Tschüss mein Kind – Anatomie der Kuckucksgeschichte von Yelka Schmidt – Teil 3


Ende Juli 2010 wurde ich von meiner Mutter angerufen. „Ich glaube, Reiners Vater geht es nicht gut. Kannst Du mal gucken kommen?“ Ich kam, das hatte ich versprochen. Reiners Mutter und ich  ignorierten uns nun seit gut einem Jahr gekonnt. Als ich das Wohnzimmer mit dem Pflegebett betrat, drehte sie sich weg. Ich erkannte schnell, dass Reiners Vater im Sterben lag, nahm meine Mutter beiseite und sagte, sie solle einen Arzt rufen, aber darum bitten, dass er ihn nicht ins Krankenhaus einweist. Ich verabschiedete mich leise. Am nächsten Nachmittag, noch bevor der Arzt zum Hausbesuch kam, war er ruhig eingeschlafen und verstorben. Das habe ich diesem herzensguten 95 jährigen Mann, mit so viel Wissen, Kreativität und Humor, gewünscht.

Ein paar Tage später war die Beerdigung. Ich hielt mich im Hintergrund. Beim anschließendem „Frühstücksempfang“ für alle Trauergäste betrat ich als Letzte den Raum, alle saßen, kein Platz war mehr an der langen Tafel frei. Ich erblickte an einem wackligen Nebentisch ein Kaffeegedeck. Ich wusste, dass die alte Dame mir diesen Platz zugedacht hatte. Ich setzte mich. Erst jetzt realisierten Reiner und meine Mutter was passiert war. Ich deutete ihnen, dass alles in Ordnung war. Mein 3 jähriges Patenkind fand diesen Extratisch toll und baute alle Spielzeugautos auf und spielte mit mir. Die alte Dame versuchte erfolglos, ihren Urenkel zurück an den großen Tisch zu rufen. Irgendwann entschloss ich mich, diese Situation aufzulösen und begann mich von den mir bekannten Gästen zu verabschieden. Meine Mutter entschuldigte sich, Reiner nahm mich in den Arm und sagte: „Tschüss mein Kind.“ Ich zuckte zusammen, wich ein wenig zurück, verabschiedete mich auch hier und verschwand. Am Abend erzählte ich meinem damaligen Freund von diesem Tag. Er nahm mich in den Arm und sagte: „Nimm das alles nicht so ernst.“ Doch ich tat es.

* alle Namen geändert

==============================================================

Kuckuckskind Yelka Schmidt erzählt von ihren Erlebnissen auf dem Weg zur Klärung der Vaterschaft und den Folgen

Anatomie der Kuckucksgeschichte von Yelka Schmidt

Fortsetzung: „Das sieht man doch! – Anatomie der Kuckucksgeschichte von Yelka Schmidt – Teil 4″

Hier geht es zum vorangegangenen Teil 2 „Bastardkinder haben in meiner Familie nichts verloren

Eine Auflistung aller Teile dieser Serie findest Du hier.

Advertisements

Über Yelka Schmidt

Geboren im Mai 1981, seit März 2011 weiß ich, dass ich ein Kuckuckskind bin. Ich will kein Tabu sein. Ich lebe. Ich lache. Ich liebe. Ich spreche. Über mich. Über Dich? Miteinander? Das würde mich freuen. Ich schreibe. Meistens drauf los. Das befreit mich. Das hilft mir Aktuelles oder Vergangenes zu begreifen und vielleicht auch zu verarbeiten.
Dieser Beitrag wurde unter Geschichten, Kuckuckskind abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Tschüss mein Kind – Anatomie der Kuckucksgeschichte von Yelka Schmidt – Teil 3

  1. yelkaschmidt schreibt:

    Hallo Emma´s Schatz. Danke für Deinen Kommentar. Ich habe mich nach dem ersten Schock zu zwei Dingen entschieden: 1. ich werde diesen Fehler komplett rückgängig machen. 2. ich werde darüber nicht schweigen, obwohl es mir zugegebenermaßen noch nicht so leicht fällt, wie ich vielleicht dachte. Daher schreibe ich hier meine Geschichte. Danke für die VIP-Lounge. 🙂

  2. Emma's Schatz schreibt:

    @YELKASCHMIDT

    Ich weiss genau wovon Du sprichst und ich finde es große Klasse das Du schreibst was alles passiert ist!
    ICH FINDE DICH GROSSARTIG…
    Ich habe mich auch immer gewundert warum mein“Geburtstag“nie gefeiert wurde ;-/
    Ich hätte nie gedacht das wir z.t.nicht passend sind @World,ich kann mich auch nicht daran erinnern je etwas getan zu haben was dieses rechtfertigt!;D

    Prädikat „besonders Wertvoll“ bekam sogar einen „Regiestuhl“ zu Weihnachten geschenkt…während die anderen“eigenen“Kinder sich über Ihre gewünschten Geschenke freuen durften!
    Trumanshow vom feinsten…nun ich wünsche Dir liebe Yelka von Herzen das Beste und ich schreibe Dir um Dir zu sagen das Du nicht alleine bist ,an diesem wackligen Tisch und wir werden ihn etwas „restaurieren“ und so was nennt sich dann VIP-Lounge ;DDDDDDDD

    Drück Dich ganz dolle….

    .

Was ist Deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s