Er war Soldat – Kuckuckskind lernt biologischen Vater kennen – eingereicht von Frau Kallisto


Geschichtstitel

er war soldat von kallisto

Ich habe meinen biologischen Vater kennen gelernt.

Ende September vergangenen Jahres erhielt ich den Anruf meiner Mutter, dass sie den Kontakt zu meinem biologischen Vater hergestellt hat.  Sie gab mir die Telefonnummer. Anhand der Telefonnummer fand ich die Adresse und wie es der Zufall möchte; in den nächsten Tagen führte mich eine Dienstreise in seine Wohngegend.

Ich grübelte, ich sprach mit meinem Mann – ich wusste nicht, ob ich ihn anrufe oder ob ich das Ganze auf sich beruhen lasse… Aber es nagte, ich wollte ihn doch eigentlich schon immer wenigstens einmal sehen. Ich wollte wissen, ob ich ihm wirklich so ähnle wie es mir in meiner Jugend gesagt wurde…

Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich sieben Jahre alt war. Unser Vater (später wird er lediglich als Namensgeber fungieren) kümmerte sich intensiv um meine Schwester und mich, er unternahm viel mit uns. Bei seinen Eltern, unseren Großeltern, verbrachten wir unbeschwerte Wochenenden und Ferien. Nie wurden Unterschiede zwischen meiner Schwester und mir gemacht – wirklich nie.  Bei den Großeltern mütterlicherseits – insbesondere der Oma – wurden doch schon einige, ganz feine Unterschiede spürbar, meine Schwester wurde strenger behandelt, ich hatte mehr Freiheiten.

Mit der Scheidung der Eltern, der neuen Partnerin des Vaters, riss der Kontakt langsam ab, er hatte nun auch neue Kinder… Auch meine Mutter lernte einen neuen Partner kennen, heiratete. Nach einem Ehestreit, in welchem es auch um uns Mädels ging, schüttete meine Mutter mir ihr Herz aus. Teilweise war ich mit meinen 12, 13 Jahren auch schon Tröster und Zuhörer. Diesen Abend fragte ich sie jedoch auch nach dem Mann, der mit dem Panzer während des Prager Frühlings in CSSR einmarschierte und umkam. Vor vielen Jahren, noch vor der Scheidung hatte sie bei einem geselligen Abend von ihm gesprochen – so hatte ich es in Erinnerung. Und nie hatte ich es vergessen, auch wenn ich es nicht wortwörtlich wiedergeben konnte. An diesem Abend erzählte mir meine Mutter ihre Geschichte:

Mit 18 Jahren lernte sie meinen biologischen Vater kennen und lieben. Er war als Panzeroffizier für drei Jahre bei der NVA und auswärts stationiert. Meine Mutter lebte noch im elterlichen Haushalt in einem Nobelviertel. Die Großeltern führten ein Geschäft in dieser Gegend. Ende der 60er Jahre wurde in dieser Wohngegend noch sehr viel Wert auf den sogenannten guten Ruf gelegt. Viel Zeit hatte meine Mutter auch nicht, um den Kontakt zu meinem biologischen Vater wieder herzustellen. Der Kontakt war abgerissen, wohl einmal durch die räumliche Entfernung sowie auch Dank der „Hilfe“ meiner Großeltern: Briefe verschwanden, das Telefon wurde manipuliert. Und ich war eine kurze Schwangerschaft,  ein Drei-Monats-Kind. Meine Mutter erfuhr erst im 6. Monat, dass ich unterwegs bin.  Sie wurde unter Druck gesetzt, entweder sie heiratet den Namensgeber oder sie wird mit dem Kind ohne jegliche Unterstützung auf die Straße gesetzt.  Sie entschied sich für die Heirat.

Nun verstand ich, warum ich immer das Gefühl hatte, dass irgendetwas nicht richtig ist. Nur konnte ich es nie fassen. Wie eingangs erwähnt, wir hatten trotz Scheidung eine schöne und unbeschwerte Kindheit. Aber etwas war nicht richtig…[Bedingter Umbruch]Nach diesem Gespräch wurde das Thema lange Zeit nicht mehr angesprochen, mit der Wende und dem Einzug neuer Technik suchte ich nach meinem biologischen Vater. Ich suchte erfolglos, jedoch suchte ich nicht intensiv, nicht konsequent. Irgendwann legte ich das Thema fein säuberlich ab. Der Kontakt zu meinem sozialen Vater war völlig abgerissen, er schaute sich nicht einmal sein Enkelkind, meine Tochter, an. Seine Eltern freuten sich sehr, ihr Urenkel, ihr erstes Urenkel kennen zu lernen.  Aus heutiger Sicht würde ich sagen, dass er mittlerweile wusste, dass ich nicht sein Kind bin. Wir haben nie wieder miteinander gesprochen, auch nicht zur Beerdigung seiner Eltern – meiner Großeltern.

Als meine Tochter erwachsen war, erzählte ich ihr die Geschichte ihrer Oma, welche auch unser Leben beeinflusst hat. Ich hatte das Thema Väter mittlerweile abgeschlossen. Ich unterschied diese in Namensgeber, Stiefvater und Erzeuger – bis zu dem Anruf meiner Mutter im vergangenen September.

Mittlerweile habe ich meinen Erzeuger kennengelernt, seine Darstellung unserer Geschichte gehört. Im kommenden Frühjahr werden wir unsere Familien kennenlernen…

Aber mein Vater wird immer derjenige sein, der mir das Laufen beigebracht hat, der mit meiner Schwester und mir baden war, der mit uns wandern war, der mit uns sonntags in das Kino ging, der mit uns Dampfer fuhr,  der mir die Nase putzte. Dieser Mann ist für mich mein Vater  – auch wenn wir heute keinen Kontakt mehr haben. Ob er weiß, dass ich nicht sein biologisches Kind bin? Ich weiß es nicht. In meiner Geburtsurkunde wird er immer als mein Vater stehen bleiben.

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Über Max Kuckucksvater

Seit Anfang 2011 weiß ich nun, dass mein Sohn aus erster Ehe nicht mein leiblicher Sohn ist. Da ich weder im Netz, noch irgendwoanders Hilfe fand, gründete ich dieses Blog. Dieses Blog verbindet Kuckuckskinder und Kuckucksväter untereinander, stellt Hilfsthemen bereit. Zusätzlich klärt es die Öffentlichkeit über den stattfindenden Identitätsraub und Betrug auf, damit wir in Zukunft dieses Leid verhindern können. Der obligatorische Vaterschaftstest ab Geburt (OVAG) ist das einzige Mittel, welches das Kind sicher vor der Fälschung seiner Identität bewahren kann. Seither entstanden sehr viele Kontakte und Freundschaften zu Scheinvätern, Kuckuckskindern und anderen Betroffenen sowie Unterstützern. Der Austausch mit ihnen half mir dabei, meine Trauer zu verarbeiten. Und: Ja, ich lebe tatsächlich in Kolumbien. Inzwischen sind meine Frau und ich stolze Eltern einer Tochter. https://www.facebook.com/max.kuckucksvater
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