Von Scham keine Spur – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 4 – Liane R. Anderson


Vom damaligen Zirkusbesuch hatte ich noch eine Videoaufnahme auf VHS-Kassette

Das alte VHS Video war schnell gefunden

Kuckuckskind – Erlebnisbericht – 01. JanuarLiane R. Anderson – Ich muss nicht lange nach dieser Videokassette suchen, die mir Christian als Ansager in der Manege zeigen soll. Nur ein kurzes Stöbern im Speicher hat genügt und mir fällt mit Erleichterung der Zirkusfilm in die Hände. Sofort lege ich die einzige bildliche Erinnerung, die ich von diesem Mann habe, in den Recorder ein. Aufgeregt und angespannt sitzen mein Mann, meine Kinder und ich davor und starren auf den Bildschirm.

Da ist er! Wahnsinn!! Mein Herz fängt an zu rasen und mein Atem geht schneller. Ja genau! Ich erinnere mich, so hat Christian damals ausgesehen. Es ist ein Gefühl, als sei es erst gestern gewesen. Sein Haar war schon etwas graumeliert, hinten ein bisschen länger und er trug einen wunderschönen weißen Anzug. Er läuft gerade als Ansager in die Manege ein und fängt sofort mit einer tiefen und warmen Stimme zu sprechen an:

Das Wartezimmer war voll besetzt.
„Der nächste bitte“, sagt der Arzt gerade jetzt.
Ein alter Mann sitzt am Fenster und weint.
Er hat großen Kummer, wie es scheint.
„Sie sind dran.“, sagt der Arzt zu dem Mann. „Was kann ich für sie tun? Was kann ich machen?“
„Ach, Herr Doktor ich möchte einmal wieder lachen, von ganzem Herzen lachen.“
Der Arzt sagt, „Ich habe eine Idee.
Gehen sie rüber ins Variete.
Jeden Abend tritt dort auf, der berühmte Clown Martbusé.
Die Leute lachen, trampeln und schreien,
da müssen sie rein.“
Eine Träne steht dem Mann im Gesicht.
„Danke, Herr Doktor, für den Rat, mir nützt er leider nicht. Ich bin jeden Abend in dem Variete,
aber ich bin selbst der Clown Martbusé.“

Ein dicker Kloß sitzt in meinem Hals. Ich getraue mich nicht meinen Kopf zur Seite zu drehen. Aus Angst meine Familie könnte sehen, dass mir Tränen über die Wangen laufen. Es ist so traurig, was er da spricht und doch auch irgendwie schön. Immer wieder spule ich zurück und höre mir seine Stimme an. Schade, dass man sein Gesicht nicht gut erkennen kann. Die Qualität der Kassette ist leider nicht mehr die Beste. Krampfhaft versuche ich irgendetwas an seinem Aussehen oder seiner Körperhaltung zu erkennen. Gibt es vielleicht irgendeinen Hinweis, dass er mein Vater ist? Für einen winzigen Augenblick rede ich mir ein, eine Ähnlichkeit zu erkennen, wenn man sein Profil seitlich betrachtet. Aber er ist auf dem Bildschirm viel zu weit weg. Schade, dass er nicht näher herangezoomt wurde.

Am liebsten würde ich meine Mutter anrufen und ihr Fragen stellen. „Warum hast du mir all die Jahre nichts davon gesagt? Wieso ist da jemand, der schon so lange Fotos von mir möchte? Warum weiß ich nicht, dass ihr euch immer noch regelmäßig schreibt? Warum wurdest du rot, als ich dich nach einem Seitensprung fragte?“

Aber es ist zwecklos. Selbst gestern, am 70. Geburtstag meines Stiefvaters konnte ich nichts Auffälliges an ihr entdecken. Obwohl ich fortwährend in Mamas Gesicht nach einem verräterischen Anzeichen geforscht habe. Nichts! Wirklich nichts, was auch nur ansatzweise auf eine Unsicherheit oder Scham hinweisen könnte.

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Kuckuckskind Liane R. Anderson

Bin ich ein Kuckuckskind? von Liane R. Anderson

Fortsetzung: Vatersuche auf Facebook – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 5

Voriger Teil: Meine Mutter würde mich niemals belügen! – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil

Eine Auflistung aller Teile findest Du hier.

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Über Liane R. Anderson

Bin ich mit 44 Jahren noch einmal Tochter geworden? Ich wurde im Oktober 1967 geboren, bin verheiratet und habe zwei tolle Kinder. Mein gesetzlicher Vater war Alkoholiker und sehr gewalttätig. Schon früh übernahm ich die Verantwortung für meine Mutter und meinen Bruder und organisierte mit nur 13 Jahren, unsere Flucht aus dieser Hölle. Mit viel Ehrgeiz und Kampfgeist erschaffte ich mir ein schöneres Leben. Bis ein einziger Satz mir den Boden unter den Füßen wegriss und meine komplette Identität in Frage stellte.
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3 Antworten zu Von Scham keine Spur – Bin ich ein Kuckuckskind? – Teil 4 – Liane R. Anderson

  1. Marta Pandora schreibt:

    Liebe Liane
    mit großer Spannung lese ich Deine Geschichte. Dieses Suchen nach dem Vater, ich kenne es nur zu genau, der Wunsch, wie sieht er aus, was habe ich von ihm…ich kann Dir so nachempfinden. Nach Jahren bekam ich ein Foto und fiel aus allen Wolken, das war ich, ein Abziehbild!! Der Wunsch nach dem Aussehen war befriedigt. Der Wunsch zu sehen, fühlen, die Gestik und Mimik dieses Mannes zu sehen, dieser Wunsch wird mir unerfüllt bleiben. Ich hoffe dass Deine Geschichte einen guten Verlauf nimmt, bin gespannt, gespannt wie sich Deine Mutter weiter verhält, meine lügt noch immer, sie sagte mir zwar wer mein „Vater“ sein soll, versuchte sich aber fein aus der Affäre zu ziehen. Als ich sie damals fragte, sagte sie, mein rechtlicher Vater hätte sie vergewaltigt, so wäre ich entstanden! Heute werden die Tatsachen verdreht und ich werde als Lügnerin und Betrügerin hin gestellt.
    Marta

    • Liane Scholl schreibt:

      Liebe Marta,
      ich kann dir so gut nachfühlen. Der Wunsch seine Wurzeln kennen zulernen, die Suche nach seiner eigenen Identität, das Bedürfnis von seinem Vater geliebt und angenommen zu werden, ist sehr sehr tief und stark. Es ist für mich unfassbar, dass Dein leiblicher Vater nicht den inneren Drang verspürt, seine Tochter, sein eigenes Fleisch und Blut in die Arme zu nehmen. Was ist bei ihm passiert, was hat ihn so gemacht?
      Lg LIane

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