Meine heile Welt ist zusammengebrochen – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 6 – Liane R. Anderson


Antiques Ziffernblatt einer Wanduhr

Manchmal dehnt sich die Zeit bis ins Unerträgliche. Foto: © by dlee

Kuckuckskind – Erlebnisbericht – 04. JanuarLiane R. Anderson – Nach einer schlaflosen Nacht, stürze ich mich aufgeregt an den Computer um nachzuschauen, ob mir Christian schon geantwortet hat. Nichts! Keine Antwort! Keine Reaktion! Er hat meine Nachricht bestimmt noch nicht gelesen, versuche ich mir beruhigend einzureden. Ich fühle mich hundeelend. Seit gestern habe ich nichts mehr gegessen. Nachdem ich von dem Mann, der vielleicht mein leiblicher Vater sein könnte, diese schockierende Nachricht erhalten habe, ist mein Magen wie zugeschnürt. Ich habe so das Gefühl, als wenn die Welt um mich herum stehen geblieben ist. Mama hat mich belogen. Ich habe es geahnt. Meine eigene Mutter hat mir nicht die Wahrheit gesagt. Ich bin tief erschüttert. Sie hat es fertig gebracht mir mein ganzes Leben lang in die Augen zu schauen und dabei dieses erschütternde Geheimnis für sich zu behalten. Es ist unfassbar. Ich platze fast vor Wut. Mein Körper ist wie gelähmt. Bei dem Gedanken, dass mir vielleicht 44 Jahre meine Identität gestohlen wurde, dass mir falsche Wurzeln vorgetäuscht wurden, drehe ich fast durch.

Ich bin unfähig auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Meine Übelkeit wird immer schlimmer. Seit Stunden liege ich auf der Couch und weine. Immer wieder laufe ich zum Computer und hoffe angespannt auf eine Nachricht von Christian. Ich könnte meine Mutter anrufen und sie fragen was das soll. Aber ich bin viel zu durcheinander, viel zu schockiert und enttäuscht, um momentan mit ihr sprechen zu können. Außerdem habe ich auch Angst, dass sie meinen Kontakt zu ihm irgendwie verhindern würde.

Es ist wie im Film. Wie im Kino laufen verschiedene Kindheitsszenen vor meinem inneren Auge ab. Meine Kindheit war grausam, menschenunwürdig und furchtbar. Mein bis dahin geglaubter Vater war alkoholabhängig und sehr brutal. Wir waren hundselendig arm und kämpften ums nackte Überleben. Schon immer belastete mich der Gedanke, die Gene von diesem Säufer in mir zu tragen. Nie konnte ich mich wirklich mit ihm identifizieren.

Ich war ein eingeschüchtertes, trauriges, unglückliches und einsames Mädchen. Nie durfte ich Kind sein. Bis heute schäme ich mich für meinen damaligen Vater. Durch meine Vergangenheit bin ich auch sehr sensibel geworden.

Meine Mutter war immer kränklich und mutlos. Kann man aber auch verstehen, in ihrer damaligen Situation. Schon ziemlich früh musste ich die Rolle eines Erwachsenen übernehmen, was dazu führte, dass ich mit 13 Jahren unsere Flucht aus dieser Hölle organisierte und auch durchführte. Für meine Mutter war ich die beste Freundin. Man könnte auch sagen, ich war ihre Therapeutin. Meine ganze Kindheit widmete ich Mama, nur um sie einmal glücklich zu sehen. Ja, ich trug auch dazu bei, dass sie ihren heutigen Ehemann gefunden hatte. Wie kann es sein, dass meine eigene, leibliche Mutter mir so eine wichtige Sache verschweigt? Gibt es da vielleicht einen wichtigen Grund? Will sie mich vor irgendetwas beschützen?

Meine ganze Familie und ich warten immer noch angespannt auf eine Nachricht. Es kommt keine Antwort. Es geschieht nichts. Das kann doch jetzt wohl nicht wahr sein, da stellt dieser fremde Mann mein Leben innerhalb einer Sekunde total auf den Kopf und dann antwortet er nicht einmal. Ich werde fast verrückt.

Vielleicht möchte er gar keinen näheren Kontakt zu mir? Vielleicht hat er sich mittlerweile auch mit meiner Mutter in Verbindung gesetzt und ihr erzählt, dass ich ihm eine Freundschaftsanfrage gestellt habe?

Vielleicht ist er auch nicht immer regelmäßig im Facebook? Obwohl, wenn ich ganz ehrlich bin, würde ich an seiner Stelle vor Neugier fast platzen. Wenn ich das Gefühl hätte, dass da jemand mit mir Kontakt aufnimmt, der mein Kind sein könnte. Da würde ich auf jeden Fall aufgeregt auf eine Nachricht von dieser Liane warten. Hat Christian denn keinen Funken Gespür dafür, was er mit diesem Satz in mir ausgelöst haben könnte? Selbst wenn man davon ausgeht, dass er nicht meinen Nachnamen kennt und somit nicht vermutet, dass ich seine Tochter bin. Ja selbst dann finde ich es doch sehr befremdlich, jemanden Unbekannten, so eine gravierende familiäre Nachricht zu schreiben. Ganz tief in mir drin, spüre ich eine schmerzhafte Enttäuschung. Warum keimt in mir irgendwie der Verdacht auf, dass von ihm eine gewisse Gleichgültigkeit ausgeht?

Ungeduldig und verzweifelt studiere ich sämtliche Angaben über diesen Gaukler im Internet und an seiner Pinnwand in Facebook. „Wenn er Selbständig ist, dann hat er doch bestimmt auch eine E-Mail Adresse“, bemerkt Kevin der Freund meiner Tochter tröstend. „Eine gute Idee“, erwidere ich erfreut. Voller Hoffnung versuche ich mit dem gleichen Text, am Nachmittag noch einmal auf mich aufmerksam zu machen. Leider reagiert er darauf auch nicht.

Kraftlos und total erschöpft fahre ich an diesem Abend zu meinen Mädels, zur Tanzprobe. Unmöglich kann ich den Termin jetzt absagen, weil in Kürze unser Auftritt bevorsteht. Immer wieder kommen mir die Tränen. Als ich gefragt werde, was mit mir los sei, versuche ich es auf eine Erkältung zu schieben. Mir fehlt der Mut es ihnen zu erzählen. Außerdem schäme ich mich dafür, dass meine heile Welt zusammengebrochen ist. Da ist er wieder, der Beschützerinstinkt meiner Mutter gegenüber. Das Gefühl ihr nicht wehtun zu wollen. Sie nicht verraten zu wollen.

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Kuckuckskind Liane R. Anderson

Bin ich ein Kuckuckskind? von Liane R. Anderson

Fortsetzung morgen Ich habe deiner Mutter versprochen, zu schweigen – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 7

Voriger Teil: Vatersuche auf Facebook – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 5

Eine Auflistung aller Teile findest Du hier.

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Über Liane R. Anderson

Bin ich mit 44 Jahren noch einmal Tochter geworden? Ich wurde im Oktober 1967 geboren, bin verheiratet und habe zwei tolle Kinder. Mein gesetzlicher Vater war Alkoholiker und sehr gewalttätig. Schon früh übernahm ich die Verantwortung für meine Mutter und meinen Bruder und organisierte mit nur 13 Jahren, unsere Flucht aus dieser Hölle. Mit viel Ehrgeiz und Kampfgeist erschaffte ich mir ein schöneres Leben. Bis ein einziger Satz mir den Boden unter den Füßen wegriss und meine komplette Identität in Frage stellte.
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Eine Antwort zu Meine heile Welt ist zusammengebrochen – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 6 – Liane R. Anderson

  1. Marta Pandora schreibt:

    Liebe Liane,
    ich bekomme beim lesen Gänsehaut, Du wolltest Deine Mutter schützen, eigentlich hätte sie Dich schützen müssen und Dir die Wahrheit schon viel früher sagen müssen. Ich merke wie sich Wut in mit breit macht, es gibt keine Entschuldigung für das Verhalten, seinem Kind die Identität zu verheimlichen. Aber sie, die Mütter werden geschützt, oft aus den eigenen Reihen. Deine Zweifel werden belächelt und abgetan.
    Die Unfähigkeit, nach der Kenntnis einen anderen Vater zu haben, sein Leben so weiter zu leben wie bisher, bringt einen fast um, ich kenne es nur zu genau.
    Ich weiß es seit 1995 (nachgesagt wird mir was anderes) und bin immer noch dabei die Vaterschaft feststellen zu lassen, bin auf Menschen getroffen die mich einst in den Arm nahmen und dann fallen ließen, so ist es, aber das hat mich noch stärker gemacht. Auch Du bist stark! Ich werde Dich begleiten 🙂
    Marta

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