Das sieht man doch! – Anatomie der Kuckucksgeschichte von Yelka Schmidt – Teil 4


Ich gehe bis heute gern ins Fußballstadion. Eigentlich schon seitdem ich 10 Jahre alt bin. Mein Papa fuhr damals, an sonnigen Wochenenden, mit mir auf dem Fahrrad ins Stadion. Irgendwann war ich dann alt und neugierig genug, allein zu fahren, natürlich in die Nordkurve, zu den ganz harten Fans. Mein Papa unternahm immer sehr viel mit mir, er begleitete meine Hobbies, er gab mir gut gemeinte Lebenstipps, aber nie bevormundend oder belehrend. Mein damaliger Freund war ebenfalls Fußballfan und ging regelmäßig mit seinem Vater ins Stadion. Wir verabredeten uns eines Samstags in der „Sports Bar“. Mein Papa und ich waren schon eher da und tranken gemütlich ein paar Kaltgetränke. Irgendwann suchte ich die Toilette auf. Als ich zurück kam, stand mein Freund mit seinem Vater an unserem Tisch und alle drei unterhielten sich angeregt. Ich war überrascht, schließlich hatten sich mein Freund und mein Papa vorher noch nie gesehen. Am Abend nach dem Spiel fragte ich meinen Papa, ob er meinen Freund anhand meiner Beschreibung erkannt und zu sich an den Tisch gerufen hatte. Er verneinte und sagte, dass mein Freund zielstrebig auf ihn zu kam und ihn mit den Worten begrüßte: „Sie müssen der Vater von Yelka sein.“ Ich war noch mehr überrascht. Seit Jahren hatte niemand mehr eine Ähnlichkeit zu meinem Papa und mir erkannt.

Am nächsten Tag traf ich mich mit meinem Freund. Wir kamen auf die Begegnung am Vortag zu sprechen. Ich fragte ihn, wie er meinen Papa zwischen all den Menschen in der Bar erkannt hat. Er sagte: „Das sieht man doch! Natürlich ist das Dein Vater. Ich sagte doch, Du sollst die Äußerung von Reiner (der neue Partner meiner Mutter) nicht so ernst nehmen. Der wollte bestimmt nur nett zu Dir sein, nach der Geschichte auf der Beerdigung.“

Ich war froh über diese Bestätigung. Meine Gedanken verdrängte ich. Ein paar Tage später stand eine Veranstaltung an, zu der mein Freund und ich mit meiner Mutter und Reiner anwesend waren. Wir hatten einen netten, ausgelassenen Abend. Bei der Verabschiedung sagte Reiner erneut: „Tschüss mein Kind.“ Jetzt wurde auch mein Freund skeptisch und meinte später am Abend zu mir: „Da stimmt wirklich etwas nicht. Der kann doch auch ‚Tschüss Yelka‘ sagen.“ Und schon waren die Gedanken wieder da und sollten mich auch erst einmal nicht wieder loslassen.

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Kuckuckskind Yelka Schmidt erzählt von ihren Erlebnissen auf dem Weg zur Klärung der Vaterschaft und den Folgen

Anatomie der Kuckucksgeschichte von Yelka Schmidt

Fortsetzung: Da musst Du erst an mir vorbei! – Anatomie der Kuckucksgeschichte von Yelka Schmidt – Teil 5

Hier geht es zum vorangegangenen Teil 3 „Tschüss mein Kind

Eine Auflistung aller Teile dieser Serie findest Du hier.

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Über Yelka Schmidt

Geboren im Mai 1981, seit März 2011 weiß ich, dass ich ein Kuckuckskind bin. Ich will kein Tabu sein. Ich lebe. Ich lache. Ich liebe. Ich spreche. Über mich. Über Dich? Miteinander? Das würde mich freuen. Ich schreibe. Meistens drauf los. Das befreit mich. Das hilft mir Aktuelles oder Vergangenes zu begreifen und vielleicht auch zu verarbeiten.
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