Das ganze Dorf wusste es – Anatomie der Kuckucksgeschichte von Charlotte aus Österreich – Teil 2


Artikelserie "Anatomie einer Kuckucksgeschichte"

Anatomie einer Kuckucksgeschichte – von Charlotte aus Österreich

Ich bin 47 Jahre alt. Vor zwei Jahren erfuhr ich, dass mein richtiger Vater durch einen Unfall ums Leben gekommen ist. Ich wusste nicht, was ich machen soll. Soll ich mich bei seinen Kindern melden? Ich entschloss einen Beileidsbrief zu schreiben und dort zu sagen, wer ich bin. Der Schock: die Kinder meines richtigen Vaters hatten keine Ahnung über meine Existenz. Die dachten zu Beginn, ich sei eine Verrückte, die vielleicht Geld von denen will. Dann gab es eine Kontaktaufnahme und ich schickte ihnen alle meine Unterlagen. Jetzt vertrauten sie mir und sie wollten mich kennenlernen. Alle vier schrieben mir Briefe, dass es ihnen leid tue, was mir passiert sei und dass sie versuchen wollen, es wieder gut zu machen. Beim Treffen gab es viele Tränen aber auch Freude und wir sprachen viele Stunden miteinander. Sie leben in einem kleinen Dorf, mit vielleicht 1.000 Einwohnern, in Oberösterreich.  Die Vier gingen dann herum und fragten im Dorf nach. Anscheinend wusste es wirklich jeder, nur die Betroffenen nicht. Das war auch für die vier ein Schock und sie fragten sich, warum nie jemand etwas gesagt hat.
Auf einmal machte dort ein Gerücht die Runde und eine Frau trat an die vier heran. Sie behauptete, dass alles eine Lüge sei und ich nicht die Tochter ihres Vaters sei. Sie wisse es, weil er es ihr einmal gesagt hat. Warum aber dann die Anerkennung der Vaterschaft in der Geburtsurkunde? Ich suchte selber das Gespräch mit der Frau. In mir keimten schon wieder große Zweifel und Schmerz. Ich suchte wiederum das Gespräch mit meiner Mutter. Gab es noch einen anderen Mann? Sie schwor Stein und Bein, dass es keinen Anderen gegeben hatte. Die Zweifel wurden größer und vergifteten meine Gedanken. Ich möchte einen Test machen. Aber geht das? Mein Vater ist tot. Ich machte den Test mit einem der Geschwister. Das Ergebnis ein weiterer Schock: ein gemeinsamer Vater ist ausgeschlossen.

Viele Fragen. Hat die Mutter der Geschwister einen anderen gehabt? Ist dieses Geschwister vielleicht ein Kuckuckskind? Darf ich das alles überhaupt? Wieder das Gespräch mit meiner Mutter. Ich flehe sie an, mir die Wahrheit zu sagen. Meine Mutter blieb bei der Aussage, dass dieser Mann mein Vater ist. Ich fragte sie nach einer Speichelprobe. Sie verweigerte. Mein Vater sollte immer einen Hut getragen haben. Kann man mit diesen Dingen auch einen Test machen? Das zweite Ergebnis bestätigte es nur noch: dieser Mann kann nicht mein Vater sein.

Ich war wie versteinert. Wo soll ich hin? Wo komme ich her? Wie sage ich es nur meinen angeblichen Geschwistern, dass ich doch nicht die Schwester bin? Wie werden die reagieren?

Ich konfrontierte meine Mutter mit dem zweiten Ergebnis. Meine Mutter behauptete, dass der Test fehlerhaft war. Sie riet mir sogar, meine angeblichen Geschwister anzulügen und ihnen nichts von dem Ergebnis zu erzählen. Aber ich konnte das nicht. Meine Mutter drohte sogar mit Selbstmord, sollte ich den Anderen von dem Ergebnis berichten und gab mir die Schuld. Ich trat dieser anderen Familie entgegen und sagte ihnen die Wahrheit. Ein schrecklicher Moment. Ich weinte und hatte unendliche Schuldgefühle. Die andere Familie äußerte jedoch Angst um mich und fragte sich, wie ich diese ganze Situation aushalte. Sie boten sogar an, meine Mutter anzurufen, um ihr zu sagen, dass man nicht böse auf sie sei.

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Artikelserie "Anatomie einer Kuckucksgeschichte"

Anatomie einer Kuckucksgeschichte – von Charlotte aus Österreich

Fortsetzung:  „Ich wurde depressiv – Anatomie der Kuckucksgeschichte von Charlotte aus Österreich – Teil 3“

Hier geht es zum ersten Teil: „Meinen richtigen Vater habe ich nie kennen gelernt – Anatomie der Kuckucksgeschichte von Charlotte aus Österreich – Teil 1“

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Über Max Kuckucksvater

Seit Anfang 2011 weiß ich nun, dass mein Sohn aus erster Ehe nicht mein leiblicher Sohn ist. Da ich weder im Netz, noch irgendwoanders Hilfe fand, gründete ich dieses Blog. Dieses Blog verbindet Kuckuckskinder, Scheinväter, Väter und Kuckucksmütter untereinander, stellt Hilfsthemen bereit. Zusätzlich klärt es die Öffentlichkeit über den stattfindenden Identitätsraub und Betrug auf, damit wir in Zukunft dieses Leid verhindern können. Der obligatorische Vaterschaftstest ab Geburt (OVAG) ist das einzige Mittel, welches das Kind sicher vor der Fälschung seiner Identität bewahren kann. Seither entstanden sehr viele Kontakte und Freundschaften zu Scheinvätern, Kuckuckskindern und anderen Betroffenen sowie Unterstützern. Der Austausch mit ihnen half mir dabei, meine Trauer zu verarbeiten. Und: Ja, ich lebe tatsächlich in Kolumbien. Inzwischen sind meine Frau und ich stolze Eltern einer Tochter. https://www.facebook.com/max.kuckucksvater
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