Das große Schweigen – Beim Vater aufgewachsen – Teil 1 – von Manfred W.


Kuckuckskind-Erlebnisbericht von Manfred W.

Beim Vater aufgewachsen

Ich bin Dezember 1962 geboren und beim Vater aufgewachsen. Das ist heute noch selten, damals war das noch außergewöhnlicher.

Der Terminus Kuckuckskind ist definiert als ein fremdes Kind, dass einem man als sein eigenes untergeschoben wird, beziehungsweise ein fremdes Kind, dass ohne Wissen der Mutter (beispielsweise durch Verwechseln im Krankenhaus) gegen das eigene ausgetauscht wurde.
In diesem strengen Sinne bin ich kein Kuckuckskind, weil ich tatsächlich Sohn meines Vaters bin und weder meine Mutter noch die Zweitfrau meines Vaters getäuscht wurde.
Aber aus Kinderperspektive bin ich ein Kuckuckskind, weil mir eine andere Mutter untergeschoben wurde. Die Tatsache, dass dies im Wissen von biologischer Mutter und Stiefmutter geschah, ändert aus der Erlebensperspektive des Kindes nichts.

Zunächst stelle ich das wenige vor, das ich objektiv weiß.
* Ich bin im Dezember 1962 in Hamburg geboren.
* Meine Eltern haben im Juni 1961 in Hamburg geheiratet.
* Meine Eltern wurden im Mai 1965 in Hamburg geschieden.
* Mein Vater hat im Februar 1966 neu geheiratet.
* Meine Mutter hat im Juli 1969 neu geheiratet.

Die Zweitfrau meines Vaters, eigentlich meine Stiefmutter, musste ich als meine Mutter akzeptieren.
Meine biologische Mutter wurde totgeschwiegen, sodass die Erinnerung an sie schnell verblasste.

Mit dreizehn Jahren hatte ich nur noch schwache Erinnerungen an einen roten 2CV, der erst über die Autobahn, dann einen Waldweg entlang fuhr zu einem Haus. Dort spielte ich vor einem Kamin. An das Gesicht meiner Mutter konnte ich mich nicht mehr erinnern. Aber ich kann mich noch erinnern, in einer Citroën DS gesessen zu haben.

Als ich später das Haus besuchte, erkannte ich den Kamin wieder, vor dem ich gesessen und gespielt hatte. Nachträglich erinnerte ich mich auch, die vielen ausgestopften Tiere schon mal gesehen zu haben. Der damalige Freud und späterer Ehemann meiner Mutter war leidenschaftlicher Jäger. Und so sind beide in das gepachtete Jagdgebiet außerhalb von Hamburg gezogen.

Ich war also zum Zeitpunkt der Scheidung meiner Eltern gerade 2,5 Jahre alt. Wann sie sich getrennt haben und wie lange noch die Besuche meiner Mutter gedauert haben, ist mir nicht bekannt. Darüber schweigt sich die gesamte Familie wie auch zu allen anderen Details bis heute aus. Aber lange können die Besuche meiner Mutter nicht mehr gedauert haben. Vor meinem vierten Geburtstag habe ich wohl meine Mutter zum letzten Mal gesehen, sehr wahrscheinlich sogar schon vor dem dritten.

Alle Fotos von meiner Mutter waren vernichtet. Erst als ich über 20 Jahre alt war, schenkte meine Großmutter väterlicherseits ein Foto, dass sie zufällig in einem Buch gefunden hat und das als einziges der Vernichtungsaktion entgangen war. Kein Wort, kein Bild erinnerte mich an meine Mutter. Ihre Existenz war wie ausgelöscht.

Ich konnte mich als Heranwachsender noch schwach erinnern, als Kind oft getobt und herumgeschrieen zu haben. Aber ich erinnerte mich nicht mehr an den Grund. Nachdem mir wieder bewusst gemacht wurde, dass meine Mutter verschwiegen wurde, wurde mir schlagartig klar, dass ich nach meiner Mutter geschrieen hatte und durch mein Herumtoben gegen die Verwandtschaft protestierte, die mir meine Mutter vorenthielt. Aber irgendwann hatten sie meinen Willen gebrochen, ich resignierte und flüchtete in die Verdrängung.

Über die Umstände, wie sich meine Eltern kennengelernt haben, wie sie heirateten und warum sie sich scheiden ließen, habe ich nie etwas erfahren. Sowohl die Mutter als auch der Vater schweigen dazu bis heute hartnäckig.

Es gibt nur wenige Fakten, aus denen man sich ein vorläufiges Bild machen kann. Der Zweitmann meiner Mutter war ein verwöhntes Einzelkind und zugleich Alleinerbe eines kleinen Vermögens, das unter anderem aus mehreren Häusern in Hamburg bestand. Er war zweimal geschieden und hat mit seiner zweiten Frau einen Sohn in meinem Alter.

Da er durch Kinderlähmung körperlich entstellt war, kann körperliche Anziehung nicht der Grund sein, weshalb meine Mutter meinen Vater verließ. Menschenfreundlichkeit kann es auch nicht gewesen sein. Er ist ein Egoist vor dem Herrn, der nur an sich denkt, sagte sein Sohn zu mir einmal im Vertrauen. Auf die Frage, warum sie mich verlassen und nie besucht hat, antworte meine Mutter, dass ihr Ehemann nur sie allein wollte und mich als Sohn nicht akzeptierte. Auf die Frage, warum sie keine weiteren Kinder bekommen hätte, sagte sie, er hätte ihr gedroht sie zu verlassen, wenn sie ihm „noch ein Kind unterjubeln“ würde. Das waren die einzigen beiden Fragen, die sie mir je dazu beantwortet hat. Alle weiteren Fragen wehrte sie mit dem Hinweis ab, das sei „ihre Privatsache“.

Der Mann war also relativ reich, konnte sich einen Bungalow mitten im Wald leisten und so kostspielige Hobbys wie Jagen und Segeln. In einem Teil des Hauses hängen heute noch alte Bilder, mit meiner Mutter hoch zu Pferd. Sie war eine sehr schöne Frau und er finanzierte der ehemaligen Hilfsarbeiterin Reiten als teures Hobby. Der Mann hatte allerdings einen eisernen Willen, so dass er trotz seiner Behinderung allein auf der Elbe segelte und auch Motorrad (mit Beiwagen) fuhr.

Während mein Vater ein Handwerker mit eher durchschnittlichem Einkommen war, hatte der Zweitmann meiner Mutter reich geerbt und zudem auch als Zahntechniker überdurchschnittlich gut verdient. Auch wenn ich die objektiven Gründe für die Trennung meiner Eltern nicht kenne und möglicherweise auch nie erfahren werde, so kann sich jeder eine eigene Meinung darüber bilden, wonach es aussieht.

Das Einzige, was ich diesbezüglich beiden Elternteilen zu Gute halten kann, ist, dass weder meine Mutter schlecht über meinen Vater noch mein Vater schlecht über meine Mutter gesprochen hat.

Meine Mutter hat nach den anfänglichen Besuchskontakten nichts mehr unternommen, um mich zu sehen oder sich darüber zu erkundigen, wie es mir geht. Als Begründung gab sie mir an, dass sie mich in ruhiger Umgebung aufwachsen lassen wollte. Die Zweitfrau ihres Mannes soll ihren Exmann terrorisiert haben. Unter anderem soll sie einmal etwa um Mitternacht angerufen und gesagt haben: „Komm vorbei und hol deinen Sohn ab, ich bringe mich um!“ Die Frau war „gesundheitlich“ wohl nicht ganz auf der Höhe. Das hat der Sohn mir auf Nachfrage bestätigt. Er berichtete auch, wie er als 10-Jähriger von seiner Mutter manipuliert und gegen meine Mutter aufgehetzt worden war. Auf die Frage, warum sie keinen Kontakt gesucht habe, als ich schon volljährig war, behauptete sie, sie hätte sich nicht getraut. Dafür traut sie sich aber sonst einiges, doch das in einem späteren Abschnitt.

Für mich als Kind und Heranwachsender kann ich so positiv verbuchen, dass mir eine Menge Stress durch ewig zankende und streitende Eltern erspart geblieben ist. Andererseits hat man mir meinen Willen gebrochen, dass ich es aufgab, nach meiner Mutter zu fragen und so die Erinnerung an sie verlor. Auch das vollständige und eiserne Schweigen der gesamten Familie möchte ich in der Rückschau als Gehirnwäsche beschreiben.

Das „Große Schweigen“ hat sich in bleierner Schwere über mein Leben gelegt. Äußerlich lebte ich in einer intakten kleinbürgerlichen Familie, in der alles in Ordnung schien. Doch ein Teil meines Lebens wurde durch ein nicht direkt ausgesprochenes Denk- und Redeverbot abgetrennt, so wie ein Gefangener in Isolationshaft an der Kommunikation mit der Außenwelt gehindert wird.

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Kuckuckskind-Erlebnisbericht von Manfred W.

Beim Vater aufgewachsen

Lesen Sie im zweiten Teil Der kleine Prinz auf seinem Planeten – Beim Vater aufgewachsen – Teil 2 – von Manfred W.
* Der Umzug aus der Großstadt in ein kleines Dorf
* Soziale Isolierung auf der „eigenen Scholle“
* Alleingelassen mit dem Familiengeheimnis

Eine Übersicht aller Teile findest Du hier.

Der dritte Teil handelt von der Konfrontation mit der Tatsache, dass mir eine andere Mutter untergeschoben wurde (18-23 Lebensjahr)

Der vierte Teil wird von den Kontaktversuchen zu meiner Mutter handeln. (24-36 Lebensjahr)

Der fünfte Teil handelt von den Erfahrungen einer gescheiterten Ehe mit einer alleinerziehenden Mutter und einem Déjà-vu-Erlebnis mit dem Stiefkind.

Ein sechster und abschließender Teil berichtet über die Zeit nach der Scheidung bis heute. (37-49 Lebensjahr)

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Über Max Kuckucksvater

Seit Anfang 2011 weiß ich nun, dass mein Sohn aus erster Ehe nicht mein leiblicher Sohn ist. Da ich weder im Netz, noch irgendwoanders Hilfe fand, gründete ich dieses Blog. Dieses Blog verbindet Kuckuckskinder, Scheinväter, Väter und Kuckucksmütter untereinander, stellt Hilfsthemen bereit. Zusätzlich klärt es die Öffentlichkeit über den stattfindenden Identitätsraub und Betrug auf, damit wir in Zukunft dieses Leid verhindern können. Der obligatorische Vaterschaftstest ab Geburt (OVAG) ist das einzige Mittel, welches das Kind sicher vor der Fälschung seiner Identität bewahren kann. Seither entstanden sehr viele Kontakte und Freundschaften zu Scheinvätern, Kuckuckskindern und anderen Betroffenen sowie Unterstützern. Der Austausch mit ihnen half mir dabei, meine Trauer zu verarbeiten. Und: Ja, ich lebe tatsächlich in Kolumbien. Inzwischen sind meine Frau und ich stolze Eltern einer Tochter. https://www.facebook.com/max.kuckucksvater
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3 Antworten zu Das große Schweigen – Beim Vater aufgewachsen – Teil 1 – von Manfred W.

  1. charlotte schreibt:

    lieber manfred das tut weh das zu lesen… und ausserdem ist es neue art des kuckuckskindes
    alle schweigen und lassen dich leiden…. du sollst das alles aushalten aber sich selber gegeüber sind alle furchtbar sensibel ja ja das kennen wir doch ich kann nicht reden weil es tut mir weh… hab ich auch schon gehört aber zum teufel warum müssen wir den schmerz ertragen…. wünsch dir viel kraft lg charlotte und tob weiter es hilft

  2. luenzer schreibt:

    Lieber Manfred.
    Danke, dass Du uns an dieser etwas anderen Geschichte teilhaben lässt.
    Das war sicher alles sehr schlimm – als Kuckuckskind das auch erst sehr spät davon erfahren hat, versuche ich mitzufühlen.
    Deine erweiterte Definition ‚… aber aus Kinderperspektive bin ich ein Kuckuckskind, weil mir eine andere Mutter untergeschoben wurde.‘ sollten wir zu unserer allg. Definition mit aufnehmen.

    Ich hoffe sehr, dass Du mit Deinen Zeilen in diesem Blog (und ggf. an anderer Stelle) zunehmend von Deiner alten Last loslassen kannst und wünsche Dir, dass Du bald neue Möglichkeiten des Kontaktes zu Deiner Mutter erhalten kannst.
    Alles Gute
    Immo

    • Manfred W. schreibt:

      Nun ja, die Kontakte zu der Mutter werden Gegenstand eines späteren Kapitels sein.
      Dem will ich nicht vorgreifen.

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