„Bastardkinder haben in meiner Familie nichts verloren“ – Anatomie der Kuckucksgeschichte von Yelka Schmidt – Teil 2


„Bastardkinder haben in meiner Familie nichts verloren.“ Geschockt von dieser Aussage musste ich mich erst einmal hinsetzen. Doch Reiner, der zweite Ehemann meiner Mutter, flippte völlig aus und ging seiner 92 jährigen Mutter an die Gurgel. Ich sprang dazwischen, drängte Reiner zurück. Dann packte ich die alte, kleine Dame am Kragen, zog sie hoch, bis 2 cm vor meine Nase, schaute ihr tief in die Augen: „Schönes Leben noch. Du bist für mich gerade gestorben.“ Das tat gut. Reiner und ich verließen die vollbesetzte und nun doch mit sehr schweigsamem Publikum versehene Cafeteria der Rehabilitationsklinik. Es war Muttertag 2009.

Eigentlich war Reiners Vater mit 94 Jahren der Patient in der Klinik. Er war zu Hause gestürzt. Ich organisierte die Pflege und Rehabilitation mit Begleitung der Ehefrau nach dem Krankenhausaufenthalt, ging für beide einkaufen und versuchte mich zu kümmern. Ich wollte in der Heimat, in der Familie wieder ankommen, nachdem ich 7 Jahre in einem anderen Teil Deutschlands lebte, studierte und Abstand zur Familie nahm. Als Dank dann das. Wir fuhren zurück nach Hause. Meine Mutter stand in der Küche. Sie sah sofort, dass irgendetwas geschehen war. Ich erklärte ihr alles, Reiner ging derweil mit dem Hund spazieren, um sich abzureagieren. Meine Mutter weinte. Ich sagte nur, dass meine Antwort zu der alten Dame ernst gemeint war. Ab sofort würde ich diese Person ignorieren, im äußersten Notfall würde ich ihrem Mann helfen. Zu meiner Überraschung wurde das akzeptiert.

Ein paar Wochen später gingen Reiner und ich mit unseren Hunden spazieren. Zusammenhangslos fragte mich Reiner: „Soll ich Dich adoptieren?“ Ich war verwundert: „Warum?“. „Naja, damit du erbrechtliche Ansprüche hast.“ Ich musste über so ein Angebot nicht nachdenken. Mit diesem Teil der Familie, wollte ich nichts zu tun haben. Ich lehnte ab.

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Kuckuckskind Yelka Schmidt erzählt von ihren Erlebnissen auf dem Weg zur Klärung der Vaterschaft und den Folgen

Anatomie der Kuckucksgeschichte von Yelka Schmidt

Fortsetzung: „Tschüss mein Kind“  – Anatomie der Kuckucksgeschichte von Yelka Schmidt – Teil 3″

Hier geht es zum vorangegangenen Teil 1 „Ich lasse jetzt die Bombe hochgehen

Eine Auflistung aller Teile dieser Serie findest Du hier.

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Über Yelka Schmidt

Geboren im Mai 1981, seit März 2011 weiß ich, dass ich ein Kuckuckskind bin. Ich will kein Tabu sein. Ich lebe. Ich lache. Ich liebe. Ich spreche. Über mich. Über Dich? Miteinander? Das würde mich freuen. Ich schreibe. Meistens drauf los. Das befreit mich. Das hilft mir Aktuelles oder Vergangenes zu begreifen und vielleicht auch zu verarbeiten.
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