Wie alles begann – Vom Vater zum Scheinvater – Teil 1 der Geschichte von Gerd Tillmann*


Erlebniserzählung eines Scheinvaters,

Vom Vater zum Scheinvater – von Gerd Tillmann

Sie wurde mir angekündigt. Ein Mitbewohner des Studentenwohnheimes in Dortmund raunte mir zu: „In Zimmer 312 zieht eine ein, die kommt aus dem selben Ort wie ich. Die hat einen ganz schön hohen Männerverschleiß. Ich bin mit ihr häufiger am Wochenende in der Disco. Wenn sie etwas getrunken hat, verschwindet sie schon mal mit jemandem auf dem Parkplatz ins Auto… Mit der werden wir hier noch Spaß bekommen.“

Ute* zog dann wirklich in Zimmer 312 ein. Es war der Sommer 1985. Im Laufe der Zeit lernten wir uns kennen und belegten sogar im Spätherbst zusammen einen Rock´n´Roll-Kursus an der Uni. Dabei kamen wir uns natürlich näher. Im Laufe der Zeit verabredeten wir uns zum Discobesuch.

Ich sehe sie heute noch vor mir: Sie sitzt auf einem Barhocker, umringt von einem Vollkreis auch auf Hockern sitzenden Männern und sonnt sich in der offenen Bewunderung derselben.  Ich war natürlich mächtig stolz, denn sie war ja mit mir dort. Kurze Zeit später gingen wir miteinander. Ich fand es toll, eine Freundin zu haben, die auf viele Parties eingeladen wurde und überall in allen Töpfen rührte. Von Natur aus bin ich eher ein bodenständiger, ruhiger Typ. Sie war so anders. Fand ich toll…. Damals.

Wir heirateten im März 1989, weil man es ja so machte. Alle im Freundes- und Bekanntenkreis waren unter die Haube der Ehe geschlüpft. Außerdem war ich mit 28 Jahren auch so weit, wie man damals sagte.

Sie vertraute mir damals an, bereits mit 16 Jahren schon einmal schwanger gewesen zu sein. Sie hat das Kind dann aber im fünften Monat in Holland abtreiben lassen. Ich war geschockt, wollte ihr dies aber nicht anlasten. Sie wird schon ihre Gründe gehabt haben für diese brutale Entscheidung.

Unsere Ehe begann eigentlich ganz normal. Wie bei vielen anderen auch. Ich begann nach dem Studium eine Berufstätigkeit zunächst in Karlsruhe, dann wechselte ich nach Münster. Ute beendete ihre Lehrerausbildung zur Grundschullehrerin und begann das Referendariat in Siegen. Damals konnte man jedoch die Straße mit Lehrern pflastern. Also sattelte sie noch einen drauf und machte ein Zusatzstudium in Dortmund zur Sonderschullehrerin. Also, alles ganz normal, nur dass sich nun, nachdem sie eine Stelle in einer Privatschule und ich eine Festanstellung in einem Ingenieurbüro gefunden hatte, keine Kinder einstellten.

Ute wurde nervös. Sie wollte unbedingt schwanger werden. Wir holten uns ärztliche Hilfe, Tests wurden gemacht, Samen gezählt und diverse Gespräche mit dem Frauenarzt geführt. Eisprünge wurden berechnet und die ehelichen Verrichtungen entsprechend geplant. Denn körperlich konnte bei uns beiden nichts Gravierendes festgestellt werden. Es hätte also klappen müssen.

Dies ging nicht folgenlos an unserer Ehe vorbei. Wir begannen, uns im Laufe des Jahres 1993 zu entfremden. Sex kam nur noch selten vor. Spontaner oder leidenschaftlicher sowieso nicht mehr. Wir begannen, nebeneinander her täglich zu funktionieren.

Herbst 1993. Unser Freund Martin* war für seine Geburtstagsfeten berühmt. Wie jedes Jahr feierte er am 13.10.1993 seinen Geburtstag. Er nahm dafür eigentlich immer das Wochenende nach seinem Geburtstag, den 16.10.. Wir nahmen die ca. 100 km Fahrt auf uns und fuhren ins Sauerland. Wie eigentlich so häufig in dieser Zeit, bekamen wir uns auf der Fahrt heftig in die Haare. Wenn ich mich recht erinnere, Belanglosigkeiten. Mit mieser Stimmung erreichten wir den Ort der Party.

Martins Feten waren immer feucht, laut und langandauernd. Auf Sofas und in der Küche wurde getrunken, gegessen und viel dummes Zeug geredet. Ich verzog mich in die Küche, Ute verbrachte den Abend im Wohnzimmer. Ab und an schaute ich mich auch in den anderen Räumen um und sah sie, wie sie sich mit dem Hausherren und dessen bestem Freund ausgelassen unterhielt. Zwischenzeitlich war sie nicht auffindbar, aber das hat mich nicht beunruhigt.

Die Nacht verbrachten wir im Gästekeller. Ich erinnere mich, dass wir schweigend hinuntergingen und eine ereignislose Nacht verbrachten. Dies war auch so zu erwarten. Einerseits wegen des Alkoholkonsums, andererseits hatten wir schon Monate nicht mehr zusammen geschlafen.

Eigentlich war unsere Ehe im Herbst 1993 am Ende. Wir redeten kaum noch miteinander und lebten wie Brüderchen und Schwesterchen nebeneinander her.

Dies war jedoch nicht die einzige Party des Jahres. Es stand am 13.11.1993 noch der 50ste Geburtstag meines Onkels in Paris an. Nach unserer Ankunft in Paris am frühen Nachmittag hatten wir noch einige Stunden bis zum Beginn der Feier Zeit, um uns im Hotel auszuruhen. Während dieser Stunden kam es zum Geschlechtsverkehr, und ich kann mich noch sehr genau daran erinnern, dass ich sie danach fragte: „Warum ist das bei uns so selten geworden?“ Sie sagte mir, dass sie es auch schön fand und eigentlich schon ihre Tage haben müsste. Ich wusste lange nicht warum, aber diese Stunden und diese Worte haben sich mir ins Gedächtnis gebrannt.

* Namen geändert

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Erlebniserzählung eines Scheinvaters,

Vom Vater zum Scheinvater – von Gerd Tillmann

Fortsetzung: Ich freute mich unbändig auf den Nachwuchs – Vom Vater zum Scheinvater – Teil 2 der Geschichte von Gerd Tillmann

Alle Folgen der Serie:Vom Vater zum Scheinvater

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