Wie hat das alles so kommen können? – Vom Vater zum Scheinvater – Teil 7 der Geschichte von Gerd Tillmann


Erlebniserzählung eines Scheinvaters,

Vom Vater zum Scheinvater – von Gerd Tillmann

Es erreichte mich ein Schreiben vom Jugendamt. Dort wurde ein Treffen mit Ute unter Moderation des Jugendamtes vorgeschlagen. Sofort stimmte ich zu. Das Treffen fand am 26.03.2009 statt. Ich hatte an diesem Tag bis 13 Uhr Unterricht, dann wieder um 18 Uhr Abendunterricht. Zwischen mir und dem zuständigen Jugendamt lagen 110 km. Der Termin fand um 15:30 Uhr statt. Ich kam etwas zu spät, weil die Autobahn zu war. Ute war schon da und die Sachbearbeiterin blieb zunächst im Vorraum. Ute und ich trafen also allein aufeinander. Ich lächelte sie an und reichte ihr die Hand. Sie blieb sitzen und machte keine Anstalten, mir die Hand zu reichen. Ihr Gesicht war – ungelogen – zu einer fiesen Fratze verzogen. Ich hielt ihr weiterhin die Hand hin. Nach vielen Sekunden erst reichte auch sie mir die Hand. Aber kein Händedruck, nur ein flüchtiges Reichen, ohne Spannung und echtem Willen.

Die Dame kam herein und setzte sich zu uns. Sie stellte sich vor und erläuterte die Punkte, die sie mit uns besprechen wolle. In erster Linie die Besuchstermine. Zu mehr würden wir nicht kommen. „Wie bitte?“, fragte ich. In erster Linie solle es doch um meinen Sohn, dessen Wille, zu mir zu ziehen und unseren gemeinsamen Skiurlaub gehen. So war es im Vorfeld abgesprochen worden. „Nein, darum geht es nicht. Wenn der erste Punkt besprochen wurde ist vielleicht noch Zeit. Frau Tillmann, wann begannen denn die Schwierigkeiten?“

Ute holte weit aus und schilderte ihr Elend in den schlimmsten Facetten. Der Junge sei schon in therapeutischer Behandlung wegen seines Wunsches! Da platzte mir der Kragen. Ruhig bemerkte ich, dass ich davon aber nichts wüsste, ich habe doch ebenso Sorgerecht und müsse in so einer Frage wie therapeutischer Behandlung befragt werden! „Lassen Sie Frau Tillmann bitte ausreden, sie haben später Zeit, ihren Standpunkt zu erläutern“. Mir wurde im Laufe des Gesprächs noch häufiger über den Mund gefahren, Ute konnte lang und ausführlich berichten. Sie forderte ein starres Besuchsraster, langfristig festgeschrieben. Dies wollte ich nicht, wie oben schon beschrieben. Ich wollte keine „Zwangsvorführung“ der Kinder, die dann unwillig und missgelaunt bei mir rumlungern. Bisher habe ich doch schon allein die Termine vorgeschlagen, ohne dass von ihr mal etwas kam. Außerdem habe ich bisher nahezu alle Kosten der Transfers getragen. „Wenn sie die Kinder sehen wollen, müssen sie auch die Kosten tragen“, klärte mich die Jugendamtsmitarbeiterin auf. Es wäre allein meine Sache.

Mein Sohn kam die letzten zehn Minuten zur Rede. Die wichtigsten Eckpunkte des Urlaubs wurden besprochen. Da ich ja am Abend noch Unterricht hatte und es bereits gegen 17 Uhr ging, musste ich mich verabschieden. Zu meiner Überraschung blieb Ute sitzen. Die Dame sagte nur kurz an sie gerichtet: “Wir besprechen dann noch weiteres“.

Bis dahin hatte ich geglaubt, die Dame sei eine Moderatorin. Nach diesem Gespräch und dem Nachgespräch sah ich sie als Utes Komplizin. Am nächsten Tag setzte ich ein Schreiben auf, in dem ich deutlich machte, dass ich das Gespräch als nicht stattgefunden betrachtete.

Die zu Beginn des Jahres von mir vorgeschlagenen Besuchstermine wurden seitens Ute schweigend eingehalten. Die Zugfahrten funktionierten fast reibungslos. Im April dann der erste Schock. Ute hatte am 25.03. Klage wegen Kindesunterhalt eingereicht. Das Klageschreiben erreichte mich somit natürlich erst nach dem beschriebenen Treffen beim Jugendamt.

Sie wollte mehr. Mehr Geld natürlich. Genau ein Tag vor dem gerade beschriebenen Gespräch beim Jugendamt abgeschickt! Aber dies soll Thema eines anderen Abschnittes sein. Zunächst stand der Urlaub mit meinem Sohn an.

Der Urlaub verlief relativ harmonisch und mit vielen Gesprächen zwischen mir und meinem Sohn. Am Ende waren wir uns einig, dass er doch besser bei seiner Mutter bleiben solle. Dies kam insbesondere von ihm aus. Er hatte sich wohl vorgestellt, dass wir beide eine Männer-WG gründen würden. Die Beziehung mit Eva verfestigte sich zunehmen, wir planten, im Laufe des Jahres zusammenzuziehen. So war dieses Thema vom Tisch. Es war außerdem dumm von mir, zumindest zeitweilig daran zu denken, meinen Sohn aus seiner vertrauten Umgebung zu nehmen. Ich fühlte mich wohl sehr geschmeichelt von seinem Wunsch, zu mir zu ziehen.

Der Jüngste jedoch zeigte mittlerweile ein recht unverträgliches Verhalten Eva gegenüber. Er drängte sich rüde zwischen uns mit den Worten „Mein Papa!“. Pfingsten 2009 gab es die ersten Tränen deshalb.

Eva hatte sich ein Haus gekauft. In den Sommerferien sollten wir es übernehmen und ausbauen. Wir übernahmen das Haus im Rohbau, einen Großteil der Ausbauarbeiten wollten wir selber machen. Als Lehrer sind da halt nur die Schulferien möglich.  So konnten wir keine Ferienregelung finden. Einzelne Wochenenden wurden von Ute abgelehnt. So sah ich meine Kinder erst in der letzten Ferienwoche. Andrea war mitgekommen. Wir trafen uns zunächst in meiner Wohnung im Haus meiner Eltern. Am nächsten Tag fuhren wir zu Eva. Alle freuten sich, dass wir mal wieder alle zusammen sein konnten. Wir unternahmen viel und hatten viel Spaß miteinander. Andrea bekam von mir zu ihrem 15. Geburtstag eine nicht gerade billige Kette geschenkt. Trotz meiner nun doch gravierenden Zweifel an meiner Vaterschaft ihr gegenüber.

Im Herbst 2009 wurde die Nicht-Vaterschaft aufgedeckt. Meinem Sohn konnte ich alles persönlich erklären, als er ein Wochenende allein bei uns war. Ich schrieb an alle drei jeweils einen Brief. In diesem versuchte ich ihnen die nun neue Lage zu erläutern, erklärte meine Beweggründe. Evas Kinder und natürlich auch Eva selber haben diesen Brief gelesen und mich beraten, wie und was ich schreiben solle. Ich habe von meinen Kindern nie eine Rückmeldung erhalten. Weihnachts- und Silvestertermine wurden durch die Bank abgelehnt.

Dennoch schlugen wir im Januar 2010 wieder Termine vor. Einige wurden schriftlich angenommen und auch durchgeführt. Die Treffen waren äußerst konfliktbeladen. Die Kinder sagten nichts, waren verschlossen.  Sie kamen mir vor wie Zombies. Die Atmosphäre bei uns war zunehmend gespannt, wenn die Kinder hier waren. Dies blieb nicht ohne Spuren und wirkte auf uns alle aus.

Weitere Termine für den Sommer planten wir nicht.  Ich wollte nicht mehr. Der Vatertag war ohne Anruf oder Gruß vergangen. Das tat weh! Auch mein Geburtstag wurde fast vergessen. Wenn nicht Eva hinter meinem Rücken interveniert hätte. So war sie es auch, die nochmals den Versuch unternahm, Termine mit Ute zu vereinbaren. Sie schrieb die Mail an Ute, nicht ich.

Die Besuchstermine im Herbst fanden dann auch tatsächlich statt. Drei Stück, der letzte am vierten Advent 2010. Wir feierten Weihnachten schon eine Woche vorher. Es war jedoch eine gedrückte Stimmung. Zudem war ich auch noch krank. Alles in allem nicht sehr toll.

Das war das letzte Mal, dass ich meine Kinder gesehen habe. Nie kam eine Anfrage der Kinder: „Papa, wann können wir mal wieder kommen“, nie eine Mail. Mit meiner Tochter habe ich noch Kontakt via Facebook, das war es dann aber auch schon. Sie ist auch die einzige, aus der es im Herbst 2011 herausbrach. Ich hatte mein Facebook-Account abgeschaltet. Es ging mir auf den Keks, von meinem Sohn nichts anderes als Spieleanfragen und vergleichbaren Blödsinn zu bekommen. Ihr war es jedoch wichtig, zumindest symbolischen Kontakt noch zu haben. Allein die Möglichkeit des direkten Kontaktes reichte ihr. Sie schickte mir eine böse, verzweifelte Mail. Wie das denn alles so hätte kommen können, sie verlöre jetzt auch noch ihren Papa! Ich nahm Kontakt zu ihr auf und erläuterte ihr meine Beweggründe. Mittlerweile bin ich wieder bei Facebook.

Wenn die Kinder bei mir waren, hatte ich immer den Eindruck, sie seien verklemmt und gehemmt. Sie durften nichts berichten und hatten Angst, irgendetwas von zuhause zu erzählen. Im Gegenzug musste ich mehrmals erfahren, dass von den Besuchen bei mir schon berichtet wurde und ich mir in einem Fall einen bösen Brief eingehandelt habe. Nicht von Ute selber, sie ließ schreiben. Von ihr selbst habe ich seit Oktober 2009 nichts mehr gehört oder gesehen. Ich habe es aber auch nicht vermisst.

Um die Kinder wie auch mich zu schützen, habe ich mich entschlossen, den Kontakt nicht mehr zu suchen. Wir sind mehr als zwei Jahre hinter den Terminen hinterhergelaufen, nie kam eine Anfrage von den Kindern. Enttäuschungen auf beiden Seiten. Mit Eva und ihren Kindern habe ich ein neues Leben begonnen. Dies lasse ich mir nicht wieder kaputt machen!

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Erlebniserzählung eines Scheinvaters,

Vom Vater zum Scheinvater – von Gerd Tillmann

Das war der letzte Teil.

Hier geht es zum Anfang der Geschichte: Wie alles begann – Vom Vater zum Scheinvater – Teil 1 der Geschichte von Gerd Tillmann*

Alle Folgen der Serie:Vom Vater zum Scheinvater

Es tat lange sehr, sehr weh!

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2 Antworten zu Wie hat das alles so kommen können? – Vom Vater zum Scheinvater – Teil 7 der Geschichte von Gerd Tillmann

  1. argentina schreibt:

    Ich bin ein Scheidungskind und kenne das mit den Besuche. Meiner Meinung? 1) sind die kinder eifersüchtigt, dass jetzt auch andere Kinder dir wichtig sind. 2) kinder erwarten, dass eltern den ersten schritt machen. Das kenne ich von mir selber und die beschwerde meines Vaters in der Jugend, ich würde nie anrufen usw. Dabei muss ich sagen, dass wir uns gut verstehen/verstanden haben. Nimm die Initiative! Ruf deine Kinder an und schlag ein konkretes Termin vor, sie freuen sich bestimmt. Sie denken wahrscheinlich, der papa hat sie vergessen/hat nicht mehr lieb.

  2. Piepmatz schreibt:

    Deine Kinder sind nicht gewillt das neue Haus für andere Kinder,die dort ein Zimmer haben und Sie nicht ,zu betreten!!!!!

    Ich weiß dieses nicht,ich vermute nur…

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