Ich freute mich unbändig auf den Nachwuchs – Vom Vater zum Scheinvater – Teil 2 der Geschichte von Gerd Tillmann


Erlebniserzählung eines Scheinvaters,

Vom Vater zum Scheinvater – von Gerd Tillmann

Ungefähr vier Wochen später eröffnete Ute mir am Frühstückstisch, dass sie ihre Tage nicht bekommen habe.  Ich sagte ihr, sie solle zum Frauenarzt gehen. Sie verneinte und wollte noch abwarten. Ok, sagte ich. Mein Kopf war zu der Zeit auch voll mit anderen Dingen, weil ich gerade eine neue Stelle angetreten hatte und voll im Stress war. Zwei weitere Wochen später hatte sich ihre Regel immer noch nicht eingestellt. Zwischen den Tagen 1993 ging sie dann aber doch zum Frauenarzt, mit dem Ergebnis: schwanger. Im dritten Monat.

Ich kann mich noch daran erinnern, dass der Geburtstermin mehrmals korrigiert wurde. Erst hieß es Anfang August, dann wurde der Termin Schritt für Schritt vorgezogen.

Irgendwie war es schon komisch, dass von Mitte November bis Mitte Juli nur acht Monate waren. Der Frauenarzt hat mich damals aber beruhigt und behauptet, das sei schon möglich, wenn bei einer Frau die Regel ungleichmäßig sei und überhaupt sollte ich mir da keine Gedanken machen. Machte ich mir dann auch nicht mehr, denn ich freute mich unbändig auf den Nachwuchs.

Noch etwas ist mir in Erinnerung geblieben: Wir saßen an einem Samstagmorgen am Frühstückstisch. Die Samstagsausgabe der Tageszeitung lag zwischen uns und wir lasen die neuesten Meldungen. Eine Meldung fiel mir ins Auge. Da wurde in einem Krankenhaus ein Kind mit einem anderen vertauscht. Ute fragte mich, was ich in einem solchen Fall machen würde, wenn ich wüsste, dass so was uns passiert wäre. Also, dass das Kind, welches wir großziehen, nicht mein leibliches wäre. Ich antwortete, dass ich dieses wahrscheinlich dann schon so lieben würde, dass es mir fast unmöglich sei, es wieder wegzugeben. Ich denke heute, dass sie vielleicht auch hieraus die Legitimation schöpfte, mir das Kind unter ihrem Herzen unterzuschieben.

Im Juli 1994 wurden wir Eltern. Andrea erblickte das Licht der Welt. Es war ein sehr heißer Tag in diesem sehr heißen Sommer 1994. Die Geburt zog sich lange hin und die ganze Zeit war ich bei ihr. Kurz nach Mitternacht, am 20.07.1994 wurde ich Vater. Ich war überglücklich.

Andrea wuchs und gedieh. Im Januar 1997 und März 1999 stellten sich noch Geschwister ein. Durch die Kinder hatte sich unser Verhältnis auch wieder normalisiert. Das sah zunächst nicht so aus, da Ute sich dem Sex im ersten Jahr nach Andreas Geburt verweigerte. Man sagte mir aber und man kann es häufig lesen, dass Erstgebärende im ersten Jahr nach der Geburt sich voll und ganz auf das Kind fixieren. Ich nahm es hin und nach einem Jahr begannen wir wieder, miteinander zu schlafen.

Es stand die Taufe Andreas an. Damit auch die Auswahl der Paten. Zu dieser Zeit hatte ich mit Kirche nicht viel am Hut und meine eigenen Erfahrungen mit meinen Paten waren nicht besonders nachhaltig, kurz gesagt: Es war mir egal. Ich überließ Ute die Auswahl der Paten. Sie wählte ihre Mutter, was auch einsichtig war, da diese einen Tag vor Andrea Geburtstag hat.  Dazu dann noch ihre Cousine. Also beide aus ihrer Familie. Utes Cousine ist wirklich eine nette Person, aber ich fragte dann doch, warum keiner aus meiner Familie. Ich weiß nicht mehr, wie sie mich überredet hat, aber sie hat es geschafft. Wie gesagt, mir war es damals nicht wichtig, und ich dachte, anderen auch nicht. Paten…. Was war das schon. Ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten.

Meiner Schwester war dies nicht egal. Sie stellte Ute bei der Taufe in ihrer Heimatstadt zur Rede. Warum denn keiner aus unserer Familie Pate sei. Ute fauchte zurück: Glaub mir, ich habe meine Gründe, warum ich mich so entschieden habe.

Dieses Verhalten meiner Familie gegenüber setzte sich von nun ab fort. Ute hetzte bei jeder sich gebenden Möglichkeit gegen meine Eltern und meine Geschwister. Ich könnte hier eine ganze Reihe von verdeckten und offenen Gemeinheiten und Affronts berichten. Dies würde hier zu weit führen. Nur so viel: An mir gingen diese Dinge zum großen Teil vorbei. Ich habe von ihnen erst nach der Trennung von den betroffenen Familienmitgliedern erfahren. Warum nicht zu den Zeitpunkten, als diese geschahen?

Andrea war ein Mamakind. Im ersten Lebensjahr hatte ich häufig nur einen schweren Zugang zu ihr. Es wurde aber immer besser im Laufe der Zeit. Unser zweites Kind (01.1997) orientierte sich mehr an mir und wurde Papas Mädchen.

Diese Jahre waren aber trotzdem die schönsten unsere Ehe. Meine Eltern und Geschwister wohnten 125 km entfernt, so dass die oben geschilderten Punkte doch relativ selten vorkamen. Hetzerei gegen meine Familienseite überhörte ich geflissentlich und tat sie als blödes Gerede ab. Die gemeinsame Sorge um die Kinder, die Schwangerschaften und viele schöne Dinge schweißten uns zusammen.

Dies änderte sich im Frühling 2001. Ute begann in die Muckibude zu gehen. Es ging ihr zunächst darum, ihren durch die drei Schwangerschaften aus der Form gegangenen Körper wieder zu regenerieren. Ich hatte so auch nichts dagegen und überwies am 01. April 2001 die ersten 60 DM an das Fitnessstudio.

Zunächst ging sie einmal, später zweimal die Woche. Das war auch kein Problem. 2005 wurden es dann bis zu viermal die Woche und wehe, ich kam zu spät nach Hause, um auf die Kids aufzupassen. Im August 2005 trat ich eine Stelle in einer Entfernung von 120 km an. Es kam also vor, dass ich am Mittwochnachmittag schon einmal 20 Minuten zu spät nach Hause kam. Dann stand dort ein Racheengel und warf mir vor: „Jetzt bekomme ich kein Spinning-Rad mehr in der ersten Reihe. Immer kommste zu spät!“. Wie man sieht, ging unsere Ehe langsam aber sicher den Bach herunter. Wir entwickelten uns in wachsendem Tempo auseinander.

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Erlebniserzählung eines Scheinvaters,

Vom Vater zum Scheinvater – von Gerd Tillmann

Fortsetzung: Was mache ich hier eigentlich noch? – Vom Vater zum Scheinvater – Teil 3 der Geschichte von Gerd Tillmann

Hier geht es zum Anfang der Geschichte: Wie alles begann – Vom Vater zum Scheinvater – Teil 1 der Geschichte von Gerd Tillmann*

Alle Folgen der Serie:Vom Vater zum Scheinvater

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2 Antworten zu Ich freute mich unbändig auf den Nachwuchs – Vom Vater zum Scheinvater – Teil 2 der Geschichte von Gerd Tillmann

  1. Piepmatz schreibt:

    Die Paten^^ JA ,das habe ich auch in meinem Fall so recherchiert!
    Kann ich bestätigen lieber Gerd ,das genau die Personenwahl das Drama aufzeichnet…ich bin das erstgeborene Kind und die Patenwahl fiel auf „Fremde“,doch bei meinem Geschwisterchen waren es die der Mutter sehr nahe standen,direkte Familienangehörige.
    Warum Menschen nicht miteinander sprechen“zu diesem Zeitpunkt“ ?hast Du geschrieben,weil in unserer Gesellschaft Sprachlosigkeit herrscht und weil sich das Getuschel und Gerede hinter dem Rücken doch so am besten vollziehen läßt!Das ist wie Kino umsonst,da ist was los und bietet Nahrung für Spekulationen/Taten jeglicher Art,warum sollte das Umfeld darauf verzichten?
    Auf jeden Fall hat Deine Ex reagiert mit Hetzerei gegen Deine Familie,weil sie ja alle betrog heimlich und jene auch schlecht stellen wollte…Motto:Die sind doch schlimmer wie ich!
    Deine Geschichte liest sich sehr gut und zeigt mir den Weg der Zweifel die mein vermuteter falscher Erzeuger hatte,mit samt den Anverwandten.

    • Georg Terbeck schreibt:

      Ich möchte hier auch eine Lanze für die Paten brechen. Das Schweigen entsteht häufig auch aus der Angst, etwas falsch zu machen, sich einzumischen. Nicht immer ist meiner Meinung nach Sesationslust und Getuschel der Grund.
      Die Sprachlosigkeit in unserer Zeit unterstreiche ich uneingeschränkt.

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