Besuch bei den Waldmenschen – Beim Vater aufgewachsen – Teil 4 – von Manfred W.


Kuckuckskind-Erlebnisbericht von Manfred W.

Beim Vater aufgewachsen

Ich hatte bereits im ersten Abschnitt erwähnt, dass meine Großmutter beim Wühlen in alten Plunder in einem Buch ein Familienfoto gefunden hat, worauf auch meine Mutter zu sehen war. Alle anderen Fotos waren vernichtet worden. Und als wir so über meine Mutter sinnieren, sagt sie plötzlich: „Ich erinnere mich nur noch, dass Deine Mutter mit einem Herrn mit dem Namen Kippel zusammen war.“ Natürlich konnte sie nicht wissen, ob meine Mutter nach so vielen Jahren noch mit dem Mann zusammen war. Aber einen Versuch war es wert, dort die Spur aufzunehmen. Zumindest bestand eine kleine Chance mehr über sie herauszufinden, vielleicht sogar Hinweise, wo sie sich aufhielte.

Ich ging also zur Hamburger Zentralpost, wo alle bundesdeutschen Telefonbücher öffentlich auslagen und blätterte alle Telefonbücher von und um Hamburg nach dem Namen Kippel durch. Ich notierte mir alle, auch den ähnlich lautenden Namen Kibbel. Die telefonierte ich alle durch und nach etwa zwölf Anrufen antwortete eine Frau: „Kibbel“ „Erika Kibbel?“, „Ja!“. Vor Schreck legte ich den Hörer auf. Mein Herz pochte. Möglicherweise hatte ich meine Mutter gefunden. Kurz vor Weihnachten schrieb ich dann einen Brief und wollte erst einmal klären, ob von ihrer Seite überhaupt Interesse an einem Kontakt bestand.

Es entwickelten sich dann Kontakte und Besuche, aber ich kam nicht recht gefühlsmäßig an sie ran. Sie gab mir keine Erklärung, warum sie meinen Vater verlassen hat. In seltsamer Übereinstimmung mit meinem Vater erklärte sie, das sei ihre Privatsache. Es erschließt sich mir nicht, warum sie einen Mann geheiratet hat, der ihren Sohn nicht akzeptierte. Da sie mir auch dafür keinen nachvollziehbaren Grund nannte, bleibt eine ungeklärte Spannung und verhinderte eine gefühlsmäßige Annäherung. Seltsam war auch, dass sie darauf bestand, dass ich Besuche bei ihr „anmelden“ musste. Ich sagte, dass ich mich bei einem Arzt oder in einem Hotel anmelden könne, aber das für mich unvorstellbar sei bei einem Ort, den ich als Familie ansähe. Es war ja nicht so, dass ich ständig bei ihr ein- und ausging. Doch, das sei so üblich, meine Sie. Ich sagte dazu lakonisch in Anspielung auf die Lage des Bungalows im Wald: „Vielleicht ist das bei Euch Waldmenschen so, bei normalen Menschen ist das nicht so.“ Nun ist meine Mutter niemand, die gerne Widerspruch hört. Sie meinte, mir die Regeln diktieren zu dürfen.

Und so hatte ich bei Besuchen eher das Gefühl, in einem guten Restaurant vorzüglich bedient zu werden; ein Gefühl des Zuhauseseins wollte sich in dem Haus nicht einstellen. Der Tisch war geschmackvoll dekoriert, es gab guten Wein und dazu Rehbraten oder Wildschwein, im eigenen Jagdrevier selbst geschossen. Dazu wurde am Tisch höfliche Konversation geführt. Was zu klären gewesen wäre, wurde aber nicht geklärt. Ich fühlte mich nun bei diesen Besuchen ähnlich unwohl, wie zuvor bei den Weihnachtsessen bei der Familie meines Vaters, wo die Mutter totgeschwiegen wurde. Und der Mann, der meine Mutter einst davon abhielt, irgendeinen Kontakt zu mir zu suchen, verhielt sich mir gegenüber „scheißfreundlich“ und tat so, als wenn nichts wäre.

1994 wurde dann silberne Hochzeit gefeiert und ich kam aus Hannover nach Hamburg. Ich holte da eine bolivianische Frau ab, die ich in Hannover kennengelernt hatte und die inzwischen in Hamburg lebte. Wegen einer Rückenverletzung war sie zu 90% gehbehindert und auf den Rollstuhl angewiesen. Wir mussten also ein Taxi benutzen, um zu dem Festsaal in einen Dorf vor den Toren Hamburgs zu gelangen. Man ließ mich dann aber nicht hinein, weil meine Begleitung nicht eingeladen sei. Ich könne jederzeit hereinkommen, aber eben ohne meine Begleitung. Man erwartete also tatsächlich von mir, dass ich meine gute Bekannte schnöde alleine wieder nach Hause schickte. Ich stand dann ungefähr eine Stunde vor dem Festsaal, ohne etwas zu erreichen. Schließlich kam noch der Sohn des Ehemannes heraus, dessen Mutter die Vorgängerin meiner Mutter war. Er sprach offen zu mir über seinen Vater, bekundete, dass er nicht mit der Entscheidung einverstanden sei, aber sein Vater sei ein „Egoist vor dem Herrn“ und er habe es aufgegeben, seinen Vater ändern zu wollen und auch er müsse ihn so nehmen wie er sei.

Und dieser Herr saß mir dann bei Besuchen am Tische mit einem scheißfreundlichen Gesicht gegenüber und versuchte den netten Gastgeber zu spielen. Er hat mir auch monatlich ein paar Hundert Mark als Unterstützung für das Studium überwiesen. Damit wollte er wohl sein schlechtes Gewissen beruhigen oder sich vor seinen Freunden als Gutmensch aufspielen. Ich habe das als Schweigegeld aufgefasst und tatsächlich geschwiegen. Wieder einmal. Aber was sollte ich tun? Meine Mutter hatte sich diesen Menschen als Ehegatten ausgesucht und es stand mir nicht zu, ihre Ehe zu stören. Aber ich habe wohl mal bei einem Waldspaziergang mit den Jagdhunden zu meiner Mutter eine Bemerkung gemacht, dass ich mit in dem „Waldmenschenhaus“ nicht wohl fühle und sich bei den Besuchen keine Gefühle von Familie einstellen würden.

Mit inzwischen 71 Jahren, ihr Mann ist seit ein paar Jahren tot, wirft sie mir das jetzt noch vor. Ich hätte mich unmöglich verhalten, hätte alles selbst kaputt gemacht und hätte mir durch mein Verhalten alles selbst zuzuschreiben. Die Hoffnung, dass sich ein entspannteres Verhältnis zur Mutter ergeben könnte, wenn der Mann gestorben sei, hat sich also inzwischen auch als Illusion zerschlagen. Aber das ist ein Vorgriff.

Zunächst heiratete ich eine peruanische Frau und wurde Stiefvater einer Stieftochter. Als ich mit Frau und Kind unterwegs nach Hamburg war, ließ sie mich samt Familie auf der Straße stehen, mit dem Argument, ich hätte mich nicht angemeldet. Nun, zunächst stehe ich auf dem Standpunkt, dass ich mit bei Familienbesuch nicht anmelden muss. Und zweitens ist das Frauensache. Wenn meine Mutter also nicht mit meiner Frau spricht, weil sie Ausländer nicht mag, dann ist das ihr Fehler und nicht meiner. Und für meine lateinamerikanische Frau ist es selbstverständlich, dass man Weihnachten zusammen verbringt. Meine Mutter meinte nun, dass sie mit unserem Kommen nicht gerechnet habe, und von daher auch einige Einkäufe und sonstige Vorbereitungen getroffen habe. Sie würde mit ihrem Mann essen gehen. Ich schlug vor, dass wir ja alle zusammen außerhäusig essen gehen könnten, aber darauf wollte sie sich nicht einlassen, weil sie „anders disponiert“ hätte.

So demonstrierte meine Mutter unter anderem ihre Ausländerfeindlichkeit. Sie hatte schon vorher ihr Unverständnis darüber durchblicken lassen, warum ich keine deutsche Frau geheiratet habe. Zur Hochzeit blieb sie auch fern unter der Entschuldigung, sie und ihr Mann wären erkrankt. Belegen kann ich es nicht, aber mein Gefühl sagte mir, dass das gelogen war.

Wie dem auch sei, auf diese Weise hat meine Mutter mich gezwungen, mich zwischen ihr und meiner Frau zu entscheiden. Und da es nicht infrage kam, dass ich mich zum Hampelmann meiner Mutter machte, stellte ich mich auf die Seite meiner Frau und brach den Kontakt zu meiner Mutter ab.

===============================================================

Kuckuckskind-Erlebnisbericht von Manfred W.

Beim Vater aufgewachsen

Lesen Sie im fünften TeilDie Stieftochter als Déjà-vu-Erlebnis – Beim Vater aufgewachsen – Teil 5 – von Manfred W.
* Der Mann darf zwar zahlen, hat aber nichts zu sagen
* „Endlich habe ich einen Papa wie andere Kinder auch.“
* Ich soll als „Einwanderungsbehörde“ fungieren
* Erfahrungen mit dem rechtsfreien Raum Frauenhaus
* Das Déjà-vu-Erlebnis: Wie auf Kinderseelen herumgetrampelt wird

Hier geht es zum vorangegangenen Teil: Meine Mutter ist nicht meine Mutter – Beim Vater aufgewachsen – Teil 3 – von Manfred W.

Eine Übersicht aller Teile findest Du hier.

Advertisements

Über Max Kuckucksvater

Seit Anfang 2011 weiß ich nun, dass mein Sohn aus erster Ehe nicht mein leiblicher Sohn ist. Da ich weder im Netz, noch irgendwoanders Hilfe fand, gründete ich dieses Blog. Dieses Blog verbindet Kuckuckskinder und Kuckucksväter untereinander, stellt Hilfsthemen bereit. Zusätzlich klärt es die Öffentlichkeit über den stattfindenden Identitätsraub und Betrug auf, damit wir in Zukunft dieses Leid verhindern können. Der obligatorische Vaterschaftstest ab Geburt (OVAG) ist das einzige Mittel, welches das Kind sicher vor der Fälschung seiner Identität bewahren kann. Seither entstanden sehr viele Kontakte und Freundschaften zu Scheinvätern, Kuckuckskindern und anderen Betroffenen sowie Unterstützern. Der Austausch mit ihnen half mir dabei, meine Trauer zu verarbeiten. Und: Ja, ich lebe tatsächlich in Kolumbien. Inzwischen sind meine Frau und ich stolze Eltern einer Tochter. https://www.facebook.com/max.kuckucksvater
Dieser Beitrag wurde unter Deutschland, Geschichten, Kuckuckskind, Serie abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Was ist Deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s