Biologische Vaterschaft – Meins oder seins? – Artikel mit Analyse


Jedes fünfte bis zehnte Baby ist ein Kuckuckskind. Jetzt bekommen misstrauische Männer das Recht auf einen Gentest. Über die biologische Vaterschaft und die Folgen einer Lüge. 

Text: Simone Schmollack, erschienen im Tagesspiegel am 30.03.2008

Da liegt ihr Handy auf der Kommode wie eine Einladung. Wenn ich jetzt darin lese, denkt Matthias, dann weiß ich, was Martina nächtelang treibt. Reflexartig greift der Mann nach dem Telefon und

switcht durch die SMS-Box seiner Frau. Er stößt auf unzählige Liebesbotschaften: „Vermisse dich.“ „Wann sehen wir uns wieder?“

Martina macht also gar keine Überstunden, sie hat einen Liebhaber. Das Karussell beginnt sich zu drehen. Matthias will alles wissen, Martina leugnet, so lange, bis sich die beiden nur noch anschreien. Dazwischen hockt Linus, der einjährige Sohn. Irgendwann reicht Matthias die Scheidung ein und sucht nach einer Umgangsregelung für das Kind.

Da sagen Freunde plötzlich: „Bist du sicher, dass Linus von dir ist?“ Das sitzt. Und dann nagt es, das Misstrauen. Und es wird immer größer. Bis Matthias es nicht mehr aushält und heimlich einen Vaterschaftstest macht: negativ. Linus ist nicht sein Sohn.

Nach Schätzungen der „Ärztezeitung“ ist jedes fünfte bis zehnte Neugeborene ein Kuckuckskind; in Deutschland sind das etwa 25 000 bis 40 000 jedes Jahr. (Anmerkung der Redaktion: Die Zahlen sind falsch! Es sind je nach Statistik 35.000 bis 140.000 Kuckuckskinder pro Jahr in Deutschland! siehe Artikel „Wieviele Kuckuckskinder werden jährlich in Deutschland geboren?“) Das Online-Portal des Bayerischen Rundfunks spricht von zwei Kuckuckskindern pro Schulklasse. Eine in der „Ärzte-Zeitung“ 2005 veröffentlichte britische Studie hat eine „Kuckuckskinder“-Rate von 3,7 Prozent in Europa ausgemacht. In einigen Wohngegenden von Liverpool und im Südosten Englands habe jedes dritte Kind nicht den angegebenen Vater, stellte der britische Sexualforscher Robin Baker bei genetischen Fingerabdrücken fest.

Welcher Mann will angesichts dieser Zahlen nicht hundertprozentig sicher sein, dass das Kind, das er groß zieht, dem er all seine Liebe schenkt, und für das er zahlt, tatsächlich sein eigenes ist? Seit Genlabors den Vaterschaftstest für jedermann anbieten, boomt das Geschäft mit der Angst: Meins oder nicht meins?

In Deutschland lassen jedes Jahr 40 000 Männer testen, ob ihre Kinder wirklich von ihnen stammen – und das sind ja nur die, die überhaupt Verdacht schöpfen. Jeder vierte von ihnen ist nicht der richtige Vater. Dann ist mit einem Mal nichts mehr, wie es war, eine Familie wird in ihren Grundfesten erschüttert.

„Es war, als würde der Boden unter meinen Füßen weggerissen“, sagt Matthias. „Ich war im Erziehungsurlaub, ich habe die Windeln gewechselt, ich habe nachts das weinende Baby herumgetragen“, sagt der 32-Jährige. Später treffen sich Matthias und Martina vor Gericht wieder, Matthias verliert seinen Sohn: Der Richter erkennt die Vaterschaft ab. Und Matthias wünscht sich nur noch eines, „das Gefühl, diese Frau nie gekannt zu haben“. Aus dem Dorf, in dem er mit Martina gewohnt hat, zieht er weg.

Wenn die Existenz eines Kuckuckskindes offenbar wird, ist die Schuldfrage rasch geklärt: Die Frauen lügen und betrügen, sie schieben ihrem Mann ein Kind als das seine unter. Damit bringen sie ihn um seine Nachkommenschaft und obendrein in eine peinliche Situation, sie setzen ihn dem Gespött der Leute aus. Außerdem muss er auch noch dafür zahlen, dass er übers Ohr gehauen worden ist. Als im Januar 2005 der Bundesgerichtshof entschied, dass heimlich durchgeführte Vaterschaftstests vor Gericht nicht verwertbar sind, ging ein Aufschrei durch die Presse und durch die Männerszene. Männer würden zu „Bürgern zweiter Klasse“ gemacht, empörte sich der Schriftsteller Rafael Seligmann. Väter würden zum „Freiwild betrügender Frauen“, klagte er an. Männerverbände warnten vor dem „Schlampenschutzgesetz“ und der „Spiegel“ rückte Väter in die Rolle der „puren Geldgeber“.

Übermorgen (Anmerkung der Redaktion: Artikel ist aus 2008) tritt ein reformiertes Vaterschaftsrecht in Kraft. Es räumt den Männern (und Kindern) mehr Rechte ein und zwingt – notfalls per Gerichtsbeschluss – die Frauen dazu, die biologische Vaterschaft offenzulegen. Dagegen wiederum ziehen manche Frauen zu Felde. Es sind doch die Männer, argumentieren sie, die ihre Familien verlassen, wenn sie keine Lust mehr auf sie haben. Nach einer Trennung kümmerten sich Väter nur noch selten um ihre Kinder.

Aber so einfach ist das nicht. Nicht jeder Mann läuft Gefahr, ein Kuckucksvater zu werden. Und nicht jede Frau ist eine potenzielle Betrügerin. Das ist immer eine Frage des gesamten Familiensystems, sagt die Berliner Psychologin Katrin Nickeleit. Der Grund, warum Frauen schweigen und auch Männer erst dann beginnen, genauer nachzufragen, wenn die Beziehung zur Frau in die Brüche geht, ist schlicht: die Sehnsucht nach der heilen Familie. „Das Geheimnis, dass ein Kind nicht von dem Mann stammt, der es groß zieht, muss gewahrt bleiben, damit die bestehende Familie nicht auseinanderbricht“, sagt Katrin Nickeleit. Und so gilt die Existenz eines Kuckuckskindes bis heute als eines der bestgehüteten Geheimnisse und ist neben Missbrauch und Inzest ein großes Tabu.

Als Jonathan 20 wurde und zum Studium in eine andere Stadt zog, fasste sich Nora ein Herz. Sie setzte sich in den Zug, um ihrem Sohn zu erzählen, dass nicht Jens sein leiblicher Vater ist, sondern ein anderer. Einer, den er noch nie gesehen hat. Jonathan war erschüttert über die Wahrheit, mit einem solchen Familiengeheimnis hatte er nicht gerechnet. Er brauchte ein paar Wochen, um zu begreifen, was vor sich ging. Und Nora litt, sie fürchtete, ihren Sohn zu verlieren. „Aus Angst, er würde sich abwenden, habe ich all die Jahre geschwiegen“, sagt sie.

Die Geschichten von Kuckuckskindern rufen Betroffenheit hervor. Und beide Elternteile müssen sich Fragen gefallen lassen. Die Väter beispielsweise die Frage nach der Wertigkeit des eigenes Gens. Warum ist es für Männer so wichtig, dass das Kind, das sie lieben, unbedingt von ihrem Samen stammen muss? Das Beharren auf eindeutiger Abstammung legt den Verdacht nahe, dass Männer der festen Überzeugung sind, Träger eines außerordentlich guten Erbmaterials zu sein. (Anmerkung der Redaktion: Ja, das besondere Erbgut hat jeder einzelne Mann, denn nur er alleine trägt sein Erbmaterial und möchte sich in seinen Kindern überleben sehen und so sein biologisches Überlebensrecht wahrnehmen) Warum wenden sich viele Männer vom Kind ab, wenn klar ist, dass es nicht das eigene ist? Sie lassen es so stark los wie sie vorher sein Vater sein wollten. Und Kuckucksväter sollten sich selbst fragen, warum sie Zweifel an ihrer Vaterschaft erst dann zulassen, wenn sie sich in der Beziehung zur Frau nicht mehr wohl fühlen. Solange mit der Liebe alles stimmt, verbannen Männer jeden leisen Gedanken an ein Kuckuckskind in die hinterste Ecke ihrer Seele. Wie die Mütter haben auch Väter eine tiefe Sehnsucht nach dem Heil der Familie. Ein fataler Kreislauf.

Der Wunsch, ihr Kind zu beschützen, treibt die meisten Mütter früher oder später in Situationen, die sie nicht mehr beherrschen. (Anmerkung der Redaktion: nicht haltbare Pauschalbehauptung siehe Artikel „Sind Kuckucksmütter kriminell?“) Eine vermeintlich kleine Lüge, aus Not, aus Scham, aus Furcht, wächst im Laufe der Jahre zu einem Gespenst heran. Warum machen sich Mütter selbst zum Mittelpunkt eines Dramas, an dessen Anfang sie zwar stehen, aus dem sie sich aber herausstehlen, indem sie lügen? Ist es wirklich einzig die Sorge um das Kind, die sie nicht die Wahrheit sagen lässt? Ist nicht oftmals die Furcht vor sozialer Ausgrenzung größer? Und die Angst vor dem Verlust des Partners? Das ist die Crux. Schweigende Mütter bauen sich und dem Kind keinen heimischen Frieden, sondern nur eine Illusion davon. Und sie versagen in jenem Vorteil, den Frauen gegenüber Männern vermeintlich haben: in ihrer Fähigkeit zur Kommunikation.

Das Tabu, in der eigenen Familie offen über ein Kuckuckskind zu reden, steht im krassen Gegensatz zur Welt, in der wir heute leben. Noch nie scheiterten so viele Ehen wie in den letzten Jahren (jede dritte Ehe wird geschieden), noch nie gab es so viele Kinder, die mit verschiedenen Vätern und Müttern aufwachsen. Der Auseinanderfall von biologischer und sozialer Vaterschaft wurde selten so stark thematisiert wie jetzt. Und die wachsende Zahl von Zweitehen mit weiteren Kindern zeigt, dass es nicht in jedem Fall das Gen ist, das zusammenschweißt. Warum also ist es so schwer, darüber zu reden?

Katrin Nickeleit kennt aus ihrer Praxis zahlreiche solcher Fälle, die eines offenbaren: Familienschicksale werden unbewusst weitergegeben, Familienverhalten wird vererbt. „Ich vermute, dass Kuckucksmütter aus Familien kommen, die kein liebevolles Miteinander hatten, in denen die Eltern verhinderten, dass man gut zueinander ist“, sagt die Analytikerin. Das ist eine Erklärung, aber keine Entschuldigung. Das sagt auch Katrin Nickeleit. Denn das Schweigen ist fatal. Das Geheimnis überschattet den gesamten Familienalltag von seiner ersten Minute an. Es verhindert, dass eine Familie das werden kann, was sie mit dem Geheimnis bezweckt: glücklich.

„Der Mann, dessen Namen ich schwarz auf weiß in meiner Geburtsurkunde las, war mir vollkommen unbekannt. Aber der sollte mein Vater sein“, sagt Emma. Sie war 25 Jahre alt, als sie zufällig erfuhr, dass ihr Vater nicht der leibliche ist. „Volltreffer. Und nun?“ Nach und nach begriff die junge Frau jetzt Vorfälle aus ihrer Kindheit und ihrer Jugend – und plötzlich verstand sie das Gefühl, das sie all die Jahre über begleitete: Fremdheit. „Ich gehörte einfach nicht in diese Familie.“ Diese Familie, das waren ihre Eltern und ihre beiden Geschwister, die leiblichen Kinder des Mannes, der Emma als ihr richtiger Vater vorgesetzt worden war.

Kuckuckskinder sind die eigentlich Leidtragenden in solchen Dramen. (Anmerkung der Redaktion: Warum die Ausgrenzung der Scheinväter als Opfer?) Aus der Adoptionsforschung ist bekannt, dass Kinder, die früh von ihren Eltern getrennt werden, ihr Leben lang an ihren „abgeschnittenen Wurzeln“ leiden. Es ist wichtig zu wissen, woher man kommt, um zu erkennen, wer man ist und warum man so geworden ist, wie man ist. Dieses Wissen wird Kuckuckskindern verwehrt. Die meisten Kuckuckskinder begeben sich, wenn das Geheimnis gelüftet ist, selbst auf die Suche nach dem unbekannten biologischen Teil ihrer Existenz. Manche finden ihn, andere nicht, einige halten den Kontakt aufrecht, wenn er erst einmal geknüpft ist, nicht wenige brechen ihn bald nach einem Treffen wieder ab. Sie sagen: Ich wollte nur wissen, wer mein Vater ist, wer meine Mutter ist. Das reicht mir.

Manchmal reicht das tatsächlich. Aber es genügen auch nur zwei Sätze, ganz am Anfang gesprochen: Nicht der, den du kennst, ist dein Vater, sondern ein anderer. Nicht du bist der Vater, sondern ein anderer. Kinder können vielmehr verstehen und verzeihen, als Eltern glauben. Sie können es aber kaum verstehen und schon gar nicht verzeihen, wenn sie belogen werden.

Wir danken Frau Schmollack für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung. Alle Rechte bleiben bei der Autorin.

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Über Marcus Spicker

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4 Antworten zu Biologische Vaterschaft – Meins oder seins? – Artikel mit Analyse

  1. Pingback: Simone Schmollack vs. Kinder- und Väterrechte im BaZ-Interview – Analyse | kuckucksvater

  2. Pingback: Tagesrückschau 30.06.2011 « FemokratieBlog

  3. Bruder Spagehttus schreibt:

    „Die Väter beispielsweise die Frage nach der Wertigkeit des eigenes Gens.“ Aha, die Männer haben also nur minderwertige Gründe wenn die einfach und entschuldbar nur in eine Notsituation getriebenenFrauen bei einem ganz zentralen partnerschaftlichen Thema lügen. Die naheliegende Idee, eine solche zentrale Lüge könnte die Wahrhaftigkeit der Partnerschaft grundsätzlich in Frage stellen und somit viel mehr als eine behauptete Wertigkeit des eigenen Gens Ursache für eine kommende Trennung sein, ist der Autorin nicht gekommen?

    „Sie (die Kinder) können es aber kaum verstehen und schon gar nicht verzeihen, wenn sie belogen werden.“ Richtig. Aber das trifft nicht nur auf Kinder zu.

    • kuckucksvater schreibt:

      Hallo Bruder Spaghettus, ich stimme Dir zu, dass es hier eben nicht nur um den Genpool geht. Es geht um das Vertrauen, Partnerschaft und last but not least, die eigene freie Entscheidung, ein Kind anzunehmen oder eben auch nicht.
      Die pauschale „sie will ja nur ihr Kind beschützen“ Aussage halte ich ebenfalls für einen kläglichen Versuch, den Persilschein für Kuckucksmütter auszustellen.
      Es gibt viele verschiedene Gründe, warum eine Frau sich dazu entscheidet, einem Mann ein Kuckuckskind unterzuschieben. Mehr darüber im Artikel „Sind Kuckucksmütter kriminell?“

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