Ich bin eine Kuckuckstochter! – Anatomie einer Kuckucksgeschichte von Eva Kuckuckstochter


Die Kuckucksfamilie - Wenn die Wahrheit nicht sein darf

Die Kuckucksfamilie – Wenn die Wahrheit nicht sein darf

Kuckuckskind – Kuckuckstochter / Zweifel – keine Ähnlichkeit / Deutschland – Wenn ich darüber nachdenke, was ich vor drei Monaten erfahren habe, ist es immer noch, als wäre es die Geschichte einer anderen. Ich kann es noch immer nicht richtig begreifen, obwohl ich schon einige Jahre von der Möglichkeit wusste…

Vor fünf Jahren sagte mir meine Mutter, dass es möglich sei, dass ich

einen anderen Vater habe als den, der mich großgezogen hat. Sie sagte es mir quasi nebenbei und seitdem ist auch nicht mehr darüber gesprochen worden. Ich wollte damals am liebsten sofort meinen potentiellen Vater, dessen Name ich kannte, anrufen. Ich hatte jedoch Angst vor den Folgen. So sagte ich mir, ich lasse erst einmal Gras darüber wachsen und erst, wenn mich der Gedanke garnicht loslassen würde, kontaktiere ich ihn.

Schon früher ist uns oft aufgefallen, dass ich eigentlich keine Gemeinsamkeiten mit meinem sozialen Vater hatte. Wir machten Scherze darüber, dass ich wohl nur die versteckten Eigenschaften geerbt hätte. Doch habe ich deshalb nie Zweifel gehabt, dass er es am Ende gar nicht sei.

Fünf Jahre schleppte ich den Gedanken schließlich mit mir herum. Er beschäftigte mich mal mehr, mal weniger, aber er verschwand nie richtig – das Gras wollte eben nicht drüber wachsen. Wenn ich meinen Vater sah, musterte ich ihn oft und suchte krampfhaft nach Ähnlichkeiten. Auch bei meinen Kindern waren keine äußerlichen Ähnlichkeiten mit ihm zu erkennen.

Durch einen Schicksalsschlag in der Familie nahm ich mir schließlich im Mai diesen Jahres ein Herz. Ich hatte nun das dringende Bedürfnis, die Zweifel auszuräumen. Ich musste wissen, ob er mein Vater ist und wenn ja, wollte ich ihn kennenlernen. Ich wollte nicht irgendwann eine Todesanzeige in der Zeitung lesen mit seinem Name und wissen, dass ich die Chance verpasst hatte. Ich suchte seine Adresse im Internet heraus, schrieb ihm einen kurzen Brief – nur eine A4-Seite – und gab ihn in die Post. Zwei Tage später hatte ich einen Anruf auf dem Telefon. Ich rief zurück und erkannte plötzlich, dass die Nummer von ihm war und legte sofort wieder auf. Mir schlug das Herz bis zum Hals, mir wurde schlecht. Ich zitterte, als das Telefon kurze Zeit später wieder klingelte. Kurz hatte ich den Drang, das Gespräch einfach wegzudrücken, doch dann nahm ich es doch an. In einem kurzen Gespräch verabredeten wir uns für den nächsten Tag in einem Café.

Wir kannten uns bereits flüchtig, waren keine komplett Fremden. Wir waren uns auch gleich recht vertraut. Er meinte schon, als wir uns sahen, er bräuchte eigentlich keinen Test. Wenn er mich ansähe, wüsste er schon das Ergebnis. Er versicherte mir auch gleich, dass er 100%ig zu mir stehen würde, wenn sich der Verdacht bestätigen würde. Das machte mir die Sache von Anfang an zumindest etwas leichter. Wir einigten uns dann, dass ich einen Test besorge und wir uns dann zur Probenentnahme wieder treffen. Diese waren schließlich vier Tage nach unserem ersten Treffen bereits auf den Weg zum Labor. Die nächsten Wochen waren schrecklich. Durch zwei Feiertage verzögerte sich alles etwas – aus den versprochenen zwei Woche wurden vier – bis der Brief mit dem Ergebnis endlich im Briefkasten lag.

Ich schrieb sofort eine SMS. Wir hatten uns ausgemacht, dass wir den Brief gemeinsam öffnen, deshalb verabredeten wir uns für den Nachmittag wieder in dem Café, in dem wir uns auch beim ersten mal trafen. Wir kamen gleich zur Sache. Ich packte den Brief aus und gab ihn ihm. Er machte ihn auf, ich hockte neben ihm und überflog ihn auf der Suche nach einer Prozentangabe. Und da war sie: Obwohl ich es geahnt hatte, zog es mir den Boden unter den Füßen weg… 99,99973589%. Wahrscheinlich wurde ich kreidebleich, ich setzte mich und war erstmal sprachlos. Jetzt sah ich den Mann, der mir da gegenüber saß, noch einmal mit völlig anderen Augen an. Er war tatsächlich mein Vater. Mein Leben war eine einzige Lüge und mir wurde schlagartig deutlich, dass ich in dieser Lügengeschichte nicht länger mitspielen wollte. Ich würde da kein Geheimnis draus machen. Wer es wissen will, kann es wissen. Und vor allem müssen es die erfahren, die es direkt betrifft – mein sozialer Vater, meine Geschwister, meine Kinder.

Nach und nach erfuhren es alle. Doch leider ist es in meiner Familie immer noch ein Tabuthema. Meine Mutter sieht scheinbar keinen Grund, darüber zu reden. Es herrscht Unverständnis gegenüber meinem Wunsch, meine wahren Wurzeln kennenzulernen. Mit meinem biologischen Vater treff ich mich recht häufig und er hilft mir durch seinen offenen Umgang mit dem Thema sehr. Einen neuen Bruder habe ich nun auch schon kennengelernt. In der Hinsicht läuft es wirklich positiv. Ich hatte die Befürchtung, auf Ablehnung zu stoßen, aber dem ist absolut nicht so. Allerdings wird es trotzdem noch einige Zeit dauern, bis ich das Ganze verarbeitet habe. Bis ich mit meiner Geschichte versöhnt bin und es vielleicht sogar als einen Gewinn betrachten kann. Im Moment überwiegt noch das Gefühl, betrogen worden zu sein – um die Wahrheit und mein Leben. Ich bekomme oft zu hören, dass mein Leben doch in Ordnung war. Und das war es auch, aber es war trotzdem eine Lüge. Es wäre anders gewesen, wenn von Anfang an die Wahrheit gesagt worden wäre – ob besser oder schlechter, sei dahingestellt. Es wäre damals sicher schmerzlich für alle Beteiligten gewesen, aber ob das eine Rechtfertigung dafür ist, jahrzehntelang eine Lebenslüge aufrechtzuerhalten, wage ich sehr zu bezweifeln.

Ich hoffe, dass solch eine Geschichte in Zukunft vielen erspart bleibt. Dass Mütter (und Väter – mein Vater ahnte es die ganze Zeit) erkennen, dass die scheinbare Harmonie, die sie mit ihrer Lüge bewahren wollen, mehr Schein als Sein ist.

Hier geht es zum nachfolgenden Teil: Die erste Zeit – Eva Kuckuckstochter lernt ihren Vater kennen

Hier geht es zur Vorstellung von Eva Kuckuckstochter:Hurra, es ist eine Kuckuckstochter! – Kuckucksvaterblog heißt die neue Autorin Eva Kuckuckstochter willkommen.

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Über Max Kuckucksvater

Seit Anfang 2011 weiß ich nun, dass mein Sohn aus erster Ehe nicht mein leiblicher Sohn ist. Da ich weder im Netz, noch irgendwoanders Hilfe gefunden hatte, habe ich dieses Blog gegründet. Dieses Blog verbindet Kuckuckskinder und Kuckucksväter untereinander, stellt Hilfsthemen bereit. Ein weiteres Ziel ist die Aufklärung der Gesellschaft über den stattfindenden Identitätsraub und Betrug, damit wir in Zukunft dieses Leid verhindern können. Der obligatorische Vaterschaftstest ab Geburt (OVAG) ist das einzige Mittel, welches das Kind sicher vor der Fälschung seiner Identität bewahren kann. Seither sind sehr viele Kontakte und Freundschaften zu Scheinvätern, Kuckuckskindern und anderen Betroffenen sowie Unterstützern entstanden. Der Austausch mit ihnen hat mir geholfen, meine Trauer zu verarbeiten. Und: Ja, ich lebe tatsächlich in Kolumbien. Inzwischen sind meine Frau und ich stolze Eltern einer Tochter. https://www.facebook.com/max.kuckucksvater
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3 Antworten zu Ich bin eine Kuckuckstochter! – Anatomie einer Kuckucksgeschichte von Eva Kuckuckstochter

  1. FemokratieBlog schreibt:

    @Papalapapi

    Elementare Lügen in der Familie belasten einen mehr oder weniger ein Leben lang.

    Ich erfuhr mit 17 Jahren auf einer Geburtstagsfeier meiner Oma, das ich in einem Heim gewesen sei. Diese Tatsache hatte mich nicht umgehauen, aber komisch fand ich es schon. Ich hatte von einem Heim damals die Vorstellung, das man tagsüber abgegeben und abends wieder abgeholt wird. Ich sprach meine Eltern darauf an und meine Mutter meinte, mal wieder mit Schläge reagieren zu müssen. Mein Vater hielt sie davon ab, wollte aber wissen, was denn so gesprochen worden sei. Dazu konnte ich kaum etwas sagen, weil das Thema durch meine Anwesenheit nicht weiter erörtert worden war. Deswegen antwortete ich, dass das doch nicht so schlimm sein, schließlich sei ja nicht viel Geld da gewesen, meine Mutter hätte anscheinend arbeiten müssen und wenn man abends wieder abgeholt wird, dann sei das doch i.O. Meine Eltern sagten weiter nichts dazu.

    Jahre später erfuhr ich von meiner anderen Oma, was ein Heim ist. Nicht nur, das meine Eltern mich abgegeben hatten, damit hätte ich noch einigermaßen gut leben können, denn nach dem Krieg waren die meisten Verhältnisse nun mal katastrophal. Meine Eltern haben mich auch so gut wie gar nicht besucht in dieser Zeit, Urlaub zu zweit war anscheinend wichtiger. Die wichtigsten Jahre im Leben eines Kindes hatte ich also in einem Heim verbracht, wo Kinderbettchen an Kinderbettchen aufgereiht war und kaum jemand Zeit hatte, sich um jedes einzelne Kind zu kümmern. Lediglich meine Oma und deren älteste Tochter hatten mich immer wieder mal besucht. Meine Oma hätte mich am liebsten mit genommen, aber mein Opa war dagegen, was ich heute nachvollziehen kann.

    Solche elementaren Dinge kann man nicht einfach abschütteln. Wenn man dann noch eine Mutter hat(te), die lieber zuschlug als zu argumentieren, dann rätselt man ein Leben lang, warum man nicht geliebt wurde. Die Fragen beschäftigen einen, je älter man wird, zwar immer weniger, aber wenn keine Antworten kommen, steht man lebenslang ohne eine Antwort da. Es ist und bleibt zum in die Haare raufen.

  2. Eva Kuckuckstochter schreibt:

    hallo papalapapi,

    kann sein, dass noch mehr dahinter steckt. aber das alles will ich trotz pseudonym hier nicht öffentlich machen. zu meinem sozialen vater habe/hatte ich eigentlich ein ganz gutes verhältnis. seit er es weiß, ist es etwas kühl, finde ich. wir haben auch noch nicht wieder darüber gesprochen…

    welche reaktion meinst du eigentlich? dass ich es überhaupt wissen wollte oder meine reaktion darauf, dass ich wirklich ein kuckuckskind bin. ich denk, wenn es in einer familie ein kuckuckskind gibt, liegt immer der hase im pfeffer – ganz egal aus welchem umfeld die beteiligten stammen.

    ich weiß nur, dass ich eben keine lügengeschichte mitspielen will. und dazu gehört eben auch, dass es alle, die es etwas angeht, erfahren. denke, das ist ganz normal. es gab/gibt in unsrer familie genügend geheimnisse – da hab ich keine lust drauf, auch noch so ein familiengeheimnis zu stützen…

    mfg eva kuckuckstochter

  3. Papalapapi schreibt:

    Ich spreche aus Erfahrung. Eine völlig andere zwar, dennoch. Mir ist leider überhaupt nicht klar geworden, was genau dich in bei dieser „Lebenslüge“ so belastet hat. Vielleicht ist dir das gar nicht bewusst.

    Natürlich, es ist sicher eine Enttäuschung, so lange nicht aufgeklärt und um Unklaren gelassen worden zu sein, wer der wahre Vater ist. Jedes Kind hat ein Recht darauf, seine wahr Herkunft zu erfahren.

    Nur hier bei deiner Geschichte, muss noch etwas anderes eine Rolle spielen. Wie ist denn das Verhältnis zu deinem „Stiefvater“? Und was trägst du mit deiner Mutter aus? In der Beziehung zu deinen „sozialen Eltern“ – die im Übrigen viel wichtiger für deine Entwicklung sind, liegt der Hase irgendwo im Pfeffer. Sonst würdest du nicht so reagiert haben, wie du es beschreibst.

    Möglicherweise hast du noch mehr NICHT gekriegt, als „nur“ die Wahrheit nicht. Und in sofern speist sich dein Groll – ich vermute insbesondere gegen deine Mutter – auch noch aus anderes, wesentlicheren Quellen. Diese aber sind wichtig, um die GANZ Geschichte zu verstehen.

    Weitere interessante Fragen wäre, welcher Generation ALLE deine Eltern entstammen. Waren sie Flüchtlinge? Welchem sozialen Status entwuchsen sie selbst? Welchem Umfeld, Dorf, Land, Stadt?

    Das alles hast du leider nicht beschrieben. Dennoch hast du jedes Recht der Welt, sauer, enttäuscht und erbost zu sein. Nur irgendetwas sagt mir, dass das noch nicht alles ist …

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