Ich durfte mein Leben nicht mit meinem Vater verbringen – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 8 – Liane R. Anderson


Krippe mit Jesuskind, den heiligen drei Königen und Maria und Josef

44 Jahre wurden mir gestohlen

Kuckuckskind – Erlebnisbericht – 06. JanuarLiane R. Anderson – Eigentlich sollte ich mich jetzt freuen. Ein Kindheitstraum ist wahr geworden. Mir ist klar, dass sich etwas ganz Ungewöhnliches ereignet hat. Ich fühle mich ganz stark zu Christian hingezogen.

Was soll ich denn jetzt tun?

Ich stehe irgendwie unter Schock und fühle mich innerlich total zerrissen. Was mir da gestern passiert ist, kann ich kaum verkraften. In meiner Seele spüre ich einen so dermaßen tiefen und unerträglichen Schmerz, dass es kaum auszuhalten ist. Mir wurde mein Vater vorenthalten. Mir wurden 44 Jahre von ihm gestohlen. Ich durfte mein Leben nicht mit ihm gemeinsam verbringen.

Der Wunsch ihn zu sehen, ihm nahe zu sein und ihn zu berühren wird immer stärker. Niemals mehr kann man die verlorenen Jahre zurückholen. Alle paar Minuten breche ich in Tränen aus.

Trotz der unbändigen Freude, über meinen neuen Vater, ja trotz dieses einmaligen Wunders, liegen zentnerschwer seine ersten gesagten Worte auf meiner Seele. Ich habe mit allem gerechnet, aber nicht damit, dass er mich gleich am Anfang fragt, ob wir zusammen zu Britt gehen wollen.

Dann entdecke ich, dass mir Christian eine Nachricht gesendet hat. Er schreibt: „Ich bedanke mich für Deine schönen Zeilen und freue mich sehr, dass Du eigentlich nicht sauer auf mich bist. Obwohl Deine Mama musst auch irgendwie verstehen, es war bestimmt nicht einfach diese Situation. Und es kann, was ich eher nicht glaube, auch sein, dass sie es wirklich nicht genau wusste. Übrigens mir ist eingefallen, ich wusste von der Schwangerschaft, ungefähr drei Monate später. Da habe ich sie besucht und da hat sie es mir erzählt. Schicke Dir ein Portrait, das wir gerade aufgenommen haben. Freue mich auf unser Telefongespräch heute Abend.“

Plötzlich schaue ich in zwei blaue Augen und mir gefriert fast das Blut in den Adern. Ich erkenne mich selbst. Mein Herz fängt an zu rasen.

Auf diesem Bild, das er mir soeben gesendet hat, kommt mir sofort sein Blick bekannt vor. Ich kann es nicht beschreiben warum das so ist, aber für einen winzigen Augenblick habe ich das Gefühl, als wenn ich diese Augen schon immer kennen würde.

Meine Lieblingstante Christina* und mein Onkel Martin* kommen heute Nachmittag zu Besuch. Soll ich es ihnen sagen? Soll ich meiner Mutter das antun, dass ihre Schwester von dem Seitensprung erfährt? „Du musst an dich denken“, tröstet mich Andreas. „Vielleicht geht es dir dann besser, wenn du es einmal jemand anderem erzählst?“

Ziemlich erschöpft und mit bebender Stimme beginne ich unseren Gästen während dem Kaffee trinken, über das, was sich bei uns zugetragen hat, zu berichten. Erstaunt und zunächst sprachlos nehme ich die Reaktion meiner Tante und meines Onkels zur Kenntnis. Sie sind beide erst einmal fassungslos. Christina fängt sogar an zu weinen. Gemeinsam schauen wir uns sein Foto an, das er mir heute gesendet hat. „Er hat deinen Blick“, ist ihre spontane Reaktion.

Während Christian an diesem Abend mit mir telefoniert, ist es wieder da, dieses Glücksgefühl in mir. Ich fühle mich so dermaßen stark zu ihm hingezogen, dass ich fast verrückt werde vor Sehnsucht. Jedes einzelne Wort von ihm sauge ich wie ein Schwamm in mir auf. Es ist so schön, seine Stimme zu hören. Die Stimme meines Vater, auf die ich mein ganzes Leben lang verzichten musste. Er hat einen österreichischen Akzent, wie der verstorbene Showmaster Peter Alexander. Ich stelle ihm auch die Frage, warum er mir nicht gleich in Facebook geantwortet hat, ob er denn auch ein bisschen Angst gehabt hätte. „Nein, überhaupt nicht, ich habe nicht gedacht, dass du es bist. Mir ist nur der Vorname aufgefallen, weil dieser so selten ist. Leider bin ich ausgerechnet da nicht gleich am nächsten Tag in facebook gewesen“, versucht er mir zu erklären. Kurz darauf fängt Christian wieder mit dem Fernsehen an. „Komm lass uns zusammen zu Britt gehen. Mit meiner Freundin war ich auch schon in einer Talk Show. Stell dir vor, man bekommt dort sogar 300 Euro pro Person, wenn man seine Geschichte erzählt.“ Über den weiteren Inhalt seiner Erzählungen bin ich auch sehr verdutzt. Er prahlt mit unzähligen Frauengeschichten. Nicht dass ich konservativ bin, aber wenn ich ehrlich sein soll, ist das das Letzte was ich nach so vielen Jahren von ihm hören will. Bestimmt ist er nur sehr aufgeregt, weil er mir so etwas erzählt, versuche ich mir einzureden.

Noch am gleichen Abend nimmt eine Freundin von ihm, ihr Name ist Judith*, mit mir über Facebook Kontakt auf. Sie schreibt mir, dass sie Christian seit 36 Jahren kennt und sie sich mit ihm riesig freut, dass er in seinem Alter noch einmal Vater geworden ist.

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Kuckuckskind Liane R. Anderson

Bin ich ein Kuckuckskind? von Liane R. Anderson

Fortsetzung Mein Bruder ist nun mein Halbbruder – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 9

Voriger Teil: Ich habe deiner Mutter versprochen, zu schweigen – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 7

Eine Auflistung aller Teile findest Du hier.

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Über Liane R. Anderson

Bin ich mit 44 Jahren noch einmal Tochter geworden? Ich wurde im Oktober 1967 geboren, bin verheiratet und habe zwei tolle Kinder. Mein gesetzlicher Vater war Alkoholiker und sehr gewalttätig. Schon früh übernahm ich die Verantwortung für meine Mutter und meinen Bruder und organisierte mit nur 13 Jahren, unsere Flucht aus dieser Hölle. Mit viel Ehrgeiz und Kampfgeist erschaffte ich mir ein schöneres Leben. Bis ein einziger Satz mir den Boden unter den Füßen wegriss und meine komplette Identität in Frage stellte.
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7 Antworten zu Ich durfte mein Leben nicht mit meinem Vater verbringen – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 8 – Liane R. Anderson

  1. Marta Pandora schreibt:

    Liebe Liane
    ich möchte Dir noch etwas mitteilen
    Die Sehnsucht die ein Kuckuckskind begleitet, die andere Seite, seine Wurzeln zu kennen ist so groß, dass man teilweise nicht mehr seinen Alltag geregelt bekommt, Du hast es auch wunderschön beschrieben. Das Verständnis das für uns aufgebracht wird, ist leider nicht das erhoffte, damit müssen wir leben. Es ist wie es ist.
    Ich musste bislang auf der Suche nach meiner Identität so viele Hürden überwinden, es war bestimmt kein leichter Gang! So wurde z. B. mit einem Fakeprofil bei FB über mich hergezogen, ich wurde als dumm bezeichnet, Bilder – T-Shirt mit „heul doch“ drauf, „Scheibenweise Wahrheit, you are so stupid… und so weiter wurden gepostet. Ein Gespräch mit der Journalistin aus F. (die mit mir den Flilm bei 37 Grad machte) hat angeblich statt gefunden, und es sei sehr konstruktiv gewesen… Berichte und Kommentare aus der Gruppe Solidarität für Kuckuckskinder und Kuckucksväter von mir wurden auf diesem Fakeprofil kommentiert und ins Lächerliche gezogen.
    Mein Sohn wurde angeschrieben, man hat versucht mich bei meinem Kind schlecht zu machen.
    Verwandte und Ex wurden aufgesucht um Dinge über mich in Erfahrung zu bringen.
    Max wurde gewarnt vor mir, er solle nicht alles glauben, meine Geschichte sei in vielen Dingen nicht wahr und so weiter!
    All diese Postings habe ich kopiert und der Opferhilfe (Staatsanwaltschaft) vor gelegt. Der Mensch der dahinter steckt ist in meinen Augen ein armer bedauernswerter Mensch, deshalb lege ich keinen Wert auf weitere Verfolgung der Tat!
    Ich fragte mich was das soll, die Antwort fand ich schnell, es ist die Unfähigkeit mit der Situation umzugehen und eventuell die Angst das Erbe könnte sich schmälern.
    Wie oft hörte ich “ mein Mann“ ich konnte es nicht mehr hören. Mir war klar dass mein putativ Halbbruder „ihr Mann“ ist. Vereinnahmt hat sie ihn, hat mich mit ihm keine Sekunde allein gelassen um nichts zu verpassen. Zerstört wurde die junge Beziehung zwischen ihm und mir und ich fiel anfangs in ein tiefes Loch, doch ich bin aufgestanden und habe die Realität erkannt, habe mich gelöst von den Hoffnungen und Erwartungen ein wenig dazu zu gehören.
    Mir ist bewusst geworden das ich nur mir vertrauen kann!
    Ich hoffe für Dich, dass Du Deinen Weg gut zu Ende gehst und nicht auf solche Widerstände triffst
    Alles Liebe
    Marta

    • Peter schreibt:

      Warum nimmst du Rücksicht, ich weiß dass die Staatsanwaltschaft so wie so ermittelt

    • Liane Scholl schreibt:

      Liebe Marta,
      ich kann Dir sehr gut nachfühlen, wie schlimm es für Dich war, bei Deinem Vater auf so eine dermaßen kränkende und knallharte Ablehnung zu stoßen. Den Wunsch ihn zu berühren, mit ihm zu sprechen und ihm in die Augen zu schauen, hat er dir verwehrt. Somit wirst du niemals wissen, ob er das gleiche Lachen hat, ob er den gleichen Gang hat, ob ihr die gleichen Vorlieben bei Nahrungsmitteln habt, ob irgendwelche erblichen Krankheitsbilder vorhanden sind und auch ob es gleiche Talente gibt.
      Wie schön muss es doch dann sein, wenn man wenigstens den Halbbruder kennen lernen darf. Dieser Halbbruder wäre der einzige, der ein ganz zartes Band der Verbindung zu Deinen Wurzeln herstellen könnte.
      Sehr Schade wenn dann jemand so etwas wunderschönes zerstört.

      Ich bin in Gedanken bei Dir.
      Glg Liane

      • Marta Pandora schreibt:

        Liebe Liane
        mit meinem Kommentar wollte ich dir mitteilen, wie es gehen kann, es muss nicht immer so sein! Durchaus ist es möglich, dass man als Halbschwester angenommen wird, oder andere „Halbverwandte“ zu einem stehen, ich bin gespannt wie es bei dir weiter geht, ob du auch noch Halbgeschwister- und Verwandte findest, wie sie zu dir stehen.

  2. Christiane schreibt:

    Entschuldigung, ich komme nicht mehr ganz mit. Zirkusdirektor? Versicherungsvertreter?

  3. Marta Pandora schreibt:

    Dann habe ich mit meiner Vermutung dass es Popularität ist nicht so daneben gelegen…oh was für ein Mann, er wollte Dich benutzen um 300 Euro Gage zu kassieren, erbärmlich!

    Zitat#####
    Der Wunsch ihn zu sehen, ihm nahe zu sein und ihn zu berühren wird immer stärker. Niemals mehr kann man die verlorenen Jahre zurückholen. Alle paar Minuten breche ich in Tränen aus.
    Zitat Ende#####
    Wissen Diejenigen denn was sie dir angetan haben?
    Ich kenne diese Sehnsucht und wurde belächelt und ausgeschimpft!!

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