Das Vaterschaftsanfechtungsverfahren – Anatomie der Kuckucksgeschichte von Yelka Schmidt – Teil 9


Der Termin des Verfahrens wurde bekannt gegeben. Die Spannung stieg täglich. In dieser Zeit lernte ich einen Mann kennen. Eher spontan und fast zufällig. Wir verstanden uns auf Anhieb gut, ich erzählte ihm von meinem derzeitigen Familienchaos.Zu meiner Verwunderung reagierte er weder total bestürzt, noch lief weg, nein, er hörte mir zu, stellte mir viele Fragen und unterstützte mich, indem er einfach nur da war. Mein Papa war ein reines Nervenbündel, seine Beziehung zu seiner Lebensgefährtin begann zu kriseln. Am Morgen des Gerichtstermins war ich bereits eine Stunde vorher vor Ort und rutschte auf der Wartebank vor dem Gerichtssaal nervös hin und her. Irgendwann betraten meine Mutter und ihr Mann den Flur, von meinem Anwalt und meinem Papa keine Spur. Was für eine unangenehme Situation. Sie kamen allein, ohne Anwalt. Wie ich vermutete, hatten sie vorab keinerlei juristischen Rat oder juristische Unterstützung eingeholt. Endlich kamen auch mein Vater und mein Anwalt. Nach 10 Jahren trafen mein Papa, meine Mutter und ihr Mann Reiner wieder aufeinander. Mein Anwalt entzerrte diese brisante Mischung gekonnt, indem er meinen Papa und mich in die Cafeteria einlud. Mit Betreten des Richters in den Gerichtssaal betraten auch wir den Raum. Hinter mir meine Mutter, dahinter ihr Mann. Ich bemerkte wie mein Papa aufgebracht gestikulierend mit meinem Anwalt sprach. Reiner, der Mann meiner Mutter grinste und lachte höhnisch. Ich drehte mich zu ihm um. „Was denn? Was denn?“, versuchte er mich zu provozieren. Der Richter reagierte prompt: „In Familienangelegenheiten sind Ehepartner grundsätzlich nicht von Verhandlungen ausgeschlossen, es sei denn es spricht etwas gegen die Anwesenheit.“ Ich entgegnete: „Ja, allerdings.“ Der Richter verwies Reiner des Gerichtssaals. Meine Mutter setzte sich neben mich, mein Anwalt jedoch rief mich auf seine Seite des Saals, wo auch mein Papa bereits Platz genommen hatte. Ich ließ meine Mutter also allein. Es schmerzte, sie so zu sehen, aber mir war klar, dass es Zeit war, ein deutliches Zeichen zu setzen. Der Richter schaute nur kurz auf, um die Anwesenheit zu klären. Dann sagte er mit Blick auf seine Akten: „So und sie haben in der Familiengeschichte gewühlt?“ Implodierend erwiderte ich kurz: „Ja.“ Er stellte sein Diktiergerät an und begann zu sprechen. Den genauen Wortlaut kann ich nicht mehr wiedergeben. Nach drei Minuten vernahm ich: „Dem Antrag auf Vaterschaftsanfechtung wird in allen Punkten gefolgt. Die Vaterschaft ist aufzulösen.“ Er fragte meine Mutter, ob sie Einwände hat. Sie verneinte mit zittriger Stimme. Jetzt blickte er mich an: „Sie können den nächsten Schritt einleiten.“ Die Verhandlung war geschlossen, meine Sitzfläche nicht mal handwarm. Damit hatte keiner gerechnet. Auf dem Weg aus dem Gerichtssaal sprach meine Mutter meinen Anwalt an und fragte, was denn der nächste Schritt sei. Mein Anwalt ging zu meiner Mutter und Reiner, erklärte jedoch lediglich den Verfahrensweg der Vaterschaftsanerkennung, der nach der Anfechtungsfrist des ersten Verfahrens eingeleitet werden könnte. „Ok, ihr könnt ja den hinteren Ausgang nutzen, wir nehmen diesen, damit es da nicht zu Missverständnissen kommt.“ Mit diesen Worten und einem herausfordernden Blick in meine Richtung verabschiedete sich Reiner von uns.

Ich fuhr zu meinem Freund und überraschte ihn mit einem Frühstück. Ich war erleichtert und enttäuscht zugleich. Wieder einmal schien niemandem die eigentliche Geschichte zu interessieren. 30 Jahre der Hintergehung und Lügen, drei Monate der Aufregung, der Trauer und des Schmerzes wurden in insgesamt 4 Minuten geklärt. Am gleichen Abend lud mich meine Mutter zu einem Familiengrillabend am nächsten Tag ein. Ich konnte es wieder einmal nicht fassen.

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Kuckuckskind Yelka Schmidt erzählt von ihren Erlebnissen auf dem Weg zur Klärung der Vaterschaft und den Folgen

Anatomie der Kuckucksgeschichte von Yelka Schmidt

Fortsetzung: „Weißt Du was er mir angetan hat?“ – Anatomie der Kuckucksgeschichte von Yelka Schmidt – Teil 10

Hier geht es zum vorangegangenen Teil 8 „Die Zeit vor dem ersten gerichtlichen Verfahren

Eine Auflistung aller Teile dieser Serie findest Du hier.

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Über Yelka Schmidt

Geboren im Mai 1981, seit März 2011 weiß ich, dass ich ein Kuckuckskind bin. Ich will kein Tabu sein. Ich lebe. Ich lache. Ich liebe. Ich spreche. Über mich. Über Dich? Miteinander? Das würde mich freuen. Ich schreibe. Meistens drauf los. Das befreit mich. Das hilft mir Aktuelles oder Vergangenes zu begreifen und vielleicht auch zu verarbeiten.
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7 Antworten zu Das Vaterschaftsanfechtungsverfahren – Anatomie der Kuckucksgeschichte von Yelka Schmidt – Teil 9

  1. Pingback: Deutlich höhere Vaterschaftstest-Nachfrage in der Vorweihnachtszeit | kuckucksvater

  2. charlotte schreibt:

    liebe yelka ich freu mich sehr für dich das du soo einen tollen partner gefunden hast … die haben es auch nicht leicht mit uns unsere lebensgefährten… kenn das von mir die müssen ganz schön was mitmachen auch… drück dich

  3. Pingback: Das Vaterschaftsanfechtungsverfahren – Anatomie der ... | ELBIWI | Scoop.it

  4. Emma's Schatz schreibt:

    @Deutschland wir werden die Kommunikation verbessern zu Gunsten der Kinder…ohne Aufklärung wird Scheinvätern und Kindern weiterhin wirklich schlimmes angetan!

  5. Emma's Schatz schreibt:

    Stimmt,stimmt,stimmt alles stimmt ,was Yelka schreibt.

    Bei mir nur in umgekehrter Form…lachende provozierende“männl.Entführer,sprich Täter“.
    Yelka, Deine Mutter ist meiner sehr ähnlich…meine Mutter war sehr verletztend in Worten im Streit,so das ich oft im Leben den Kontakt zu Ihr abbrach.Sie rief wie Deine Mutter z.b.an, um mich zum Grillabend einzuladen ein paar Wochen später…als wenn nichts gewesen wäre!
    Weißt Du Yelka, ich arbeite mit vielen Frauen zusammen und genau da erkennt man die Wahrheit…es gibt Typs die wollen immer die“Königinnen“sein!Ein extremes Verhalten…auch gegenüber Ihren Kinder ,Männern und Kollegen gegenüber…
    Mir wurde es „untersagt“von meiner Mutter mich mit Verwandten und damaligen Nachbarn zu treffen…ich bin ein sehr positiver Mensch und wurde ganz klar zum Tee gebeten!Meine Mutter verfügte weniger über diese Eigenschaft der Komunikation.Sie sagte mir:ES SIND ALLES IHRE LEUTE UND ICH SOLLE DIE FINGER DAVON LASSEN.
    Mein biol.Erzeuger hat sich auch nicht grade aus dem Fenster gehängt vor Eifer um seine Rechte gegenüber seinem Kind durchzusetzen.Mit Nachforschungen hätte er beweisen können,das hier Zwei gar nicht zusammen lebten nach Ihrer Heirat,sondern Jahrelang in verschied Wohnungen und Orten!Er hat Jenes einfach unterlassen um keinen Skandal ins Rollen zu bringen…ALLES AUF KOSTEN EINES KINDES…und der Rest lebte so weiter als ob nix wäre!

    ERST WENN ICH BEWEISEN KANN DAS DIESER BETRÜGER NICHT MEIN BIOL:VATER IST DANN IST HIER EINE FAMILIE BEREIT MIR SCHRIFTL:ZU BESTÄTIGEN ZU WEM MEINE MUTTER EINE FREUNDSCHAFT AUFRECHT HIELT!1961-1965…
    @Rote Erde :Mensch was habt Ihr nur mitverzapft…Ihr hättet es wissen müßen das ich Ihn finde…unglaublich starke starke Gene/Terrible Twins @Yelka and Emma’s Schatz, brechen durch eine Mauer des Schweigens!

    • charlotte schreibt:

      kann ich auch bestätigen das lauft genauso ab meine mutter hat genauso reagiert dann angerufen und gefragt und wann kommst wieder einmal vorbei war nix ist nix… alles ok 🙂 eh klar nicht mehr drüber reden schweigen und vergessen nur geht das nicht es zerreist dich innerlich… leider man muss weitermache. drück dich emma

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