antworten. „Du lenkst jetzt aber ab“, bohre ich lachend nach. Wie gemein, denke ich enttäuscht, jetzt macht er sich über meinen Dialekt lustig. Er räuspert sich. „Warte bitte einen Moment ich muss etwas trinken. Manchmal kann ich einfach nicht mehr sprechen. Das ist mir schon mein ganzes Leben so gegangen. Ich weiß nicht was das ist.“ Ich bin sehr besorgt um ihn und versuche ihn liebevoll zu beruhigen. Als es ihm wieder besser geht, wage ich ihm ganz vorsichtig und traurig mitzuteilen, dass er mir sehr weh damit tut, wenn er sich über meinen Dialekt lustig macht. „Meine Güte du bist aber empfindlich“, brummt Christian zurück. „Sei doch mal ein bisschen locker. Ich habe gedacht du hast Humor.“ „Ja das habe ich auch, aber du verletzt mich damit, wenn du so etwas zu mir sagst. Da getraue ich mich gar nicht mehr, weiter zu sprechen. Ich kann doch nichts dafür, dass ich in diese Region hineingeboren bin“, versuche ich mich zu rechtfertigen. Tränen laufen mir dabei über mein Gesicht. „Es tut mir wirklich leid Liane, ich wollte dich nicht verletzen.“ Unser restliches Telefonat läuft noch sehr harmonisch ab, bevor wir es beenden.

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Kuckuckskind Liane R. Anderson

Bin ich ein Kuckuckskind? von Liane R. Anderson

Fortsetzung: Der bildet sich nur ein, dein Vater zu sein – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 10

Voriger Teil: Ich durfte mein Leben nicht mit meinem Vater verbringen – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 8

Eine Auflistung aller Teile findest Du hier.

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Über Liane R. Anderson

Bin ich mit 44 Jahren noch einmal Tochter geworden? Ich wurde im Oktober 1967 geboren, bin verheiratet und habe zwei tolle Kinder. Mein gesetzlicher Vater war Alkoholiker und sehr gewalttätig. Schon früh übernahm ich die Verantwortung für meine Mutter und meinen Bruder und organisierte mit nur 13 Jahren, unsere Flucht aus dieser Hölle. Mit viel Ehrgeiz und Kampfgeist erschaffte ich mir ein schöneres Leben. Bis ein einziger Satz mir den Boden unter den Füßen wegriss und meine komplette Identität in Frage stellte.
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