Meine Mutter ist nicht meine Mutter – Beim Vater aufgewachsen – Teil 3 – von Manfred W.


Kuckuckskind-Erlebnisbericht von Manfred W.

Beim Vater aufgewachsen

Im zweiten Abschnitt habe ich beschrieben, wie ich in einem heimlich geöffneten Brief einen mir unbekannten Namen, den meiner leiblichen Mutter gelesen hatte. Ich hatte keine Vertrauensperson, mit der ich hätte darüber reden konnte und weil mir das Ganze so surreal vorkam, dass ich selbst nicht glauben konnte, was ich tatsächlich gelesen hatte, geriet die Angelegenheit über die Verdrängung wieder in Vergessenheit. Wie eine dunkle Erinnerung tauchte es manchmal vage in der Erinnerung auf, um dann ungelöst wieder in der Versenkung zu verschwinden.

Das in der Kindheit vertraute Verhältnis zu meiner Halbschwester verschlechterte sich zusehends. Das lag zum einen daran, dass ich mich an etwa zehn Jahre älteren Menschen orientierte, ich trat beispielsweise mit 17 in die Metallgewerkschaft bei und gründete mit 18 Jahren zusammen mit anderen den Bleckeder Schachklub. Zum anderen lag es daran, dass meine Stiefmutter ihre Tochter in meinen Augen grundlos niedermachte. An mich traute sie sich seltsamerweise nicht ran. Die Frau hatte in ihrer Kindheit ihre Eltern verloren, wuchs dann ein paar Jahre bei ihrem Großvater auf, um schließlich bei Pflegeeltern aufzuwachsen. Ich habe erst viel später verstanden, dass ihr die Eifersucht sehr zu schaffen gemacht haben muss, dass ihre Tochter mit Ach und Krach die Hauptschule geschafft hat und der Sohn der „ersten Frau“ von Lehrern die Abiturempfehlung bekam und später zeigte, dass er das Zeug für ein Ingenieurstudium hat. Sie ließ ihren Frust an meiner Halbschwester raus und ich stand hilflos daneben. Über die Familiensituation wurde ja nicht offen gesprochen und isoliert auf unserer Scholle nahm auch niemand davon Notiz. Mir tat meine Halbschwester leid, aber ich wusste nicht, was zu tun war.

Trotz Abiturempfehlung wurde ich gezwungen, eine handwerkliche Ausbildung zu machen. Da ich handwerklich geprägt war und mir das auch gefiel, habe ich das zwar gerne gemacht, aber eine Wahl hatte ich auch nicht. Aber ich merkte schon im ersten Lehrjahr, dass ich vollkommen unterfordert war und das für mich nichts auf Dauer war. Mangels Alternativen beschloss ich aber, die Lehre zuvor erfolgreich abzuschließen. Wie schon gesagt, ich bin gründlich, was ich anfange, bringe ich auch zu Ende. Der Fachlehrer an der Berufsschule erkannte mein Potential und machte mich auf die Möglichkeiten des zweiten Bildungsweges aufmerksam. Es ist unter anderem auf sein Mutmachen zurückzuführen, dass ich beschloss nach der Berufsausbildung Abitur an einer technischen Schule zu machen und ein Ingenieursstudium anzustreben. Auch die politische Arbeit in der Gewerkschaft stärkte mein Selbstbewusstsein.

Bei meinem Vater kamen meine Pläne aber nicht gut an. Er ging davon aus, dass ich nach Erhalt des Gesellenbriefs eine Arbeit aufnehmen und Geld nach Hause bringen würde. Als ich ihm eröffnete, dass ich mich bei einer berufsbildenden Schule für den gymnasialen Zweig beworben habe und dort angenommen sei, warf er mich kurzerhand aus seinem Haus. Glücklicherweise kam ich bei Freunden unter, mit denen ich den Schachklub gegründet hatte. Da war ich zwanzig.

Zuvor allerdings händigte mir mein Vater anlässlich meines 18jährigen Geburtstages die Geburtsurkunde wortlos aus. Auf meine Bitte nach ein paar erklärenden Worten, sagte er mir, das sei seine Privatsache, ginge mir also nichts an. Nicht vergessen kann ich auch die bösen Worte meiner Stiefmutter. Die lauteten sinngemäß: „Jetzt weißt Du ja, dass ich nicht Deine Mutter bin, also lass mich in Ruhe! Wenn Du eine Mutter brauchst, dann such Dir eine. Du weißt ja nun, wie sie heißt.“ Die leibliche Mutter hatte sich allerdings nie gemeldet und niemand konnte mir sagen, wo ich sie suchen sollte. Und so setzte wieder das Schweigen ein.

Ich beschloss erstmal still zu halten und meine Lehre zu beenden. Einerseits hatte mich mein Vater hochkant aus seinem Haus geworfen, andererseits war es längst Zeit meinerseits zu gehen. Das Problem für mich lag nur in der Frage „Wohin?“. Bei meinem letzten Aufenthalt im Elternhaus hatte ich ein Vieraugengespräch mit meiner Halbschwester, ich wollte mich mit ihr bereden, wie wir als betroffene Kinder mit der Situation umgehen wollen. Mein Vater sprengte das Gespräch in ihrem Privatzimmer und verhinderte durch ostentatives Verharren im Zimmer die Fortsetzung des Gesprächs. Als sie ihrerseits eine Lehre als Bäckereifachverkäuferin aufnahm, besuchte ich sie in ihrer Ausbildungsstelle. Sie war allerdings nicht einmal in der Lage, mir gegenüber ein Begrüßungswort zu sprechen. Alle Versuche, sie zu einem Gespräch oder einen Treffen zu bewegen, scheiterten. Ich weiß bis heute nicht, was man meiner Halbschwester angetan hat. Bis heute gibt es zu ihr kein Kontakt.

Während der Abiturzeit versuchte ich den eingeschlafenen Kontakt zu der Familie in Hamburg wieder aufzunehmen. Einen wirklichen Draht fand ich allerdings nur zu der Mutter väterlicherseits. Der allerdings entwickelte sich ausgezeichnet. Wir besuchten uns in 14tägigen Wechsel einmal in Hamburg und einmal in Lüneburg. Jedesmal machten wir ausgedehnte Spaziergänge und Kuchen essen und Kaffeetrinken. Ich bemerkte, dass das Verhältnis meines Vaters zu seiner Mutter auch gestört war und sie darunter litt. Ich merkte das daran, dass sie manchmal mich mit dem Vornamen meines Vaters ansprach. Mir wurde bewusst, dass sie eine Art Ersatzmutter für mich war und ich für sie der Ersatzsohn. So trösteten wir uns gegenseitig.

Mein Großvater war schon lange tot. Seine letzten Jahre hatte sie ihn im Rollstuhl hin und hergeschoben. Er ist elendig an einem Speiseröhrenkrebs gestorben. Kurz bevor er starb, belauschte ich noch ein Gespräch zwischen meinem Vater und seiner Frau, in dem gesagt wurde, dass der Vater nur simulieren würde. Kurz darauf sah ich meinen Großvater ein letztes Mal. Er war schon immer ein sehr schmächtiger Mann. Aber als ihn dann an seinem Stock geklammert ins Zimmer schlurfen sah, da wurde mir auch als Kind sofort klar, dass er dem Tode nahe war, auch wenn es mir niemand sagte. Ich war richtig erschrocken, weil er wirklich wie der leibhaftige Tod aussah. Diesen Schock in Verbindung mit dem belauschten Gespräch über seine angeblich simulierte Krankheit ist mir unvergessen.

Ein herzliches Verhältnis hatte ich nur zu meiner Großmutter. Die regelmäßigen Besuche haben wir auch weiter geführt, als ich in Hannover studierte. Sie war bei meinen Geburtstagen dabei, wo sie auch meine Freunde aus aller Welt kennenlernte. Auch im Sommer war sie mindestens einmal bei einem Grillfest im Schlossgarten vor der Universität dabei. Meine Großmutter war die einzige, die interessiert an meinem Leben teilnahm und meine Freunde freuten sich auch, sie kennenzulernen. Ansonsten sind wir Arm in Arm um den Maschsee geschlendert und haben uns mit Geschichten und Witzen unterhalten. Einmal sagte sie zu mir: „Schau mal, die gucken dich alle so komisch an. Die fragen sich wohl, was der mit so einer Ollen will!“ Und wir haben uns dabei köstlich amüsiert.

Letztlich war es meine Großmutter, die mir den entscheidenden Tipp gab, wo ich meine Mutter finden könnte. Doch das lesen Sie im nächsten Abschnitt.

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Kuckuckskind-Erlebnisbericht von Manfred W.

Beim Vater aufgewachsen

Lesen Sie im vierten TeilBesuch bei den Waldmenschen – Beim Vater aufgewachsen – Teil 4 – von Manfred W.
* Wie ich meine Mutter wiederfand
* Wie ich dort aufgenommen wurde
* Besuch nur nach „Anmeldung“

Hier geht es zum vorangegangenen Teil: Der kleine Prinz auf seinem Planeten – Beim Vater aufgewachsen – Teil 2 – von Manfred W.

Eine Übersicht aller Teile findest Du hier.

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Über Max Kuckucksvater

Seit Anfang 2011 weiß ich nun, dass mein Sohn aus erster Ehe nicht mein leiblicher Sohn ist. Da ich weder im Netz, noch irgendwoanders Hilfe fand, gründete ich dieses Blog. Dieses Blog verbindet Kuckuckskinder, Scheinväter, Väter und Kuckucksmütter untereinander, stellt Hilfsthemen bereit. Zusätzlich klärt es die Öffentlichkeit über den stattfindenden Identitätsraub und Betrug auf, damit wir in Zukunft dieses Leid verhindern können. Der obligatorische Vaterschaftstest ab Geburt (OVAG) ist das einzige Mittel, welches das Kind sicher vor der Fälschung seiner Identität bewahren kann. Seither entstanden sehr viele Kontakte und Freundschaften zu Scheinvätern, Kuckuckskindern und anderen Betroffenen sowie Unterstützern. Der Austausch mit ihnen half mir dabei, meine Trauer zu verarbeiten. Und: Ja, ich lebe tatsächlich in Kolumbien. Inzwischen sind meine Frau und ich stolze Eltern einer Tochter. https://www.facebook.com/max.kuckucksvater
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2 Antworten zu Meine Mutter ist nicht meine Mutter – Beim Vater aufgewachsen – Teil 3 – von Manfred W.

  1. charlotte schreibt:

    Es ist einfach nur todtrauig sowas zu lesen: Das einzige was mir dazu einfällt ! Todtraurig…
    Wie grausam können Menschen sein… Echt unfassbar

  2. anniefee schreibt:

    Da kommt ja einiges zusammen. Wie misstrauische Menschen sich mit MIsstrauischen zusammenfinden und die Verbitterung an anderen ausgelassen wird..
    Es fällt offenbar vielen Eltern schwer, ihre Kinder einfach das machen zu lassen, was diese wünschen, ohne eigene Probleme reinzuprojezieren.. Hm..

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