Ich konnte sie nicht mehr riechen – Vom Vater zum Scheinvater – Teil 4 der Geschichte von Gerd Tillmann


Erlebniserzählung eines Scheinvaters,

Vom Vater zum Scheinvater – von Gerd Tillmann

Mittlerweile hatte ich meine heutige Frau Eva kennengelernt. Ihr fiel schon früh bei den anfänglich noch unkomplizierten Kinder-Wochenenden auf, dass Andrea immer weniger Ähnlichkeit mit mir aufwies. Sie kam in die Pubertät. Schon seit längerem war mir etwas sehr seltsames aufgefallen: In meinen Augen, nein, für meine Nase stank sie sehr häufig sehr streng nach Schweiß. Intensiv und unangenehm. Anderen fiel dies nicht so sehr auf. Wenn sie in meine Wohnung kam, habe ich sie häufig erst mal unter die Dusche geschickt. Ich habe es auf die lange Zugfahrt (170 km) zurückgeführt. Aber es war schon seltsam. Ich konnte sie nicht mehr riechen! Um das zu erklären, hilft ein kurzer Exkurs in die Neurowissenschaft. Allgemein geläufig ist die Redewendung „jemanden nicht riechen können“. Und in der Tat ist der Geruch eines jeden Menschen charakteristisch für ihn. Man sagt ja, dass die Chemie zwischen zwei Menschen stimmen muss. Ob die Chemie zwischen zwei Personen stimmt, wird auf unsichtbaren Ebenen entschieden, da der Geruchssinn oftmals subtil in Entscheidungen und unser Handeln eingreift. Mein Geruchssinn wollte mir wohl sagen: „Die passt nicht zu dir“!

Mitte 2008 besuchte ich mal wieder meinen Freund Martin. Wir sprachen über die alten Zeiten und über die Feten damals. „Deine Ute war ja nie ein Kind von Traurigkeit. Die hat ja auch auf meinen Feten ganz schön über die Stränge geschlagen. Einmal musste ich meinen besten Freund fast rauswerfen. Die beiden haben hier vielleicht rumgemacht“. Wir kamen darauf, dass es die Party von 1993 gewesen sein musste. Martin war kurz vorher Papa geworden. Da konnte er sich noch daran erinnern, dass es nicht so leicht war, das Baby unterzubringen. Ich wusste ja, dass Ute ein schlimmer Finger sein konnte. Aber auf der Rückfahrt wurde ich dann doch nachdenklich.

Die Fete fand am 16.10.1993 statt. Andrea wurde am 20.07.1994 geboren. Also nahezu exakt neun Monate später! Laut Internetrechner passt das wie eine Faust auf das blaue Auge.

Zur gleichen Zeit verschlechterte sich das Klima zu Ute und auch zu den Kindern. Besonders Andrea kam immer weniger zu mir, was auch daran lag, dass es bei Treffen zu heftigen Konflikten kam. Von Januar 2009 bis Juli 2009 war sie gar nicht bei mir. Die anderen beiden Kids wurden immer verschwiegener und ich hatte den Eindruck, Zombies bei mir zu haben. Keine Erzählungen von zuhause, aus der Schule oder sonst was.  Das letzte Treffen mit allen dreien fand im August 2009 statt.

Am 30.08.2009 bat ich Ute um ein Gespräch auf neutralem Boden. Sie glaubte, es ginge um Geld für Andrea, anders wäre sie nicht gekommen. Im Café kam ich dann sogleich auf den Punkt: Ich zweifle die Vaterschaft an Andrea an. Sie sagte nur leise: „Nein… nein …. nein“. Dann nannte ich ihr meine Gründe. Die Fete, die Ähnlichkeit usw.. Auf die Fete angesprochen meinte sie „war das da, wo wir so‘n Streit hatten?“. Bingo, sie konnte sich erinnern. Insgesamt erschien sie mir wie eine Katze, die den Wellensittich gefressen hat. Zu keinem Zeitpunkt hat sie meine Behauptungen bestritten. Kein Aufbäumen, kein Abstreiten. Aufgefordert, einem Vaterschaftstest zuzustimmen, sagte sie nur:“ Dir geht es doch nur ums Geld“. Also, daran hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gedacht. Das Gespräch war dann auch schnell beendet. Ich beobachtete sie danach noch eine Weile, wie sie ins Auto stieg. Ca. 10 Minuten blieb sie noch auf dem Parkplatz im stehenden Auto sitzen.

In den nächsten Tagen schickte ich ihr mehrere Mails und SMS mit der Aufforderung, dem Test zuzustimmen. Ja, ich habe sie unter Druck gesetzt, ihr gedroht, die Sache öffentlich zu machen. Und das Wunder geschah: Sie stimmte einem offiziellen Test bei einem Kinderarzt zu.

Warum sie zustimmte? Versetzt man sich in ihre Lage: Sie hoffte auf eine fifty-fifty Chance.

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Erlebniserzählung eines Scheinvaters,

Vom Vater zum Scheinvater – von Gerd Tillmann

Fortsetzung: Traurige Gewissheit – Vom Vater zum Scheinvater – Teil 5 der Geschichte von Gerd Tillmann

Hier geht es zum Anfang der Geschichte: Wie alles begann – Vom Vater zum Scheinvater – Teil 1 der Geschichte von Gerd Tillmann*

Alle Folgen der Serie:Vom Vater zum Scheinvater

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Über Marcus Spicker

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2 Antworten zu Ich konnte sie nicht mehr riechen – Vom Vater zum Scheinvater – Teil 4 der Geschichte von Gerd Tillmann

  1. barbarella schreibt:

    Es kommt wohl häufig vor, dass Männer gar nicht die Väter „ihrer“ Kinder sind,
    aber bestimmt kommt es genauso oft vor, dass Männer noch weitere Kinder haben, von denen sie gar nichts wissen. Weil sie genauso herumgehurt haben, wie ihre ach so bösen, untreuen Schlampen-Ehefrauen. Beides schlimm, aber schon fast normal heutzutage.
    Wie wäre es, wenn alle Erwachsenen mal zuverlässiger verhüten würden und ein bisschen mehr an Safer Sex denken würden?
    Ich bin auch für einen obligatorischen Vaterschaftstest.

    Scheinvater Marcus Spicker redet sehr abwertend von seinen Kindern aus erster Ehe, seine Scheintochter Andrea wird auch nur auf ihren Körpergeruch reduziert, der ihn anwidert. Mag sein.
    Anscheinend ist Marcus Spicker aufs Tiefste verbittert, eine zunächst verständliche Reaktion.
    Mit der Zeit sollte eine objektivere Sicht auf die Dinge jedoch möglich sein, so scheint es nur wie ein Vorwand, sich aus der Verantwortung zu stehlen und mit der Vergangenheit komplett zu brechen.

    • Max Kuckucksvater schreibt:

      Barbarella, offensichtlich liegt eine Verwechslung vor. Marcus Spicker hat den Erlebnisbericht „Vom Vater zum Scheinvater“ lediglich veröffentlicht. Geschrieben wurde er – wie in der Titelzeile zu lesen – von Gerd Tillmann.
      Auf Deine restlichen Anmerkungen gehe ich später ein, sobald ich mir die Geschichte wieder neu ins Gedächtnis gerufen habe.

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