Vatersuche auf Facebook – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 5 – Liane R. Anderson


Liane am Computer bei der Internetrecherche nach ihrem möglichen Vater

Auf der Suche in Facebook nach meinem möglichen Vater.

Kuckuckskind – Erlebnisbericht – 03. JanuarLiane R. Anderson – Das Verlangen in mir, diesen Christian kennen zulernen wird immer stärker. Die Gedanken an ihn nehmen mich mittlerweile so gefangen, dass ich nur noch mit großer Mühe meinen Beruf, wichtige Probetermine für einen bevorstehenden Bühnenauftritt und den Haushalt erledigen kann. Es kostet mich eine unheimlich starke Überwindung, die Geschirrspülmaschine auszuräumen. Nachdem ich das erledigt habe, setze ich mich zu meinem Sohn ins Arbeitszimmer und erzähle ihm von meinen Gedanken. Dabei fällt mir der Zettel mit dem vollständigen Namen des Alleinunterhalters, den ich damals am zweiten Weihnachtsfeiertag aufgeschrieben habe, wieder in die Hände. „Vielleicht findest du etwas über ihn im Internet“, rät mir Dominik. „Mit dem Gedanken, Christian im Netz zu suchen spiele ich schon seit Tagen. Aber wenn ich da an Oma (also meine Mutter) denke, bekomme ich ein schlechtes Gewissen“, erkläre ich verzweifelt meinem Sohn. Es braucht einiges an Zuspruch und Überzeugungskraft von Dominik, bis ich mich zaghaft dazu bereit erkläre, es doch zu tun. Es kann im Prinzip gar nichts passieren, rede ich mir beruhigend ein. Es braucht meine Mutter ja nicht zu erfahren. Nein! Das kann doch wirklich kein Vertrauensbruch sein, wenn ich im Internet nach ihm recherchiere. Obwohl, vielleicht rede ich mir das aber auch alles nur ein, dass er mein Vater sein könnte. Ja, vielleicht hängt das alles noch mit meiner Kindheit zusammen, weil ich mich damals so sehr nach einem liebevollen Vater gesehnt habe. Komischerweise hatte ich schon oft eine Vorahnung, dass besondere Situationen auf mich zukommen, die dann für gewöhnlich genau so eintrafen. Meine Mutter bezeichnete mich grundsätzlich als übersensibel. Vielleicht hat sie ja Recht. Vielleicht bin ich wirklich so und reagiere total über? Es war ja nur ein winziger Satz an Weihnachten. Egal jetzt will ich es wissen!

Mit zitternden Händen tippe ich schnell den vollständigen Namen von Christian in die Suchmaschine von Google ein und stelle überrascht fest, dass eine ganze Menge über diesen Menschen im Internet zu lesen ist. Unter anderem ist dieser fremde Christian auch Facebook beigetreten. Eine ganze Weile betrachte ich, mit klopfendem Herzen, fasziniert seine Fotos die dort in verschiedenster Weise zu sehen sind. Er hat schöne, schneeweiße Haare. Einen großen Mund, volle Lippen und ein spitzbübisches Lächeln. Oje und Hosenträger, wie ein Opa, denke ich schmunzelnd. Es ist ein älteres Bild dazwischen, dass ihn so zeigt, wie er im Film ausgesehen hat. Daran erkenne ich ihn dann auch wieder. Ja, es ist der Mann von damals! Genau derjenige, der vor mehr als 24 Jahren mit seinem Zirkus in unserer Stadt gewesen war. Mutig mache ich ihm eine Freundschaftsanfrage.

Danach lasse ich Dominik wieder an den Computer und fange an, das Mittagessen zu kochen. Plötzlich halte ich inne. Ein Gedanke durchfährt mich wie ein Blitz. Oh mein Gott, er kennt mich doch gar nicht. Was soll ich denn schreiben, wenn er mich danach fragt, warum ausgerechnet ich ihm eine Freundschaftsanfrage stelle? Das ist doch ein wildfremder Mann für mich. Der interessiert sich doch bestimmt gar nicht für mich. Ach du meine Güte, was habe ich da nur getan? Schnell stürze ich zu Dominik ins Arbeitszimmer, um ihm die rettende Frage zu stellen, ob man meine Anfrage rückgängig machen kann.

Da ruft mir mein Sohn auch schon freudestrahlend entgegen: „Mama, ich habe auf deiner Seite nachgeschaut. Stell dir vor, dieser Christian hat deinen Freundesantrag schon angenommen. Er hat dir auch schon etwas zurück geschrieben.“ Dominik steht auf, kommt auf mich zu, nimmt mich am Arm und führt mich zum Bürostuhl. Er möchte, dass ich Platz nehme. Eine wahnsinnige Panik steigt in mir hoch. „Warum soll ich mich hinsetzen?“, schießt es mir blitzartig durch den Kopf. Ist doch eigentlich sehr ungewöhnlich von meinem Kind, dass es freiwillig seinen Platz hergibt und ich einmal an den Computer darf, wenn er Ferien hat und zu Hause ist.

Was dann geschieht ist so unwirklich, so fremd, so erschreckend, dass mir jetzt noch beim Schreiben dieser Geschichte ein Schauer über meinen Rücken läuft.

Dieser fremde Mann schreibt mir eine Nachricht. Eine Nachricht, die mein ganzes bisheriges Leben verändert. Eine Nachricht, die mir den Boden unter den Füßen wegzieht. Die meine Welt wie ein Kartenhaus einstürzen lässt.

Er schreibt: „Hallo Liane, eine Tochter von mir heißt auch Liane. Habe aber keinen Kontakt zu ihr. Sie weiß nicht, dass ich ihr Vater bin. Leider.“

Wie ein Blitz schlägt diese Nachricht ein. Eine Welt bricht in mir zusammen. Ich glaube mein Herz bleibt stehen. Mein ganzer Körper fängt an zu zittern. Tränen rennen mir übers Gesicht. Mein Puls rast und mein Blut pocht in den Schläfen.

Er ist mein Vater!

Ich bin fassungslos, geschockt, glücklich, traurig, wütend und erleichtert, alles auf einmal.

Was soll ich denn jetzt tun? Wie soll ich reagieren? Ich habe keine Ahnung was ich diesem Mann antworten soll. Was schreibt man denn seinem Vater? Einem wildfremden Menschen, den man nicht kennt und der nach über 44 Jahren mit so einer unglaublichen Nachricht in mein Leben platzt. Mein Sohn schlägt vor, Sabrina um Rat zu fragen.

Sofort rufe ich aufgeregt meine Tochter an, die bei ihrem Freund übernachtet hat und erzähle ihr unter Tränen, was soeben unglaubliches geschehen ist. Auch sie ist tief betroffen und weint bitterlich mit. Gemeinsam formulieren wir eine Antwort, die ich ihm sogleich auf Facebook zusende.

Zitternd und furchtbar aufgewühlt schreibe ich: „Hallo Christian, da kommen wir meiner Vermutung ja schon näher.“ Ich nenne ihm den Namen meiner Mutter und frage, warum er denn bisher leider keinen Kontakt zu seiner Tochter gehabt hätte.

==============================================================

Kuckuckskind Liane R. Anderson

Bin ich ein Kuckuckskind? von Liane R. Anderson

Fortsetzung: Meine heile Welt ist zusammengebrochen – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 6

Voriger Teil: Von Scham keine Spur – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 4

Eine Auflistung aller Teile findest Du hier.

Advertisements

Über Liane R. Anderson

Bin ich mit 44 Jahren noch einmal Tochter geworden? Ich wurde im Oktober 1967 geboren, bin verheiratet und habe zwei tolle Kinder. Mein gesetzlicher Vater war Alkoholiker und sehr gewalttätig. Schon früh übernahm ich die Verantwortung für meine Mutter und meinen Bruder und organisierte mit nur 13 Jahren, unsere Flucht aus dieser Hölle. Mit viel Ehrgeiz und Kampfgeist erschaffte ich mir ein schöneres Leben. Bis ein einziger Satz mir den Boden unter den Füßen wegriss und meine komplette Identität in Frage stellte.
Dieser Beitrag wurde unter Deutschland, Geschichten, Kuckuckskind abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Vatersuche auf Facebook – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 5 – Liane R. Anderson

  1. Yelka Schmidt schreibt:

    Du ahnst nicht wie nah Du mit Deinen Beschreibungen auch bei mir bist. Eine Welt bricht zusammen, das Herz bleibt stehen…ich habe Tränen in den Augen. Genauso ging es mir und ich weiß mittlerweile, dass ich in diesem Augenblick traumatisiert worden bin. Es ist so schwierig Außenstehnden irgendwie klar zu machen was da passiert und oft kommt leider nur: „Such Dir nen Arzt um das aufzuarbeiten.“ Leider ist es damit nicht getan… Toll, dass Du so eine großartige Familie hast, die Dich unterstützt. Liebe Grüße, yelka

    • Liane Scholl schreibt:

      Liebe Yelka, mir stehen jetzt Tränen in den Augen. Ich bin überwältigt von so viel Verständnis. Auch du ahnst nicht wie gut mir das jetzt tut. Ich bin so froh endlich auf Menschen zu treffen, die mir nachfühlen können.
      Ja solche Argumente wie: „Such dir einen Arzt auf, um das zu aufzuarbeiten“, habe ich auch zu hören bekommen.
      Ganz liebe Grüße Liane

  2. Marta Pandora schreibt:

    Liebe Liane,
    Zitat ####### Das Verlangen in mir, diesen Christian kennen zulernen wird immer stärker. Die Gedanken an ihn nehmen mich mittlerweile so gefangen, dass ich nur noch mit großer Mühe meinem Beruf, meine Probetermine und meinen Haushalt erledigen kann. Es kostet mich eine unheimlich starke Überwindung, meine Geschirr-spülmaschine auszuräumen.
    ######### Zitat Ende
    Wie wunderbar beschrieben, nun kann ich endlich sagen, ich bin nicht wirr im Kopf so wie mir nachgesagt wird, auch ich habe es haargenau so erlebt wie Du, habe ich darüber berichtet wurde ich belächelt, ich solle alles nicht so eng sehen! Ich bin Dir so dankbar, dass Du es so genau beschrieben hast. Endlich ich bin nicht alleine, nicht mehr allein mit meinen Gefühlen, Regungen und Ausbrüchen. Ich kann Dich so gut verstehen, Deine Geschichte ist so spannend! Ich kann Dir nachempfinden wie Du Dich gefühlt hast, als Du bei Facebook seine Nachricht gelesen hast!
    Auch mein Sohn half mir und hat mir geraten weiter zu machen, wie sich unsere Geschichten doch ähneln.
    Ich bin so gespannt auf die Fortsetzung.
    Dein Vater hat sich zu Dir bekannt, Hut ab!
    Lieben Gruß Marta

    • Liane Scholl schreibt:

      Liebe Marta, ich danke dir. Du ahnst nicht wie gut mir dein Verständnis tut. Ja auch ich wurde oft belächelt. Es gab viele, die damit nicht umgehen konnten. Es ist furchtbar schwer für einen Außenstehenden, das nachzufühlen.
      Auch ich bin jetzt froh, dass ich mit meiner Geschichte nicht mehr alleine bin.
      Ganz liebe Grüße Liane

      • Marta Pandora schreibt:

        Liebe Liane,
        deshalb bist Du hier, schreibst hier um deine Welt wieder einigermaßen in die Fugen zu bringen, hier bekommst Du Verständnis und das ist gut so. Das Schreiben hat mir sehr geholfen zu kompensieren. Kontakte werden geknüpft und es tun sich ganz andere Welten auf. Du wirst andere Menschen kennen lernen, die so denken und handeln wie wir, hier sind wir nicht allein mit dem „Ding“ im Kopf…weiß nicht wie ich es anders ausdrücken soll.
        Es gibt viele Mitwisser, kaum jedoch Mitfühler!
        Schön dass es Dich gibt 🙂

Was ist Deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s